Die Angst vor dem Blackout

Im schlimmsten Fall wäre bei einem Blackout in der Schweiz die öffentliche Sicherheit gefährdet. Notfallszenarien bei der Stromversorgung gewinnen deshalb an Bedeutung.

Risiko im Stromnetz: Schwankungen bei der Stromproduktion durch die erneuerbare Energie gefährden mitunter die Balance.

Risiko im Stromnetz: Schwankungen bei der Stromproduktion durch die erneuerbare Energie gefährden mitunter die Balance. Bild: Kai-Uwe Knoth/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kein Geld mehr in der Kasse, Banken mit geschlossenen Schaltern, verdorbene Lebensmittel, fehlendes Wasser und Tausende Tiere, die wegen einer nicht mehr funktionierenden Lüftung jämmerlich in den Ställen verenden. Die Vorstellung eines Blackouts im Stromnetz ist grauenhaft. Im schlimmsten Fall würde es nicht nur den öffentlichen Verkehr und die Arbeitswelt zum Erliegen bringen, sondern auch die öffentliche Sicherheit gefährden. Selbst die An­weisungen der Landesregierung übers ­Radio würden nur noch die wenigsten hören. Wer hat schon ein Transistorradio mit Batterien zu Hause?

Der Führungsstab des Kantons Solothurn hat diese Woche die Gefahren eines Blackouts thematisiert und die Abhängigkeit vom Strom auch anhand der Migros Verteilbetrieb Neuendorf AG aufgezeigt. Ob bei Tiefkühlprodukten (48 Prozent), Waschmitteln (31 Prozent) oder Toilettenpapier (42 Prozent), die Marktanteile der Genossenschaft sind beachtlich und für die Landesversorgung von Relevanz. Hans Kuhn, Geschäftsleiter des Verteilzentrums in Neuendorf, behauptet zwar, dass die Migros im Krisenfall bei der Versorgung mit ihren 2000 Verkaufsstellen und ausgeklügelter Logistik besser ist als die Armee. Aber auch die Migros ist zunehmend vom Strom abhängig.

Zum einen setzt die Genossenschaft beim Transport immer häufiger auf den Zug. Da in den nächsten zehn bis 20 Jahren das Nationalstrassennetz ­gemä­­ss Kuhn unzuverlässiger werden dürfte, transportiert die Migros schon heute 40 Prozent ihrer Waren auf der Schiene. Bei einem Jahresbedarf von 26 Millionen Kilowattstunden Strom – alleine für das Verteilzentrum in Neuendorf – sind bereits kleinere Stromausfälle ein grosses Problem. Letzte Woche wurde bei Arbeiten ein falscher Stecker entfernt. Als Folge davon war das riesige Tiefkühllager während anderthalb Stunden ohne Strom. «Wir hatten Glück im Unglück», sagte Kuhn am Montag beim Jahresrapport des Kantonalen Führungsstabes in Solothurn. «Das Lager blieb unversehrt.»

Angriffe aus dem Internet

Darauf zu hoffen, dass auch in Zukunft alles ein gutes Strom-Ende finden wird, wäre aber trügerisch. «Jeden Tag werden auf die schweizerische Stromversorgung Tausende Cyber-Attacken geführt», bestätigt derweil Paul Niggli, Stabschef Krisenstab bei Swissgrid, der Nationalen Netzgesellschaft, die als Übertragungsnetzeigentümerin den Betrieb des Schweizer Höchstspannungsnetzes verantwortet.

Nicht immer handle es sich um bösartige Angriffe. Kürzlich erst kam es in Österreich zu einem System-Blackout, weil in Deutschland ein falsches Signal gesendet wurde. Überhaupt passiert im europäischen Stromnetz gegenwärtig viel, was Anlass zur Sorge bereitet. Jedes Land wurstelt an der eigenen Energiezukunft auf Kosten des gemeinsamen Netzes. 2011 gab es gemäss Niggli bereits während 1520 Stunden Engpässe. «Tendenz steigend», wie er sagt. Seit Mai kommt es überdies zu gefährlichen Abweichungen. Die Frequenz sei ein kritischer Punkt, räumt Niggli ein. Dieser werde mehr und mehr ausgereizt.

Wäre das Netz nicht darauf ausgelegt, dass es täglich mehrere ernst zu nehmende Fehler gibt, wäre es längst Geschichte. Das N-1 genannte Prinzip garantiert, dass bei einem Ausfall oder einer Abschaltung eines Leistungstransformators, Generators oder einer Freileitung der Betrieb des Stromversorgungsnetzes aufrechterhalten wird.

«Stromverbrauch und -Produktion müssen stets ausgeglichen sein», sagt Niggli. So wie bei einer Waage, die in Balance gehalten werden müsse. Obwohl das europäische Stromnetz, das inzwischen von der Türkei bis nach Portugal reicht und bald auch Libyen erreicht haben wird, zu den besseren auf der Welt gehört, wurde in der Vergangenheit zu wenig investiert und unter den Staaten koordiniert. Das Beispiel von Deutschland belegt, wie Fehler politisch motiviert sein können. Im Zug der Energiewende wurden im Süden des Landes Kernkraftwerke abgestellt. Genügend Leitungen, den Stromüberschuss aus dem Norden des Landes in den Süden zu transportieren, gibt es gemäss Niggli aber nicht. Seit mehreren Jahren ordert deshalb die Bundesrepublik bei Swissgrid im Winter für 200 Millionen Schweizer Franken 2500 Megawatt installierte Reserven. Swissgrid wiederum kauft diesen Strom bei einem Pool von Energieversorgern ein. Diese fahren während der Jahreszeit ihre Kapazitäten nicht ganz hoch, um im Notfall ihren vertraglichen Abkommen mit Deutschland nachkommen zu können. Ein Notfall, der im letzten Winter dreimal eingetroffen sei.

Ohnehin hat die deutsche Energiepolitik inzwischen mehrere Nachbarstaaten selbst in Probleme gestürzt. Um bei windigen und sonnenreichen Zeiten die Überschüsse zu exportieren, werden die Netze in Tschechien, Polen, ­Österreich oder der Schweiz benötigt. Dort müssen sich die Energieversorger regelmässig auf die deutschen Stromlieferungen einstellen und selber die Produktion runterfahren, um nicht einen Blackout zu riskieren. Im Rahmen der Liberalisierung des Strommarktes und der milliardenschweren Anschubfinanzierung für erneuerbare Energie aus Wind und Sonne gibt es – bei nach wie vor nicht rund laufender Wirtschaft – inzwischen sogar happige Überschüsse. «An der Börse werden teilweise Negativpreise bezahlt. Wer Strom bezieht, kriegt Geld dafür», bestätigt Niggli. Oder dann kommt es umgekehrt, wie vor einigen Tagen, als wegen eines Sturms in Deutschland die Windräder abgestellt werden mussten, und die Schweiz den fehlenden Strom ins europäische Netz einspeisen musste, um die Balance im Netz zu wahren.

Klumpenrisiko Fotovoltaik

Zum Klumpenrisiko ist inzwischen auch die Fotovoltaik geworden, die wie der Wind häufig über staatliche Absatzgarantien verfügt und europaweit 25 Gigawatt installierte Leistung erreicht. Würde sie – aus welchen Gründen auch immer – wegfallen, wäre das Blackout vorprogrammiert, da die Reserven laut Niggli in Europa inzwischen auf drei Gigawatt gesunken sind. Die Versorgungssicherheit werde deshalb zum grossen Thema der Zukunft.

Die Katastrophenvorsorge bei Swiss­grid befindet sich in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung und dem Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen zuoberst auf der Prioritätenliste. Erst letzte Woche fiel in der Zentrale in Laufenburg die Telefonanlage aus. Für diesen Fall sind die Leute geschult. Unter anderem betreibt Swissgrid eine Ersatzleitstelle, wo im Rahmen einer Übung noch in diesem Jahr während mehreren Tagen das schweizerische Versorgungsnetz geführt wird. Regelmässig wird an Simulatoren getestet und die Versorgungslage analysiert.

Wenn es im schlimmsten Fall in ganz Europa dunkel geworden ist, braucht es für den Aufbau der schweizerischen Landesversorgung viel Feinarbeit in Schritten von fünf Megawatt, sagt Niggli. Das Funktionieren der Infrastruktur vorausgesetzt, wäre ein Blackout nach zwölf Stunden zu 80 Prozent behoben. Für jene Hunderte oder Tausende, die in Liften oder Zügen festgesessen wären, ein schwacher Trost. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.11.2013, 11:15 Uhr

Artikel zum Thema

10'000 Haushalte waren ohne Strom

In der Mittagszeit war die Innenstadt von Zürich von einem grossen Stromausfall betroffen. Grund war ein defektes Hochspannungskabel. Mehr...

Wiesel knipst in Chur die Lichter aus

Ein Nager hat in der Nacht auf Mittwoch im westlichen Teil der Stadt Chur einen rund vierstündigen Stromausfall verursacht. Mehr...

Die Schweiz fördert Solarenergie am Markt vorbei

Hintergrund Statt breiter Subventionen will die Wirtschaft mehr Wettbewerb durch Auktionen und Ausschreibungen. Mehr...

Wettbewerb

Gratis nach Singapur fliegen

Seit Anfang August fliegt Singapore Airlines auch ab Zürich mit einem neu ausgestatteten Airbus A380. Gewinnen Sie zwei Flugtickets.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!