«Die Ära Blocher ist vorbei»

Interview

Die SVP ist mit ihren Ständeratskandidaturen in Zürich, Aargau, St. Gallen und Uri gescheitert. Politberater Louis Perron über die jüngsten Wahlniederlagen der einstigen Erfolgspartei.

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Jan Knüsel

Die SVP ist mit ihren Ständeratskandidaturen in Zürich, Aargau, St. Gallen und Uri gescheitert? Wie ist dies zu werten? Das ist keine grosse Überraschung. Der Sturm aufs Stöckli war von Anfang an eine PR-Aktion. Nun ist diese zum Sturm im Wasserglas verkommen.

Blocher hat selbst in seiner Heimatgemeinde Herrliberg am wenigsten Stimmen erhalten. Um es einfach zu sagen: Die Ära Blocher ist vorbei. Das Gesamtresultat ist bemerkenswert. Christoph Blocher hat lediglich 122'000 Stimmen erhalten. Das sind 30'000 weniger als bei seiner Ständeratskandidatur 1987 und gar 50'000 weniger als bei Ueli Maurer vor vier Jahren. Christoph Blocher hat die Schweiz wie kein anderer Politiker geprägt, heute ist er aber klar gescheitert.

Im Kanton Aargau verliert die SVP erstmals seit 16 Jahren ihren Ständeratssitz. Weshalb ist das SVP-Schwergewicht Ulrich Giezendanner gescheitert? Giezendanner ist ein Hardliner, der ursprünglich aus der Autopartei kam. Er ist stramm auf Parteikurs. Im jetzigen Wahlkampf gab er sich zwar moderat, aber das überzeugte offenbar nicht. Eine solche Strategie muss man langfristig fahren. «Lösungsorientiert» und «moderat» fünf Mal am Tag zu sagen, reicht nicht aus.

Auch Toni Brunner ist gegen Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner von der SP unterlegen. Die Wahl im Kanton St. Gallen war ein spezieller Fall. Hätte Eugen David für den zweiten Wahlgang kandidiert, hätte er wie vor vier Jahren klar gegen Toni Brunner gewonnen. Weil sich David nach dem ersten Wahlgang beleidigt zurückgezogen hatte, bekam der zweite Wahlgang eine ganz neue Dynamik. Es ging darum, welche Minderheit besser mobilisieren kann. Man muss auch betonen, dass Paul Rechsteiner als Präsident des Gewerkschaftsbundes die kleinen Leute anspricht. In diesem Sinne hat er eine spezielle Ausstrahlung. Mit Themen wie Arbeitsplätze und Löhne schneidet er ins Elektorat von Toni Brunner hinein. Die Wahl von Rechsteiner als Sozialdemokrat im Kanton St. Gallen ist schon bemerkenswert. Dabei zeigt sich: Die SP hat eine Chance, wenn sie gute Kandidaten bringt und die Bürgerlichen gespalten sind.

Hat sich die SVP überschätzt? Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann sagte im Sonntag, dass seine Kantonalpartei «zu selbstsicher ans Werk» gegangen sei. Nach dem Abstimmungssieg bei der Ausschaffungsinitiative wurde die Partei wohl etwas übermütig. Sie hatte extrem Rückenwind und glaubte die 30-Prozent-Marke knacken zu können. Es fehlte der SVP an einer objektiven Selbsteinschätzung und offensichtlich ist sie eine falsche Strategie gefahren. Sie hat versucht die gleiche Wahlkampagne zu führen wie 2007, einfach ohne Christoph Blocher. Dieser spielte im Wahlkampf 2011 erstmals seit 1991 eine Nebenrolle. Doch eine alte Regel besagt: Gute Kampagnen sind nie eine Wiederholung von guten, alten Kampagnen.

Hat die SVP ihren Zenit erreicht? Das wird man sehen. Die Partei wurde schon oft tot geschrieben. Die SVP war bis jetzt immer geschlossen und geeint. Angesichts der Wahlniederlage wird sich das jetzt aber schlagartig ändern. Es wird schwieriger die SVP zu führen. Das spürt man bereits bei den Diskussionen zwischen den Moderaten und den Hardlinern. Es wird zu einem internen Richtungsstreit kommen. Die Bundesratwahlen vom 14. Dezember werden diesbezüglich der erste Akt sein.

DerBund.ch/Newsnet

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