Der Graben bleibt tief

Die Wirtschaft müsse sich wieder mehr in der Politik einbringen, heisst es. Tut sie das für einmal, ist es auch wieder nicht recht.

Linke und Grüne nervten sich grausam über die Ideen von UBS-Chef Sergio Ermotti.

Linke und Grüne nervten sich grausam über die Ideen von UBS-Chef Sergio Ermotti.

(Bild: Arnd Wiegmann (Reuters))

Philipp Loser@philipploser

Tag 1 nach der Intervention von UBS-Chef Sergio Ermotti, Tag 1 nach der grossen Aufregung. Zeit, den Beitrag noch einmal in Ruhe zu lesen. Und festzustellen: Das sind keine Privatisierungs- und Deregulierungsfantasien wie zu Zeiten des «Weissbuchs». Was Ermotti in seinem Beitrag fordert – weniger Regulierungen für die Wirtschaft und vor allem weniger Steuern –, ist so oder in abgewandelter Form in den Programmen von allen Schweizer Parteien zu finden, die sich bürgerlich nennen. Das sei kein «Extremistenkatalog» gewesen, sagte der ehemalige FDP-Parteipräsident Franz Steinegger im «Blick» und nannte die Forderungen von Ermotti «etwas dürftig». Das wiederum hielt FDP-Nationalrat Ruedi Noser (ZH) nicht davon ab, auf Twitter den Gastbeitrag des UBS-Chefs als «richtiges, freisinniges Programm» zu bezeichnen.

Freisinnig und etwas dürftig – und trotzdem mit einer beachtlichen Sprengkraft. Linke und Grüne nervten sich grausam über die Ideen von Ermotti. Das habe nichts mehr mit der patronalen Fürsorge der Unternehmer von früher zu tun, sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran (ZH), die am Mittwoch eine süffisante Replik veröffentlichte. «Das ist nur noch Ego-Kram. Es geht Ermotti einzig darum, mit der Hilfe des Staats auf seine Eigenkapital-Rendite von 15 Prozent zu kommen.»

Die verlorene Glaubwürdigkeit

Es ist paradox: Seit Jahren wird in der Schweizer Politik (auch unter Linken) über die Entfremdung von der Wirtschaft geklagt. Und dann meldet sich ­einer der Wirtschaftsführer für einmal zu Wort, und es ist wieder nicht recht. Im Fall von Sergio Ermotti ist das ein Problem des Absenders: Ein Vertreter der UBS, die sich 2008 vom Staat retten lassen musste, will dem gleichen Staat erklären, was er zu tun hat. Aber das Prob­lem geht über den Absender hinaus.

«Die Wirtschaftsvertreter haben in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit verloren», sagt Politologin Antoi­nette Feh Widmer, die in einer im Herbst veröffentlichten Studie den Einfluss von verschiedenen Akteuren auf die Wirtschaftspolitik untersucht hat. Abzockerdebatte, Bonizahlungen, Finanzkrise: Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit haben gelitten. Für eine Annäherung brauche es mehr als einen Gastbeitrag im «Tages-Anzeiger». Die Vertreter der Wirtschaft müssten sich wieder ernsthaft mit den Gegebenheiten des Schweizer Systems auseinandersetzen, mit Parlamenten und Prozessen, sagt Feh Widmer. «Sie müssen wieder Teil des Systems werden.»

Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann hatte bereits am Erscheinungstag des Beitrags gegenüber dem TA die Wirksamkeit einer solchen Intervention bezweifelt. Die Reaktionen auf Ermotti bestätigen seine Einschätzung. «Einzel­aktionen von Topmanagern kommen in der Öffentlichkeit immer schlecht an», sagt Straumann. Viel wichtiger sei, dass die Wirtschaft wieder ein Interesse am Milizsystem entwickle. «In Schweizer Firmen muss Teilzeitarbeit endlich auch auf Kaderstufe selbstverständlich werden.» Ohne Entgegenkommen der Firmen sei ein Engagement der Mitarbeiter in der Politik so gut wie unmöglich. Es sei entscheidend, dass Wirtschaftsvertreter und Linke in der politischen Alltagsarbeit regelmässigen Austausch pflegten. Dann würde es auch einen Einwurf von Sergio Ermotti vertragen.

Und dann würde selbst Jacqueline ­Badran dem Wirtschaftsführer zuhören: «Und zwar, wenn ich spüre, dass der tatsächlich die gesamte Volkswirtschaft vor Augen hat – und nicht nur den eigenen Profit.»

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