Deshalb ist die Kinderbetreuung so teuer

Das Beispiel eines Paares mit 146'400 Franken Einkommen zeigt, wie viel Geld für die Kita weggeht. Und: Wie sieht das in anderen Städten Europas aus?

Es gibt nur wenige Möglichkeiten für eine Kita, die Personalkosten zu senken: ein Mädchen in der Kinderkrippe Rasselchischte im Zürcher Kreis 4. Foto: Sophie Stieger

Es gibt nur wenige Möglichkeiten für eine Kita, die Personalkosten zu senken: ein Mädchen in der Kinderkrippe Rasselchischte im Zürcher Kreis 4. Foto: Sophie Stieger

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Fast ein Fünftel seines Einkommens gibt ein Ehepaar in der Stadt Zürich im Durchschnitt für die Kinderbetreuung aus. So hoch sind die Kosten, wenn es seine zwei Kinder an dreieinhalb Tagen pro Woche betreuen lässt und wenn es zusammen 146'400 Franken brutto verdient. In Zürich bezahlen die Eltern ­gemessen am Einkommen überdurchschnittlich viel für die Kinderbetreuung: In Lausanne sind es 13 Prozent, in Lyon 6, in Frankfurt 5 und in Dresden gar nur 3 Prozent. Dies, nachdem die Eltern in der Steuererklärung bereits sämtliche Abzüge geltend gemacht haben. Das geht aus einer Studie hervor, die der Bundesrat aufgrund eines Vorstosses von CVP-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach erstellen lassen hat. Die Forschungsstelle Infras und die Universität St. Gallen haben neun Kindertagesstätten (Kitas) in Deutschland, Frankreich, Österreich und in den Kantonen Zürich und Waadt untersucht.

Schweiz ist nicht am teuersten

Die Eltern bezahlen in der Schweiz aber vor allem deshalb mehr als in den Nachbarländern, weil der Staat weniger bezahlt. In Zürich tragen die Eltern 66 Prozent der Kosten selber, in Lausanne 38, in Lyon 16 und in Frankfurt gar lediglich 14 Prozent. Die teuersten Kitas in der Untersuchung sind teuerungsbereinigt die zwei Betriebe in Frankfurt und jener in Lyon, erst auf Rang vier und fünf folgen die Schweizer Tagesstätten.

Nun will auch der Bund Geld in die Kinderbetreuung stecken: 100 Millionen Franken gibt er im Rahmen seiner Fachkräfteinitiative aus, um die Betreuung zu verbilligen und Angebote zu fördern, die es Eltern erleichtern, berufstätig zu sein. So haben es National- und Ständerat im Frühling beschlossen. Nur: Könnten die Kitas ihr Angebot nicht günstiger erbringen, statt dass der Staat sie mit Millionen subventioniert? Tatsächlich ermittelt die Studie zwei Bereiche, für die die Schweizer Kitas mehr Geld ausgeben als jene in den Nachbarländern: Zum einen haben sie länger geöffnet und benötigen dadurch mehr Personal. Da in der Schweiz aber auch die Arbeitszeiten länger sind, so folgern die Studienautoren, ist dies durchaus sinnvoll. Zudem zahlen Schweizer Kitas höhere Löhne. Diese sind aber nur im Vergleich mit ausländischen Kitas höher. Im Vergleich zur Entlöhnung in anderen Branchen in der Schweiz verdienen Betreuerinnen unterdurchschnittlich.

Infografik: Internationaler Vergleich der KrippenkostenGrafik vergrössern

Aber ob in der Schweiz, Deutschland oder Frankreich – überall geben die Kitas am meisten Geld für das Personal aus, zwischen 62 und 80 Prozent der Ausgaben. Sie sind ein personalintensives Geschäft: Eine Mitarbeiterin kann im Durchschnitt nur etwa fünf Kinder ­betreuen, und die Öffnungszeiten sind oft länger als ein Arbeitstag. «Will man günstigere Krippenplätze anbieten, bleibt fast nichts anderes übrig, als die Personalkosten zu senken», sagt Philipp Walker, Fachmann für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beim Beratungsinstitut Ecoplan.

Keine Abstriche bei der Qualität

Es gibt nur wenige Möglichkeiten für eine Kita, die Personalkosten spürbar zu senken, wie Ecoplan in einer eigenen Studie aus dem Jahr 2010 aufgezeigt hat: Sie kann die Kinder in grösseren Gruppen betreuen lassen; hütet zum Beispiel eine Mitarbeiterin fünf statt nur vier Kinder, sinken die Ausgaben um 25 Prozent. Eine Kita kann auch weniger qualifiziertes Personal beschäftigen; sind nur noch 50 statt 80 Prozent Gelernte, sinken die Ausgaben um 20 Prozent. Die dritte Möglichkeit wäre theoretisch, die ohnehin schon bescheidenen Löhne zu senken.

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Der Spielraum ist jedoch klein. Zwar finden viele Eltern, dass die Kosten zu hoch sind, wie sie in Befragungen an­gaben. «Bei der Qualität wollen sie aber keine Abstriche machen, nur um weniger zu bezahlen», sagt Walker. Etliche Kitas stellen gar mehr Personal ein, als sie müssten. Gemäss einer Untersuchung im Kanton Bern sind dies vor allem Private, die keine Subventionen erhalten und sich auf dem freien Markt behaupten müssen. Dabei hilft es ihnen, wenn sie eine intensive Betreuung und ein innovatives Konzept anbieten können. So haben sich auf dem Markt unabhängig von den gesetzlichen Vorgaben höhere – und teurere – Standards durchgesetzt.

Deshalb erstaunt es Nadine Hoch, ­Geschäftsleiterin des Verbands Kinderbetreuung Schweiz, nicht, dass sich Billig-Kitas nicht durchgesetzt haben. Der 2012 verstorbene FDP-Nationalrat Otto Ineichen wollte eine ganze Kette aufbauen und einen Platz für 70 Franken pro Tag anbieten. Heute kostet er im Durchschnitt 120 Franken. Die Kosten wollte Ineichen mithilfe von Freiwilligen senken. Seine beiden einzigen Kitas wurden jedoch von anderen Betrieben übernommen.«Viele Leute meinen, jeder und jede kann Kinder hüten. Aber Hüten und Betreuen sind nicht dasselbe», sagt Nadine Hoch. Man verkenne, dass der Beruf Wissen und spezielle Fähigkeiten erfordere. «Freiwillige können nur punktuell eingesetzt werden, etwa, um Kinder beim Spaziergang zu begleiten.»

Video – 100 Millionen für die Kinderbetreuung:

Das Parlament debattierte in der Frühlingssession über zusätzliche Gelder.

«In der Schweiz sind die Qualitäts­ansprüche wahnsinnig hoch», sagt der Zürcher FDP-Stadtrat Filippo Leuten­egger. Er ist zwar für Tiefbau- und Entsorgung zuständig, aber dennoch ein Fachmann in dem Gebiet. 1998, als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, gründete er eine Krippe, später einen Hort im Hof seines Hauses. Damals, so sagt er, habe es nicht eine einzige gesetzliche Auflage gegeben, heute eine Vielzahl. Sie seien gut gemeint, verteuerten den Betrieb aber enorm.

Die Kosten für Miete oder Ver­pflegung belaufen sich in Schweizer Kitas zwar nur auf 20 bis 25 Prozent der Ausgaben, aber auch sie können den ­Betrieb verteuern. So müssen Kitas ­mancherorts für Mädchen und Knaben ab fünf Jahren getrennte WCs anbieten. So können sie aber kaum in eine günstige Altbauwohnung ziehen, denn die haben oft nur ein WC. Vielen bleibt ­daher nichts anderes übrig, als neuere – und teurere – Räume zu mieten.

Dürfen es auch zwölf sein?

Um Kita-Plätze zu vergünstigen, sind nach Ansicht Philipp Walkers nur noch kleine Schraubendrehungen möglich. Es wäre denkbar, ältere Kinder in grösseren Gruppen zu betreuen: Im Kinder­garten sind sie in einer Gruppe von 16 Kindern, in der Kita hingegen nur in einer Gruppe von 8 (Deutschschweiz) oder 12 Kindern (Romandie). «Man kann sich überlegen, was ein gutes Betreuungsverhältnis für die verschiedenen ­Altersgruppen ist», sagt Walker.

Ginge es nach Filippo Leutenegger, sollte das Gesetz den Kitas mehr Freiraum bieten. Weil die meisten Eltern ihre Kinder nur an zwei oder drei Tagen zu ihnen bringen, sind sie sehr unterschiedlich ausgelastet. «Weshalb dürfen sie an einem Spitzentag nicht ein oder zwei Kinder mehr aufnehmen?», fragt er. Auch sollten die Kantone Bau- und Hygienevorschriften gegenüber Kitas nicht unangemessen streng anwenden. Das hat Leutenegger 2011 als Nationalrat gefordert. Seine Motion wurde ange­nommen, wie er sagt, passiert sei heute aber nichts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2017, 23:28 Uhr

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