«Der Einbau von Zweitwohnungen muss möglich bleiben»

Der oberste Hotelier der Schweiz, Guglielmo Brentel, sieht die Zweitwohnungsinitiative als Chance für die Hotelbranche. Dies aber nur, wenn weiterhin Ferienwohnungen in bestehende Häuser eingebaut werden dürfen.

Finanzierte mit Zweitwohnungen den Ausbau des Beherbergungsbetriebs: Das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide.

Finanzierte mit Zweitwohnungen den Ausbau des Beherbergungsbetriebs: Das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide.

(Bild: Dolores Rupa/zvg)

Christoph Aebischer@cab1ane

Guglielmo Brentel, in Ihrem Hotel in Celerina kann der Gast sein Fleisch einen Monat zum Voraus reservieren. Weshalb? Guglielmo Brentel: In einem kleinen Betrieb muss man etwas Spezielles bieten, um unverwechselbar zu sein. Das Fleisch ist eines von vier solchen Angeboten bei uns. Wir kaufen das Fleisch regional im Engadin ein. In einem Reifeschrank wird es während vier bis sechs Wochen geschmackvoll und gabelzart gemacht.

Fleisch ist teuer in der Schweiz. Mit einem solchen Aufwand wird es kaum günstiger? Fleisch ist das Zentrum eines Menüs, alles andere ist Beilage. Weil Fleisch in der Schweiz so oder so teuer ist, muss es besser sein. Nur so lässt sich der Preis rechtfertigen. Das ist generell der Weg für den Schweizer Tourismus: Wir können nicht billiger sein, nur besser.

Geht es auf bei Ihnen? Es ist uns nicht schlecht gelungen. Der Erfolg gibt uns recht.

Der harte Schweizer Franken dämpfte die Wintersaison. Hat Ihr Haus nicht darunter gelitten? O doch. Die Beherbergungszahlen brachen ein wie noch nie zuvor. Vor allem Gäste aus Italien und Deutschland blieben aus. Wer die Menge halten konnte, passte den Preis nach unten an. Aber das ist nicht unser Weg. Der Preis lässt sich danach kaum mehr anheben.

Wie geht es weiter? Mit dem überbewerteten Franken ist eine Grenze überschritten worden. Nun sind auch gute Betriebe gefährdet, die mutig investiert haben.

Ihre «Chesa Rosatsch» steht auf dem teuersten Pflaster der Schweiz. Bringt die Zweitwohnungsinitiative wenigstens etwas Abkühlung in den überhitzten Bodenmarkt? Das hängt von der Umsetzung der Initiative ab.

In Celerina sind sieben von zehn Wohnungen Zweitwohnungen. Ist das nicht ein Missverhältnis? Wir machen seit Jahrzehnten auf die Problematik der kalten Betten aufmerksam. Die Äusserungen des Komitees stimmen mich jedoch nicht besonders zuversichtlich, dass die anvisierte Lösung auch für uns gut ausfällt.

Mit der 20-Prozent-Grenze sollten doch wieder mehr Gäste in den Schweizer Hotels absteigen. Die Rechnung «Wenn keine neue Zweitwohnungen gebaut werden, buchen die Leute Ferien in Hotels» geht leider nicht auf. Vielleicht kaufen sie einfach anderswo Wohnungen.

Verloren Sie wegen des Zweitwohnungsbooms nicht auch Hotelgäste? Doch. Ich habe so jedes Jahr Stammgäste verloren. Ein Ferienwohnungsbesitzer ist ein Fan der Region. Er gehört zu den treusten Gästen. Aber seine Wohnung ist selten belegt, was hohe Infrastrukturkosten bedeutet.

Und trotzdem überwiegt bei Ihnen Skepsis? Wenn die Initiative in unserem Sinne umgesetzt wird, bietet sie die Chance für eine Renaissance des Schweizer Tourismus.

Was schwebt Ihnen vor? Man muss unterscheiden zwischen bestehenden und auf der grünen Wiese entstehenden Gebäuden. Das ist sehr wichtig. Wenn auf der grünen Wiese keine Zweitwohnungen mehr möglich sind, geht das in Ordnung. Doch würde der Einbau von Zweitwohnungen in bestehenden Gebäuden verboten, wäre ein Hotelier quasi gezwungen, sein Haus in der bestehenden Form bis in alle Ewigkeit zu betreiben. Dies selbst dann, wenn kein Markt dafür vorhanden ist. Umnutzungen müssen möglich bleiben.

Das Hotelsterben wird sich also fortsetzen. Nicht unbedingt. Damit sich ein bestehendes Hotel weiterentwickeln kann, sollte ein Anteil von Zweitwohnungen zugelassen werden. Mit dem Verkauf dieser Wohnungen wird die Erneuerung querfinanziert. Ich bin Verwaltungsratspräsident des Hotels Schweizerhof in Lenzerheide. Dort haben wir mit dem Verkauf von 6 Ferienwohnungen 33 neue Hotelzimmer, die Renovation von 11 bestehenden und einen Wellnessbereich finanziert. Ohne einen zusätzlichen Quadratmeter Land zu verbauen, entstanden 50 zusätzliche Arbeitsplätze.

Vermutlich ist das künftig nicht mehr möglich. Dann gibt es keine neue Hotels mehr. Oder bloss solche, die von Mäzenen finanziert werden.

Liesse sich das Modell eventuell mit bewirtschafteten Ferienwohnungen umsetzen? Das funktioniert bei einem Reka-Feriendorf. Geboomt haben jedoch vor allem Wohnungen für den Eigengebrauch. Jede Einschränkung schmälert den Verkaufserfolg. Kalte Betten sind nicht so einfach in warme umzuwandeln.

Was wäre die Alternative? Subventionen.

Bisher waren Sie doch dagegen? Bin ich immer noch. Einzelbetriebliche Subventionen sind ungerecht. Ich stehe für liberale Rahmenbedingungen ein. In der Regel haben wir kein Finanzierungs-, sondern ein Margenproblem: Betriebe, die rentabel geführt werden können, finden auch Kapital.

Sie haben ein Dilemma: Einerseits kosten Zweitwohnungen Hotelgäste, anderseits wollen Sie Ferienwohnungen zur Querfinanzierung von Hotels bauen. Es geht um das vernünftige Verhältnis. In der Lenzerheide haben wir es gefunden. Oder nehmen wir ein kleines Hotel im Dorfkern ohne Entwicklungsmöglichkeiten: Es kann nur in Zweitwohnungen überführt werden. Sonst droht eine Hotelruine.

Sie betonen jeweils, es gebe zu viele Hotels. Die Initiative wird also nur die notwendige Strukturbereinigung vorantreiben. Es gibt nicht zu viele Betriebe, es gibt zu viele, die keinem Marktbedürfnis mehr entsprechen. Zum starken Franken kommen nun noch Beschränkungen im Zweitwohnungsbau hinzu. Das setzt zunehmend gute Hotels unter Druck.

Welcher Weg führt in eine gesunde Zukunft? Die Schweizer Hotellerie wurde gross, weil sie innovativ war und weil sie internationalen Kunden Erlebnisse ermöglichte. Genau dies müssen wir wieder verstärkt tun. Dazu braucht es den gesetzlichen Spielraum, um Geld verdienen und die eingeleitete Entschuldung fortführen zu können. So wird sich die Branche aus eigener Kraft weiterentwickeln.

Kürzlich haben Sie sich für mehr internationale Hotelketten im Berner Oberland ausgesprochen. Ist das Ihre Vision? Im Berner Oberland fehlt so etwas. Hotelketten bringen ein internationales Vermarktungssystem mit. Die Betten sind weltweit buchbar, was zusätzliche Gäste bringt.

Die Stärke der Schweizer Hotellerie illustriert aber wohl eher das Grandhotel Giessbach von Franz Weber, dem Urheber der Zweitwohnungsinitiative. Das ist möglicherweise das schönste Hotel der Schweiz, in dem ich selber mehrmals zu Gast war. Einmal erwachte ich nach einem Gewitter und sah auf den Brienzersee mit seiner einmaligen Farbe hinunter, das war sensationell. Franz Weber hat das mit der Gründung einer Stiftung sehr clever gemacht. Finanziert hat das Hotel letztlich das Schweizervolk. Aber es braucht nicht nur traditionelle Häuser. Es kommt auf den Mix an.

Was zeichnet einen guten Hotelier aus? Kein Mensch reist, um auswärts zu essen und zu schlafen. Ich will in die Natur, eine Gegend kennen lernen, bin geschäftlich unterwegs. Dazu muss der Hotelier die entsprechenden Dienstleistungen erbringen und dem Gast Erlebnisse bieten. Der Hotelier ist kein Liegenschaftsverwalter, sondern ein Netzwerker. Im Engadin sassen die Hoteliers beispielsweise vor kurzem mit den Bergbahnen zusammen. Als Antwort auf den starken Franken werden wir nächsten Winter ein Kombi Übernachten und Bergbahnen anbieten können. Den Skipass gibt es dabei für lediglich 25 Franken Aufpreis pro Tag.

Berner Zeitung

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