Der Revolutionär hat sich den Stahlhelm aufgesetzt

Ruedi Noser, Favorit für die Nachfolge von Felix Gutzwiller als Zürcher Ständerat, hat einen langen Weg im Freisinn hinter sich. Er sticht in der FDP heraus – im Guten wie im Schlechten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Brille war ein Überbleibsel aus den 90er-Jahren. Auf seinem T-Shirt prangte eine Internetadresse, zu einer Zeit, da man mit diesem Internet noch nicht so viel anfangen konnte. Der Hintergrund: eine überdimensionierte Schweizer Fahne und bärtige Nidwaldner in historischen Kostümen (Bild 2 in unserer Fotogalerie).

Ruedi Noser sah aus wie ein Ausserirdischer. Und er sprach auch so.

Der Auftritt an der freisinnigen Landsgemeinde in Nidwalden im Herbst 2004 war das leise Ende eines Projekts, mit dem sich der Freisinn (einmal mehr) neu erfinden wollte. Nach der Wahlniederlage von 2003 rief die Partei «Avenir Radical» ins Leben, eine gross angelegte Internetbefragung der freisinnigen Basis mit dem Ziel … nun … da war sich die Parteispitze nicht so sicher. Nur Ruedi Noser, der wusste ganz genau, was er wollte: Nichts weniger als einen freisinnigen Umsturz. In einem Text der WOZ aus dem Jahre 2004 sagt es Noser so: «Haben Sie in den letzten zwanzig Jahren von dieser Partei eine einzige Idee gehört? Eben. Was wir brauchen, ist eine freisinnige Revolution! Wir müssen jenseits der Tagespolitik Visionen haben – so radikal und so innovativ, dass die SVP sie nicht einmal denken kann!»

Spektakuläre Niederlage

Und Visionen, die hatte Noser damals. Er dachte an eine Schwebebahn zwischen Zürich und Basel, mindestens 400 km/h schnell und mit riesigem Sparpotenzial: Ein einziges Opernhaus würde der Schweiz in Zukunft genügen. Die Abschaffung sämtlicher Subventionen in der Landwirtschaft, Roadpricing, Fusion der Kantone zu sieben Grossregionen, Lebensarbeitszeitmodell statt starrem AHV-Alter.

Ein Jahr später war die Internetbefragung abgeschlossen – und die Niederlage von Noser spektakulär. Was als Visionen für eine liberale Schweiz von morgen begonnen hatte, endete in der Realpolitik der freisinnigen Schweiz von gestern. Subventionen abschaffen? Gerne, aber bitte nicht bei den Bauern. Tagesschulen fördern? Sicher, aber ohne staatliche Finanzierung. Und so ging das weiter an der Landsgemeinde in Nidwalden. Noser war zum ersten Mal Opfer von äusseren Umständen geworden. «Avenir Radical» war unter der linksliberalen FDP-Präsidentin Christiane Langenberger und mit intakten Chancen gestartet. Nach Langenbergers erzwungenem Rücktritt durch einen Putsch des rechten Parteiflügels (was Noser zu öffentlichen Tränen trieb) übernahm der stramme Wirtschaftsliberale Rolf Schweiger das Präsidium. Avenir radical war: tot.

Typischer Schulversager

Noser liess sich von der Niederlage nicht beirren. Er sei sich Rückschläge gewöhnt, sagt der Unternehmer (53) gerne in Interviews. Im Glarnerland aufgewachsen, war Noser wegen seiner Legasthenie, mit der er offen umgeht und die heute noch Spuren auf seinem Twitter-Account hinterlässt, ein typischer Schulversager. Er zog mit 15 nach Zürich, wurde Elektroingenieur und baute die Noser-Gruppe auf. Die Firma, die im Telekommunikationsgeschäft tätig ist, hat heute einen Jahresumsatz von 87 Millionen Franken und 450 Mitarbeiter. Er versteht sich als urbaner Vertreter des Freisinns, eine Karriere im Glarnerland wäre wegen seiner Schulprobleme auch kaum möglich gewesen, sagte er einmal in einem Interview.

Diese städtische, progressive Seite drückte bei der nächsten Niederlage von Noser durch. Massgeblich von ihm beeinflusst, zog die FDP mit einer verkopft-urbanen Kampagne in den Wahlkampf von 2007 und scheiterte grandios. Noser hielt sich dennoch zwei weitere Jahre im Vizepräsidium der Partei, bis er sich mit Präsident Fulvio Pelli überwarf («Ruedi Noser ist zu ungeduldig») und nach offen ausgetragenen Kämpfen von der Parteispitze verabschiedete.

Eines Besseren belehrt

Seither ist er offiziell, was er eigentlich schon immer war: ein freischwebender und kreativer Geist, nur sich selber verpflichtet. Noser kandidierte 2010 erfolglos für den Bundesrat, blieb aber seinen Ambitionen treu: Als die Bevölkerung 2013 die Abzockerinitiative von Thomas Minder angenommen hatte, wollte Noser die Schweiz quasi im Alleingang retten. «Die SP hat dem Erfolgsmodell Schweiz den Krieg erklärt!», sagte er bei der Gründung seiner Plattform Succèsuisse, die für ein liberales Wirtschaftsmodell einsteht und gegen jegliche linke Versuche kämpft, die Verteilungsgerechtigkeit in der Schweiz zu erhöhen.

Als Gründer von Succèsuisse war es vorbei mit seinen progressiven Tendenzen, was auch von ehemaligen Wegbegleitern wie dem Politologen Michael Hermann leicht irritiert zur Kenntnis genommen wurde. Hermann schrieb in einer Kolumne für den «Tages-Anzeiger»: «In unschweizerischer Manier machte Noser auf Klassenkampf von oben und wetterte gegen die angebliche sozialistische Gefahr. Aus dem progressiven Liberalen sprach auf einmal ein stahlhelmbewehrter Kalter Krieger.» Der Instinktpolitiker hätte es besser wissen müssen, schrieb Hermann. Und wird heute – kein halbes Jahr nach seiner Kolumne – erneut eines Besseren belehrt. In einer Diskussionsrunde im Fernsehen übernahm Noser das aktuellste rechte Narrativ und relativierte die bilateralen Verträge. Diese hätten heute nicht mehr die gleiche Bedeutung wie vor 20 Jahren. Ein Jahr zuvor hatte er in der NZZ bei der Gründung von Succèsuisse noch das Gegenteil erzählt: «Wer ehrlich ist, muss anerkennen, dass das Erfolgsmodell Schweiz auch auf den bilateralen Verträgen basiert.»

Überdeutliche Ambitionen

Progressiv oder konservativ, für die bilateralen Verträge oder dagegen – Ruedi Noser gibt Rätsel auf. Denn trotz seiner Volte zum Klassenkämpfer und radikalen Wirtschaftsvertreter hat er sich bis heute etwas von seinem Revoluzzertum behalten. Als quasi einziger Bürgerlicher kümmert er sich um digitale Themen in der Politik. Er hat sich vorstellen können, Julian Assange von Wikileaks Asyl in der Schweiz anzubieten, und kritisiert die unbedachte Preisgabe der Privatsphäre in den neuen Überwachungsgesetzen, die momentan im Parlament behandelt werden. Datenschutz in Zeiten des Internets – eigentlich ein urliberales Thema. Und eines, das laut Noser mit zu wenig Aufmerksamkeit und Sorgfalt behandelt wird. Als der Ständerat das neue Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (Büpf) durchwinkte, meinte er bissig: «Dieses Gesetz wurde im Ständerat von ein paar älteren Herren diskutiert, die keine Ahnung von digitaler Politik haben.»

Nun will er selber dorthin, zu den älteren Herren. Noser hat sich noch nicht zu einer möglichen Kandidatur vernehmen lassen, aber der Fall ist klar: Seit einem Jahr sind seine Ambitionen überdeutlich. Erst vor einem Monat hat er die Führung seiner IT-Firma abgegeben und ist nur noch normales Verwaltungsratsmitglied. Das schafft Zeit für den Wahlkampf, den er wohl gegen Rita Fuhrer von der SVP und Daniel Jositsch von der SP führen wird. Noser ist zum Gewinnen verdammt: Eine Zürcher FDP ohne Ständeratssitz ist undenkbar. Eine Niederlage wäre einmal mehr spektakulär – und wohl die letzte in der Politik-Karriere von Ruedi Noser. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.11.2014, 13:37 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Blogs

History Reloaded Zeit ist Macht

Von Kopf bis Fuss Biologische Ernährung senkt das Krebsrisiko

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...