Hintergrund

Der alte Mann und die Wehrpflicht

Robert Heuberger ist Winterthurs Immobilienkönig, auch Literat und Mäzen. Jetzt mischt sich der 91-Jährige in den Abstimmungskampf um die GSoA-Initiative ein – und bekämpft diese mit Grossinseraten.

Die Schweiz braucht weiterhin eine Milizarmee: Robert Heuberger, Unternehmer aus Winterthur.

Die Schweiz braucht weiterhin eine Milizarmee: Robert Heuberger, Unternehmer aus Winterthur. Bild: TA

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Wer kennt Victor Vermont? Wer kennt das Theaterstück «Eine Frau bleibt eine Frau»? Wer hat das doppelseitige Inserat in der letzten «NZZ am Sonntag» zur Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht gesehen, gar aufmerksam gelesen? Wer kennt die Siska AG, die Schweizerische Aktiengesellschaft für sichere schweizerische Kapitalanlagen, eben Siska? Wer kennt den wohl besten Literaten unter den Schweizer Unternehmern? Wer weiss, wer den «Club of Rome» nach Winterthur holte? Wer einsprang, als das Stadtzürcher Stimmvolk den 1-Mio-Kredit an diese Organisation ablehnte und sie seit 2008 für fünf Jahre mit 1,8 Millionen Franken unterstützt? Wer weiss, wer den begehrten Innovationspreis für Jungunternehmer sponsert, der jeweils in Winterthur vergeben wird?

All dies läuft auf einen Mann hinaus, der 91 Jahre alt ist und sich einmischt, mit Geld und Geist, wie selten einer zuvor: auf Robert Heuberger, Unternehmer und Literat mit dem Pseudonym Victor Vermont, auch Vater von Günther Heuberger, der seit Jahrzehnten mit Radio Top und Tele Top die Ostschweiz mehr oder weniger erfolgreich berieselt.

Hotel-Büro-Komplex «Banana»

Nur selten tritt der alte Herr, tritt Robert Heuberger, in die Öffentlichkeit. Doch er hat seine Spuren gesetzt, vor allem in Winterthur, aber auch in Weinfelden, in der Ostschweiz überhaupt. Neben den Bahngeleisen gelegen, sind seine Werke, seine Bauten in Winterthur unübersehbar. Wer hat ihn nicht schon in Winterthur verwundert angeschaut, den Hotel-Büro-Komplex «Banana». Heuberger sollen gegen 2000 Wohnungen gehören, auch Hotels, Shopping-Centers, Büro- und Verwaltungskomplexe. Für 2012 weist seine Siska zwar lediglich einen Gewinn von etwas mehr als 18 Millionen Franken (nach allen Abschreibungen) aus. Die Wirtschaftspostille «Bilanz» führt ihn – immerhin mit einem Vermögen von 300 bis 500 Millionen Franken – in ihrer Publikation über die Reichsten in der Schweiz. Andere sehen in ihm einen Milliardär. Wie auch immer. Er kann sich Grossinserate in Zeitungen sicher leisten, genau wie sich sein Sohn die Top-Gruppe leisten kann.

Ja, hinter dem Literaten Victor Vermont, hinter dem so erfolgreichen Unternehmer, hinter dem Baulöwen, dem besorgten Vater, hinter dem Spender und Förderer steht ein Mann, der auch mit 91 Jahren noch von sich reden macht und weiter machen wird: Im Herbst will er seine Erinnerungen, seine Lebensgeschichte veröffentlichen. Karl Lüönd, der ehemalige «Blick»-Journalist, ein Autor vieler Unternehmensschriften, wie der von Ringier und von der Migros, ein begeisterter Jäger, ein journalistischer Alleskönner, hat ihm dabei geholfen.

Erinnerungen an die Kriegszeit

Und jetzt mag er nicht mehr warten: Er will in zweiseitigen Inseraten, dreimal hintereinander, seine Memoiren, sein Leben schon vor der Veröffentlichung in einem Buch unter die Öffentlichkeit bringen. Er erzählt im ersten Inserat, dass der Krieg 1939 noch weit weg war, im polnischen Osten. Aber: «Was würde mit uns passieren?» erzählt er. «Würden wir die Bewährungsprobe bestehen? Ich war noch nicht ganz 18 Jahre alt und Lehrling bei der Schweizerischen Volksbank im Städtchen Aaburg. Und auf einmal war ich der Filialleiter», weil seine Chefs im Aktivdienst an der Grenze standen. Durch sein Engagement will er mit allen Mitteln erreichen, dass das Schweizer Volk die GSoA-Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht hoch und wuchtig ablehnt. Er will aufzeigen, dass die Schweiz eine Milizarmee auch heute noch braucht. Und er schreibt: «Es kann wieder geschehen. Es wird ganz anders sein. Aber wir müssen bereit sein.»

Er will also noch einmal Geschichte schreiben, als alter Mann, als alter, wissender Mann, der weitergeben will, was er gelernt hat: Wachsamkeit.

Gefängnis, Festung oder Produktionsstätte Hitlers?

Ist es also wieder die Generation des Zweiten Weltkriegs, die erlebte, dass die Schweiz bedroht war, die uns ermahnen, uns aufrütteln muss. Ist es aber nicht auch die Generation, die zusah, als die Schweiz Tausende von Flüchtlingen über die Grenze zurückschickte, in den sicheren Tod. Es war zweifellos eine schicksalhafte Zeit, über die Friedrich Dürrenmatt in seinen späteren Jahren sinnierte: «Es war nicht auszumachen, ob die Schweiz ein Gefängnis war, eine Festung oder eine Produktionsstätte Hitlers.» Wir werden nie ganz erhellen können, weshalb uns Hitler verschonte.

War es, weil unsere Väter an der Grenze standen? War es, weil wir mit General Guisan einen national verbindenden Mann an der Spitze der Armee hatten, der dem Schalmeienklang deutscher Nazi-Ehren und deutscher Kriegserfolge widerstand und eine Schweizer Armee formte, die einem Angriff aus Deutschland und Italien widerstanden, es mindestens mit allen Mitteln versucht hätte? War es der freie Durchgang via Gotthard-Tunnel durch die Alpen? War es die Drehscheibe Schweiz für die Geheimen, die Banken oder eben die «Produktionsstätte Hitlers»? Wir werden es nie genau zu wissen bekommen.

Es geht letztlich um die Schweizer Identität

Wichtig ist aber, dass wir die Auseinandersetzung aufnehmen, auf die Argumente der Kriegsgeneration eingehen, sie an unseren Erkenntnissen messen. Die GSoA-Initiative erfordert zumindest eine Auseinandersetzung darüber, wie wir unsere Sicherheit künftig sichern, wie wir unserer Sicherheitspolitik künftig ausgestalten wollen.

Auch wenn es eigentlich um weit mehr geht: Es geht um unsere Identität. Geht sie immer noch vom damaligen Widerstand aus? Oder haben wir seit 1945 nicht doch mehr aus der Schweiz gemacht als das «Stachelschwein, das die Nazis im Rückzug einnehmen wollten»? Sind wir nicht eine ernst zu nehmende Wirtschaftskraft in Europa geworden? Ein Staat, der zwar nicht Weltgeschichte schrieb, aber Nobelpreisträger, Wissenschaftler und Schriftsteller von Weltruf hervorbrachte, Spitzenleistungen in Forschung und Wissenschaft und nicht zuletzt im Sport zuwege brachte?

Unsere Identität gründet also nicht nur auf der Geschichte. Das Heute gehört dazu. Auch die Aktion des Robert Heuberger, 91 Jahre alt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2013, 21:27 Uhr

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Anton Schaller ist Dozent, Unternehmensberater und Kolumnist von DerBund.ch/Newsnet. Er war Chef der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens sowie LdU-Kantons- und Nationalrat aus dem Kanton Zürich.

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