Der Verzicht auf Atomstrom kommt die Schweiz teuer zu stehen

Der Strompreis dürfte allein wegen des Verzichts auf AKW um über 15 Prozent steigen, sagt der Bund. Das trifft vor allem die Papierindustrie, die Metallhersteller sowie ärmere Haushalte und Rentner.

Auch der Ausbau des Netzes wird den Strompreis in die Höhe treiben: Stromleitung am Berninapass.

Auch der Ausbau des Netzes wird den Strompreis in die Höhe treiben: Stromleitung am Berninapass. Bild: Keystone

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«Der Atomausstieg hat seinen Preis», räumte gestern Bundesrätin Doris Leuthard ein. Wie hoch dieser genau ausfallen wird, weiss heute niemand. Aber Leuthards Fachleute im Bundesamt für Energie haben versucht, die finanziellen Folgen für die Volkswirtschaft zu schätzen.

Heute profitieren die Stromkonsumenten von billigem Atomstrom. Elektrizität aus erneuerbaren Energien kommt dagegen deutlich teurer zu stehen. In den nächsten Jahren wird sich dies noch nicht wesentlich im Strompreis niederschlagen. Denn der Bundesrat will die alten AKW ja vorderhand weiterlaufen lassen. Sobald sie aber durch alternative Energien ersetzt werden, ziehen die Stromtarife an. Das Bundesamt für Energie (BFE) geht davon aus, dass sie bis 2050 allein wegen des Atomausstiegs um etwas mehr als 15 Prozent steigen werden.

Hinzu kommen die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes. Auch sie müssen am Ende die Konsumenten bezahlen. «Dies wird in den nächsten Jahren der grösste Kostentreiber bei den Strompreisen sein», prognostiziert Leuthard. Der Netzausbau stehe aber ohnehin an, denn hier habe man in den letzten Jahren zu wenig investiert.

«Volkswirtschaftlich tragbar»

Ebenfalls in der Stromrechnung niederschlagen wird sich schliesslich eine allfällige Lenkungsabgabe zur Reduktion der Elektrizitätsnachfrage. Allerdings würde das so eingenommene Geld wieder an die Bevölkerung und die Unternehmen zurückverteilt. Leuthards Leute rechnen vor, dass der Strompreis für Haushalte von heute knapp 20 auf knapp 50 Rappen pro Kilowattstunde steigen müsste, um das Ziel der vom Bundesrat eingeschlagenen «neuen Energiepolitik» zu erreichen.

Unter dem Strich schätzt das BFE die Folgekosten des Atomausstiegs auf 0,4 bis 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts, was volkswirtschaftlich tragbar sei. Am stärksten betroffen sind die Metallhersteller und die Papierindustrie. Sie müssen mit einer Mehrbelastung von etwa 3 Prozent ihrer Wertschöpfung rechnen, wobei hier allfällige Lenkungsabgaben noch nicht berücksichtigt sind. Das könnte Auswirkungen auf ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit haben. Dieser Umstand werde aber dadurch gemildert, dass auch das übrige Europa seine alternden Kraftwerke ersetzen müsse, wodurch die Strompreise auch dort steigen würden, schreibt das BFE. Energieministerin Leuthard kann sich überdies vorstellen, die am stärksten betroffenen Branchen durch «bereits angedachte Lösungen» zu entlasten.

Bei den privaten Haushalten schätzt das Bundesamt für Energie die Mehrkosten auf 0,4 bis 0,7 Prozent des Einkommens, wobei hier Ärmere und Rentner «tendenziell stärker belastet» würden. Eine vertiefte Analyse soll in der zweiten Hälfte dieses Jahres folgen.

Zu viele Zweitfernseher

Nebst ersten Schätzungen zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Atomausstiegs haben Leuthards Leute gestern auch eine aktualisierte Version ihrer Energieperspektiven publiziert. Danach könnte die jährliche Stromnachfrage ohne Gegenmassnahmen bis 2050 auf rund 90 Milliarden Kilowattstunden steigen. 2010 waren es noch 60 Milliarden Kilowattstunden. Als Hauptgründe für den Zuwachs nennt das BFE das bislang unterschätzte Bevölkerungswachstum, die zunehmende Mehrfachausstattung der Haushalte (etwa mit Zweitfernsehern), die zunehmende Wohnfläche pro Person und die sich abzeichnende Elektrifizierung des Verkehrs.

Der Bundesrat will dem entgegenwirken und hat eine lange Liste möglicher Massnahmen ausarbeiten lassen. Nebst Förder- und Lenkungsabgaben denkt er unter anderem an Effizienzvorschriften für Geräte, Bonus-Malus-Anreize, eine Sensibilisierung der Bevölkerung sowie ein Förderprogramm zum Ersatz von Elektroheizungen und -boilern.

Bund, Kantone und Gemeinden sollen überdies mit gutem Beispiel vorangehen – etwa indem sie den Minergie-Standard einhalten, effizientere Tunnellampen einsetzen und nur noch Strom aus erneuerbaren Energien beziehen. Schliesslich will der Bundesrat die Stromnetze zu sogenannten Smart Grids umbauen, um den Stromverbrauch optimal steuern zu können. Auch will er das Schweizer Netz an das europäische «Supergrid» anschliessen. Er strebt daher noch in diesem Jahr den Abschluss der Stromverhandlungen mit der EU an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2011, 12:12 Uhr

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