Der Letzte seiner Art

Die Reaktionen auf den Tod von Alexander Tschäppät zeugen von der Sehnsucht nach damals, als alles einfacher war. Aber nicht unbedingt besser.

Der letzte Häuptling: Alexander Tschäppät an seinem Abschiedsapéro nach dem Rücktritt als Berner Stadtpräsident. Tschäppät verstarb am Freitag. Foto: Manu Friedrich

Der letzte Häuptling: Alexander Tschäppät an seinem Abschiedsapéro nach dem Rücktritt als Berner Stadtpräsident. Tschäppät verstarb am Freitag. Foto: Manu Friedrich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alexander Tschäppät starb, wie er gelebt hatte. In aller Öffentlichkeit. Seinen Mitmenschen machte das Schwierigkeiten. Ein Spruch, ein Gruss, ein Spass. Small Talk funktioniert besser mit einem gesunden Menschen. Was sagt man einem, der vor aller Augen immer dünner wird, dem das Leben so offensichtlich ausgeht, dass alle Hände der Erde nicht genügten, es zu retten? Ciao Alex, wie geits?

«Schlecht», antwortete er jenen, die noch fragten. In der Wandelhalle beispielsweise, im März, während der Frühlingssession des Nationalrats. Man sah ihm den Krebs damals schon deutlich an. Andere hätten sich vielleicht zurückgezogen. Er nicht. Er, der einst Absenzenkönig im Nationalrat war, kam jetzt jeden Tag an die Sitzungen des Parlaments. «Ich mache einfach weiter wie bisher. Gehe jeden Tag in die Stadt. Kaufe ein auf dem Markt. Nehme an Sitzungen teil. Me muess. Süsch geit me kabutt. Ob ich oft über meine Krankheit sprechen muss? Ja, es kommt schon vor. Aber mindestens die Hälfte der Leute wissen ohnehin nicht, was sagen. Sie gehen mir jetzt aus dem Weg. Aber das ist auch nicht so schlimm.»

Nun ist der ehemalige Stadtpräsident von Bern weg, für immer. Jetzt meidet ihn niemand mehr. Genau das hatte er vor seinem Tod befürchtet. Dass ihn nun nicht nur jene besingen würden, denen er vertraute, die ihm nah waren, sondern auch die anderen, seine Feinde. Am Begräbnis im Münster und auch sonst in der Öffentlichkeit. Dass die Heuchler sich aufplustern, sich adeln, indem sie ihn verklären.

Mit Haut und Haar

Und besungen wird er, so richtig. Die ­Reaktionen auf seinen Tod sind schwelgend, rührend, überwältigend. «Bern ohne Alex Tschäppät ist unvorstellbar», schreibt Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP). «Nichts war ihm zu viel, wenn es um die Bernerinnen und Berner ging, aber auch um die Schwächsten – in Bern, aber auch in der Welt. Er hat für uns gesorgt wie ein Vater. Jetzt müssen wir ihn gehen lassen. Ich bin traurig.» Die Young Boys melden sich («Trotz Krebsleiden verfolgte er den Weg der Young Boys zum zwölften Meistertitel mit grosser Leidenschaft und Freude»), die Bundeshausfraktion («Er hat es wie nur wenige Politiker verstanden, warme Herzlichkeit mit kühlem Verstand zu kombinieren»), ja sogar die Reitschule in Bern twittert: «Häbs guet Alex, du solidarischer Reitschule-Freund.»

Sein Ableben, so wirkt es, scheint auch das Ende der guten alten Zeit.

Im schönen Nachruf von Bernhard Ott im «Bund» steht geschrieben, Tschäppät habe sich der Stadt hingegeben, mit Haut und Haar. Das mag eine Erklärung sein für die überwältigenden Reaktionen auf den Tod des ehemaligen Stadtpräsidenten. Eine andere: Mit Tschäppät stirbt nicht einfach ein engagierter Lokalpolitiker und Stadtvater, mit Tschäppät endet eine Ära. Im gleichen Nachruf des «Bunds» wird der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel zitiert, der eine Biografie von Vater und Sohn Tschäppät geschrieben hat (auch Vater Reynold war Stadtpräsident von Bern). Er habe unlängst gelesen, es sei die Zeit der langweiligen, etwas gesichtslosen Stadtoberhäupter angebrochen, sagt Weibel. Wenn Bern von dieser Entwicklung eingeholt werde, «wird man sich mit leiser Wehmut an das Temperament und die Hingabe erinnern, mit der Alex seine Stadt vertreten hat».

Die Wehmut ist nicht leise, im Gegenteil. Und interessant ist, worauf sich diese Wehmut bezieht. Vermisst wird der «Menschenmensch», wie es eine holländische Botschafterin ausdrückt. Schriftsteller Jürg Halter sagt es so: «Mit Alexander Tschäppät ist ein grosser, volksnaher, nicht dogmatischer Linker mit Ecken und Kanten, mit vielen Stärken und einigen Fehlern viel zu früh verstorben. Das ist sehr traurig. Nicht zuletzt für die Berner und die Schweizer Politik.»

Video: «Er hinterlässt eine riesige Lücke»

Erinnert sich an seinen Vorgänger Alexander Tschäppät: Der aktuelle Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried. Video: Florine Schönmann/BZ

Sein Ableben, so wirkt es in den Tagen nach seinem Tod, scheint auch das Ende der guten alten Zeit in der Schweizer Politik. Die Zeit der echten Menschen, Menschen mit Fehlern und Stimmungen, fassbar und verletzlich, ehrlich und direkt. Diese «echten Menschen» machten Politik der alten Schule, bei der es weniger um Details oder demokratische Legitimierung oder Korrektheit bis ins allerletzte Komma ging, sondern darum, etwas zu tun. Etwas zu unternehmen. Etwas zustande zu bringen.

Wie gross der Kontrast zu den vielen makellosen Politikern von heute, die Jahrzehnte in der Öffentlichkeit verbringen können, ohne je einen Fettnapf zu erwischen. Die so viel Angst haben, etwas falsch zu machen, dass sie nie im Leben etwas richtig machen werden.

Nicht so Tschäppät. Bei ihm war Scheitern immer eine Möglichkeit. 2012, Tschäppät war schon acht Jahre Stadtpräsident von Bern, erklärte er, warum er vier weitere Jahre anhängen wolle. Grosse Projekte stünden an: das Tram Region Bern, die Planung im Viererfeld, das 50-Meter-Becken im Neufeld – und dann noch ein «Sächeli», das ihm besonders am Herzen liege. «Ich will einen Stadtinspektor einführen.»

Früher, als er ein Kind war, habe es einen Bahnhofinspektor gegeben. Der sei den ganzen Tag mit einem Kranz am Hut über den Bahnhof gelaufen und habe Dinge in Ordnung gebracht. «So einen will ich in der Stadt; einen, der die Ladenbesitzer beim Wickel nimmt und sagt: ‹Komm jetzt mal schauen, was du da für eine fürchterliche Leuchtreklame vor deinem Geschäft hast. Und wir wollen ein Weltkulturerbe sein?›» Auf dieser Ebene müsse das ablaufen, sagte Tschäppät. Ein Jahr später verhandelte die Stadt mit den Young Boys über die Sicherheitskosten für das Stadion. Parallel dazu liess sich Tschäppät von YB-Besitzer Andy Rihs an die Tour de France einladen. Rihs zahlte einen Teil der Reisekosten, liess Tschäppät in seinem Luxushotel in der Provence übernachten und die Etappe zum 14. Juillet auf den Mont Ventoux von einem Teamfahrzeug aus verfolgen. Tschäppät rechtfertigte sich später damit, dass es ein Termin war, um die Tour de France nach Bern zu holen.

Männer mit Fehlern

Den Stadtinspektor gibt es bis heute nicht, seine Regierungskollegen fanden die Idee in Zeiten des Spardrucks nur halb gelungen. Die Tour de France allerdings, die machte halt in Bern, grosses Ereignis und mittendrin: er. So machte der «Tschäppü» Politik, grosse Ideen, keine Rücksicht auf Verluste, manchmal klappte es und manchmal nicht.

In der Schweiz gab es früher viele wie ihn. Walther Bringolf, den langjährigen sozialdemokratischen Stadtpräsidenten von Schaffhausen, der jedes Jahr den neusten Mercedes fuhr und konsequent die Autonummer «SH 1» für sich beanspruchte. Ernst Wohlwend, auch er ein Roter, war viele Jahre Stadtpräsident von Winterthur. Wenn böse Leserbriefe in der Zeitung über ihn erschienen, kam es zuweilen vor, dass er den Absendern einen Brief schickte. Den aufbrausenden Elmar Ledergerber in Zürich. Und dann, natürlich, Reynold Tschäppät, den Vater von Tschäppät, 1979 im Amt verstorben. Einst griff er im Stadion des SC Bern zum Mikrofon, die Leute froren bitterlich, und rief: «Weit dir es Dach?» Die Menge johlte, Tschäppät senior antwortete: «Dir bechömed es Dach!» Kurz darauf musste der Gemeinderat beschliessen, was der Präsident schon allen versprochen hatte.

Audio: «One-Size-Tschäppu»

2016 kommentierte Alexander Tschäppät für die BZ seine amüsantesten Momente. (Video: Tamedia)

Grosse Männer, leutselige Männer, populäre und manchmal populistische Männer. Und alle hatten sie ihre Fehler. Auch Tschäppät. Auf der Bühne machte er lieber einen Spruch zu viel als einen zu wenig und vergriff sich dabei öfters im Ton. Seine Italienerwitze waren flach (und wurden legendär), das gebrüllte «Motherfucker Blocher» ebenso. Und dann war da die Sache mit dem Alkohol und die Sache mit den Frauen. Je höher der Pegel, desto anzüglicher wurde Tschäppät. Er machte daraus keine grosse Sache und flirtete selbst dann mit Frauen (plump), wenn er wusste, dass er dabei gefilmt wurde.

Gehörte halt alles dazu, zur «guten ­alten Zeit», in der Männer rauchend und trinkend die wichtigen Dinge der Welt besprachen und dazwischen der Serviertochter einen Klaps aufs Füdli gaben.

Und trotz diesen Fehlern ist das Bedauern echt. Mit seiner Zugänglichkeit, seiner Offenheit, seinem Engagement war Alexander Tschäppät ein Beispiel für einen guten Politiker. Ein Massstab für viele andere. Man hätte sich gewünscht, dass er es noch einige Jahre würde sein können. Für ihn. Und für uns.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2018, 21:12 Uhr

Artikel zum Thema

«Bern ohne Alex Tschäppät ist unvorstellbar»

Video Der Berner Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät ist am Freitag im Alter von 66 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Mehr...

Berns grösster Fan

Alle glaubten ihn zu kennen. Aber der einstige Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät war anders als das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm gemacht hatte. Mehr...

«Bern ohne Alex Tschäppät ist unvorstellbar»

Video Der Berner Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät ist am Freitag im Alter von 66 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Von Mitstreitern umkreist: Die «Rainbow Warrior» von Greenpeace bei einer Protestaktion gegen ein Kohleprojekt im Golf von Thailand. (21. Mai 2018)
(Bild: Arnaud Vittet/EPA) Mehr...