Der laute Ruf nach einer Chefin

Die SP-Nationalrätin Barbara Gysi will Präsidentin des Gewerkschaftsbunds werden. Viele Frauen hätten sie dazu aufgefordert, sagt die St. Gallerin.

Will Frauenthemen vorantreiben: Barbara Gysi. Foto: Keystone

Will Frauenthemen vorantreiben: Barbara Gysi. Foto: Keystone

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Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei. Die St. Galler SP-National­rätin Barbara Gysi hat sich entschieden: Sie will Präsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) werden. Ihre Kandidatur hat Gysi bei der SGB-Findungskommission nun offiziell eingereicht. Zumindest ihr Interesse signalisieren darüber hinaus die SP-Nationalräte Marina Carobbio, Mathias Reynard und der Waadtländer SP-Regierungsrat Pierre-Yves Maillard. Maillard und Reynard wollen sich in den kommenden Tagen definitiv entscheiden. Gegeneinander kandidieren werden sie aber nicht. Die SGB-Delegiertenversammlung wählt ihre neue Präsidentin oder ihren neuen Präsidenten am 30. November.

Barbara Gysi präsidiert seit 2016 den Bundespersonalverband (PVB), sie ist Mitglied der Gewerkschaften Unia und VPOD sowie Vizepräsidentin der SP Schweiz. Natürlich habe die PVB-Geschäftsleitung sie zur Kandidatur aufgefordert, sagt die Sekundarlehrerin und Sozialarbeiterin. Ebenso entscheidend sei aber der Zuspruch von Frauen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung gewesen.

Der Frauenanteil in den Gewerkschaften müsse steigen und Frauenthemen entschiedener angegangen werden.

«Die Zeit für eine Frau an der SGB-Spitze ist gekommen», hätten ihr Frauen versichert. Die 54-Jährige ist vom weiblichen Anspruch überzeugt. Sie sagt: «In den Leitungsgremien des SGB sitzen nur ein Drittel Frauen. Damit ist die in den Statuten fixierte Mindestquote erfüllt.» Doch das genüge nicht. Der Frauenanteil in den Gewerkschaften müsse steigen, Frauenthemen müssten entschiedener angegangen werden. Dazu zählt die St. Gallerin Lohngleichheit, Rentenalter, Mindestlöhne, Vereinbarkeit von Berufsleben und Familie, flexible Arbeitszeitmodelle oder gar radikale Verkürzung der Arbeitszeit.

Gysi ist sich sicher: «Eine SGB-Präsidentin tritt bei Frauenthemen anders auf als ein Präsident.» Das brauche es jetzt, denn es gebe nicht nur zu wenig Frauen in den Gewerkschaften, diese fühlten sich von Gewerkschaften oft auch zu wenig vertreten. Die Tessinerin Marina Carobbio argumentierte in einem Interview im Westschweizer Radio letzte Woche ähnlich. Diskriminierung und Prekarisierung in der Arbeitswelt träfen vor allem Frauen, weil diese häufig Teilzeit oder auf Abruf tätig seien, sagt Carobbio. Als Frau kenne sie diese Probleme genau.

Erst eine Frau an der Spitze

Noch haben sich die SGB-Findungskommission und die Gewerkschaftsverbände in der Geschlechterfrage nicht festgelegt. Die Diskussionen laufen. Ebenfalls offen ist, ob die Kommission den Delegierten eine oder mehrere Kandidaturen vorschlägt. Im Fall einer Wahl von Carobbio müsste der SGB eine Spezial- oder Übergangslösung finden, weil die Tessinerin im Herbst voraussichtlich das Nationalratspräsidium übernimmt und beide Aufgaben gleichzeitig nicht ausüben kann.

Den Anspruch von Gysi und Carobbio auf das SGB-Präsidium könnte man auch damit begründen, dass der SGB in seiner Geschichte erst eine Frau an der Spitze hatte. Die Genferin Christiane Brunner teilte sich von 1994 bis 1998 das Präsidium mit Vasco Pedrina. Danach und bis heute besetzte mit Paul Rechsteiner ein Mann den Posten. Rechsteiner tritt nun zurück – nach 20 Jahren an der SGB-Spitze.

«Ein Dauerkampf»

Rechsteiners Nachfolgerin wurde Gysi schon einmal. 2011 ersetzte sie ihn im Nationalrat, nachdem er in den Ständerat gewählt worden war. Über Rechsteiner sagt Gysi, er sei eine Gewerkschaftsikone und eine absolut integre Persönlichkeit. Dem Eindruck, Rechsteiner baue sie seit Jahren als Nachfolgerin auf, widerspricht Gysi. Natürlich habe sie als Parteisekretärin der St. Galler SP Rechsteiners Wahlkämpfe einige Jahre mitkoordiniert und Gewerkschaftsarbeit geleistet. Sie sei ansonsten stets ihren eigenen Weg gegangen, betont die 54-Jährige.

In den zwölf Jahren als Wiler Stadträtin habe sie sich als Sozialdemokratin in einer CVP-Hochburg behaupten und das Gremium mit Argumenten überzeugen müssen. Die Erfahrungen aus Wil halfen ihr später in ihrem Amt als SP-Fraktionspräsidentin im bürgerlich dominierten St. Galler Kantonsrat, sie waren die Grundlage für ihre Wahl in den Nationalrat.

Schutz von Löhnen hat oberste Priorität

Dass Paul Rechsteiner mit dem Boykott der Verhandlungen für ein Rahmenabkommen mit der EU kurz vor seinem Karriereende als SGB-Präsident nochmals seine Muskeln spielen liess, hält Barbara Gysi für den richtigen Entscheid. Sie räumt dem Schutz von Löhnen und Arbeitsbedingungen und dem Erhalt von Arbeitsplätzen oberste Priorität ein. Sie wünscht sich gar noch griffigere Instrumente.

Gerade im St. Galler Grenzkanton sei die Durchsetzung der flankierenden Massnahmen «ein Dauerkampf», sagt Gysi. Das Volkwirtschaftsdepartement beschränke die Kontrollen auf ein Minimum. Die Diskussionen mit den Verantwortlichen seien schwierig, und auch im Kantonsrat lassen sich kaum Mehrheiten für die konsequente Durchsetzung der flankierenden Massnahmen finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 21:04 Uhr

Hearings mit Kandidaten

Die Findungskommission zur Besetzung des Gewerkschaftsbundpräsidiums hat Interessierte zur Kandidatur aufgefordert. Kandidaten müssen einen oder mehrere Gewerkschaftsverbände finden, die sie zur Wahl nominieren. Heute tagt der Zentralvorstand der Unia, deren Mitglieder Barbara Gysi, Mathias Reynard und Pierre-Yves Maillard sich zur Wahl stellen. (phr)

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