Der Stadtbaum ist immer der Verlierer

Innenstädte drohen zu überhitzen, da Bäume an den Stadtrand verdrängt werden. Oft werden die Einheimischen durch asiatische Winzlinge ersetzt.

Wenn Bäume in der Innenstadt gefällt werden, wie hier am Zürcher General-Guisan-Quai, verhärten die Stadtböden. Foto: Sabina Bobst

Wenn Bäume in der Innenstadt gefällt werden, wie hier am Zürcher General-Guisan-Quai, verhärten die Stadtböden. Foto: Sabina Bobst

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Die Leserbriefspalten lokaler Zeitungen sind so etwas wie die Seismografen der Stadtsoziologie. Sie schlagen aus, wenn die Leute in ihrem Quartier etwas bewegt. Sie erlauben zuverlässige Vorhersagen, wann mit Erschütterungen zu rechnen ist. Zum Beispiel immer dann, wenn Stamm, Krone und eine Motorsäge im Spiel sind.

«Offenbar sind die Bäume nur noch lästige Dinge, die im Weg stehen» («Landbote», 5. März). «Vor unseren Augen wurden gesunde Bäume gefällt (...), auf dass ein weiterer steiniger, kalter Quartierplatz (..) entsteht» («Der Bund», 28. Juni). «Die Bäume und Büsche waren bereits grün, und mannigfaches Leben liess sich dort nieder. (...) Dieses ganze Leben verschwindet mit dieser Fällaktion» («Furttaler», 4. Mai). «Hilfe, rettet unsere Bäume!» («Limmattaler Zeitung», 29. Januar).

Diese Auswahl aus den letzten Monaten liesse sich ohne Schwierigkeit verlängern. Die Entscheidung, einen Baum zu fällen oder ihn stehen zu lassen, ist ein politischer Akt, gerade an den Orten fernab der Waldgrenze. Lange ging es dabei vor allem um Ästhetik – oder, wie in den Leserbriefen durchscheint, um Lebensgefühl und grundlegende Wertvorstellungen. Und lange interessierte das Schicksal von Quartierbäumen vor allem die direkte Anwohnerschaft.

Raimund Rodewald glaubt, dass sich das ändern wird. «Das Klima wird wärmer. Wir werden immer mehr Hitzesommer wie gerade wieder in diesem Jahr erleben», sagt der Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Die Stiftung hat eben erst eine Kampagne für mehr Bäume in den Schweizer Städten lanciert. Es sei «traurige Tatsache», dass die Stadtböden zunehmend «mineralisierten» und «verhärteten», sagt Rodewald. Bäume würden gestutzt oder gefällt, einmal weil sie einer kommerziellen Platznutzung im Wege stünden, ein andermal aus Sicherheitsgründen – oder auch einfach nur, weil der Schatten jemanden störe.

Aus seiner Sicht manifestiert sich hier die Kehrseite der innerstädtischen Verdichtung, die an sich sehr gewünscht ist, um der Zersiedlung der Landschaft entgegenzuwirken. «Bäume wären so nötig, weil sie vor hohen Temperaturen schützen und Feuchtigkeit abgeben. Stattdessen drohen unsere Städte zu überhitzten Steinwüsten zu veröden», fürchtet Rodewald.

Das Statistik-Problem

Die Bahnhofstrasse in Chur, Centralplatz und Esplanade in Biel, der Lettenkanal und der Sechseläutenplatz in Zürich, der «rote» Platz in Locarno: Es fällt Rodewald nicht schwer, aktuelle Beispiele für Fällaktionen oder einfach einen stossenden Umgang mit Stadtbäumen aufzuzählen. Versucht man, das Phänomen anhand von Zahlen und Statistiken dingfest zu machen, beginnen freilich die Probleme. Eine Schweizer Stadtbaumstatistik gibt es nicht. Und die Waldfläche nahm gesamtschweizerisch in den letzten Jahren zu, nicht ab.

«Die wachsende Waldfläche hat mit der Vergandung der Alpen zu tun. Im Mittelland nimmt der Baumbestand nicht im Geringsten zu. Zuallerletzt in den Städten. Unsere Städte sind für das Auto gebaut. Und wo ein Konkurrenzverhältnis zwischen Verkehr und Baum entsteht, ist immer der Baum der Verlierer.»

Die Feststellung stammt von einem Mann, der sich die Begrünung der Zürcher Innenstadt tagtäglich Lebenszeit kosten lässt. Morgens um fünf Uhr steht Umweltberater Andreas Diethelm jeweils beim Stauffacher in Zürich vor seinem Büro – und begiesst die dortigen städtischen Bauminseln. «Der Baum ist für sein Gedeihen auf eine ausreichende bewachsene Rabatte angewiesen», erklärt Diethelm. «Ich muss das selber machen, weil sich die Stadt dafür nicht zuständig fühlt.»

Das Versagen der Stadt

Diethelm ist seit Jahren ein scharfer Kritiker des Grünkonzepts der grössten Schweizer Stadt: «Es gibt hier keinen gesetzlichen Baumschutz.» Friesenbergstrasse, Werdinsel, Bellerivestrasse, Limmatufer, General-Guisan-Quai, Oerlikerpark, Stauffacher: Diese Strassen- und Flurnamen, Schauplätze grösserer Abholzungen in den letzten Jahren, sind für Diethelm Chiffren von Zürichs Versagen im Umgang mit seinen Bäumen. Die Begründungen der Stadt überzeugen ihn kaum je.

Einen Baum zu fällen oder ihn stehen zu lassen, ist ein
politischer Akt.

«Letzten November zum Beispiel hat die Stadt bei der Bürkli-Seeanlage die letzten dreissig von gesamthaft fünfzig über 100-jährigen Bäume fällen lassen – weil ein paar davon von einem Pilz befallen waren. Dabei ist ein Baum ein Lebewesen, das sich gegen einen Pilz wehren kann. Sechs Wochen nach der Fällaktion stand auf dem frei gewordenen Platz dann auf einmal ein Partyzelt.»

1600 Bäume mehr

Wer Lukas Handschin, Sprecher der Abteilung Grün Stadt Zürich, mit Kritik à la Diethelm konfrontiert, erhält ausführliche Antworten, munitioniert mit Zahlen und Statistiken. 22'000 Strassenbäume gebe es in Zürich. Davon müssten jährlich rund 250 bis 350 ersetzt werden, weil sie zu alt seien oder die Verkehrssicherheit gefährdeten. Jährlich kämen rund 200 Neupflanzungen hinzu. Der Bestand sei in den letzten zehn Jahren um 1600 Exemplare gewachsen, rechnet Handschin vor. Es sei zwar richtig, dass die Zahl der Bäume auf privaten Parzellen durch Bautätigkeit und innere Verdichtung sinke. «Darauf hat die Stadt aber keinen oder nur sehr ­geringen Einfluss.» Grün Stadt Zürich fälle keinen Baum ohne zwingenden Grund, hole in Zweifelsfällen auch Zweit- und Drittstimmen ein.

Weichen Statistik und gefühlte Wirklichkeit der Kritiker voneinander ab? Die Differenz dürfte sich unter anderem durch die unterschiedliche Bewertung eines unbestrittenen Fakts erklären: Die Baumlandschaft verändert sich. In der Zürcher Innenstadt herrsche im Sommer «schon seit Jahren ein Steppen­klima», sagt Lukas Handschin. Die Temperaturen seien um mehrere Grad höher als im Umland. Hinzu kämen weitere Stressfaktoren wie Bodenverdichtung, Abgase, Auftausalze im Winter und mechanische Schäden durch Fahrzeuge.

Die Folge: Einheimische Baumarten wie Buche, Esche, Ulme und Fichte beginnen zu leiden. Und werden oft durch hitze- und stressresistente Arten ersetzt, oft aus Asien stammend. Raimund Rodewald spricht von «Winzlingen, die auch selten gross werden dürfen.» Um das Klima in den Innenstädten zu verbessern, «müsste man für jeden gefällten grossen Baum mindestens fünf kleine pflanzen».

Baumfeindliche Tendenzen

Die baumfeindlichen Tendenzen unter den privaten Liegenschaftsbesitzern wiederum werden von den Landschaftsschützern mit einer gewissen Ratlosigkeit mitverfolgt. «Private Grünflächen weichen immer mehr den Schottergärten, die das Mikroklima aufheizen», konstatiert Raimund Rodewald.

Für Andreas Diethelm wäre ein strenger gesetzlicher Schutz angezeigt. Politische Mehrheiten für eine solche Forderung scheinen derzeit noch eher fern. Fest steht: Heisse Sommer, Ab­holzungen und kleine Exoten, die mächtige Eingeborene ersetzen, dürften noch für viele Debatten in den Leserbriefspalten sorgen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 08:53 Uhr

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