Das leise Ende der Flüchtlingskrise

Während Europas Politiker über Migration streiten, sperren die Kantone Flüchtlingszentren zu. Ein Besuch in zwei bernischen Asyl-Unterkünften.

Die Asylunterkunft ist beinahe menschenleer: Matratzen braucht hier keiner mehr. Bild: Franziska Rothenbühler

Die Asylunterkunft ist beinahe menschenleer: Matratzen braucht hier keiner mehr. Bild: Franziska Rothenbühler

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Tack! Der dicke Schlüsselbund knallt gegen die grüne Tür. Martin Trachsel schliesst Zimmer 2 der Asylunterkunft Bern-Viktoria auf. Früher wohnten hier zwölf Personen. Jetzt stapeln sich Matratzen auf dem aufgequollenen Linoleumboden. 34 Stück, gewaschen, fertig zum Abtransport. Die Matten schlucken das Licht, das durch das schmale Fenster an der Rückwand fällt. Martin Trachsel hängt die Schlüssel zurück an seinen Hosenbund. «Ja», sagt er, «es geht dem Ende entgegen.»

Von welchem Ende er spricht – das ist für einen Augenblick nicht ganz klar. Vom Ende der Asylunterkunft im Stadtberner Breitenrainquartier, das die bernische Kantonsregierung Anfang Sommer besiegelt hat; oder von seinem Ende als dessen Leiter.

Seit 2015 war die ehemalige Feuerwehrkaserne Viktoria das Reich von Martin Trachsel. Er leitete die Unterkunft, baute die Freiwilligenarbeit auf, organisierte das Zusammenleben der bis zu 150 Bewohner. Vor kurzem hat er von der Heilsarmee, der Betreiberin der Asylunterkunft, die Kündigung erhalten. Wie es jetzt weitergeht, weiss Martin Trachsel nicht. Er werde Bewerbungen schreiben, sagt der 57-jährige Heimleiter. «Und dann warte ich auf einen Anruf.»

Es sind nur noch 11 Bewohner da. In diesen Tagen ziehen auch sie aus.

Wie Trachsel geht es derzeit vielen Mitarbeitern von Asylunterkünften. Nach eigenen Angaben musste die Heilsarmee seit Anfang 2017 rund 160 Mitarbeiter aus dem Asylbereich auf die Strasse stellen. Auch ORS, die grösste Anbieterin von Asyldienstleistungen in der Schweiz, baut ab: Seit 2017 habe das Unternehmen 19 Asylunterkünfte geschlossen und im Zuge dieser Massnahmen 200 Vollzeitstellen gestrichen, erklärt eine Sprecherin. Nur für die Hälfte der betroffenen Mitarbeiter habe man Lösungen in anderen Asylunterkünften gefunden.

Rückbau der Asylinfrastruktur

Der Trend schlägt sich auch auf nationaler Ebene nieder. Die Kantone haben in den letzten zwei Jahren Dutzende Unterkünfte zugesperrt und ihre Unterbringungskapazitäten für Asylsuchende um rund 7500 Plätze oder 30 Prozent gesenkt. Dies hat eine Umfrage von DerBund.ch/Newsnet bei allen 26 Kantonen ergeben. Diese Entlastungen wirken sich bereits auf die Finanzen der Kantone und des Bundes aus. Nach neusten Schätzungen werden die Asylausgaben der Eidgenossenschaft im laufenden Jahr rund 130 Millionen Franken unter den Erwartungen bleiben.

Die Gründe für den Rückbau der Asylinfrastruktur liegen auf der Hand: Zum einen findet eine Verlagerung von den Kantonen zum Bund statt. Rund 3000 Unterkunftsplätze sind in den im Aufbau befindlichen Bundesasylzentren bereits verfügbar, 5000 sollen es dereinst sein. Noch viel stärker fällt ins Gewicht, dass die Zahl der Asylgesuche seit 2016 sinkt. Im ersten Halbjahr 2018 stellten noch 7820 Personen in der Schweiz einen Asylantrag. Einen so tiefen Wert haben die Migrationsbehörden letztmals im Jahr 2010 registriert.

Die Schlüssel kehren zurück ans Brett. Auch sie werden nicht mehr gebraucht. Bild: Franziska Rothenbühler

Wenn 2015 zur Chiffre für die europäische Flüchtlingskrise wurde, so markiert das Jahr 2018 die Rückkehr zur Normalität. Und das nicht nur für die Behörden, sondern auch für die Gesellschaft und insbesondere für die Menschen im Umfeld der Asylzentren. Das wirft Fragen auf: Wie werden sie sich an diese Zeit erinnern? Was bleibt zurück von der Flüchtlingskrise? Und was verschwindet, wenn eine Asylunterkunft aufgehoben wird, wenn der Kontakt mit deren Bewohnern abbricht?

Über 200 meldeten sich als Freiwillige

Martin Trachsel läuft durch die Gänge der Unterkunft Viktoria. Es herrscht eine Atmosphäre wie am letzten Tag eines Klassenlagers. Der Waschbereich ist geschrubbt. Im Esssaal stehen die Stühle auf den Tischen, die Kochplatten sind sauber, nur am Spülbecken rinnt der Wasserhahn. «Den müssen wir unten abstellen, der Drehgriff ist abgebrochen», sagt Trachsel. Ein Handgriff hier, ein Reparatürchen dort: Die Probleme in der Asylunterkunft Viktoria sind überschaubar geworden.

Wie anders war das damals, 2015, als die Menschen kamen, übers Mittelmeer und die Berge im Balkan, und die Asylunterkünfte überlastet waren. Damals, als die Berner Stadtregierung Hand bot und die alte Kaserne der Heilsarmee übertrug. «Damals war das eine optimale Lösung», sagt Martin Trachsel. Im Herbst 2015 zogen die Asylsuchenden in das alte Gemäuer am Berner Viktoriaplatz. 150 waren es zu Beginn, später waren es noch 100. Sie lebten mitten in der Stadt, wenige Minuten vom Zytglogge-Turm entfernt. Und die Asylsuchenden wurden wahrgenommen, nicht länger hockten sie in den Zivilschutzanlagen an den Rändern der Stadt, sondern lebten Tür an Tür mit den Menschen im Breitenrain.

Die Stadt Bern schliesst die Asylunterkunft Viktoria: Heimleiter Martin Trachsel steht in der Küche des alten Feuerwehrdepots. Bild: Franziska Rothenbühler

In der Nachbarschaft schien es, als habe man auf die Asylsuchenden gewartet. Trachsel: «Es war ein richtiger Hype, als wir aufgemacht haben.» An den Infoabenden sassen 300 Leute aus den umliegenden Quartieren, über 200 meldeten sich als Freiwillige. Zwischen den Flüchtlingen und Helfern entstanden enge Kontakte. Man ging schwimmen und in den Tierpark, übte zusammen Deutsch. Probleme gab es praktisch keine – von einer Kontroverse um spielende Kinder im Kasernenhof abgesehen. Die alte Feuerwehr galt als Vorzeigeprojekt im Asylbereich.

Café im Kirchgemeindehaus

Ganz anders war es dreissig Kilometer weiter südlich, in Aeschi bei Spiez. Als der Regierungsrat die Gemeinde im Herbst 2014 informierte, dass in der Nähe des Dorfs eine Unterkunft für 100 Asylsuchende eröffnet werden sollte, brach Unruhe aus im Dorf. «Wenn wir könnten, würden wir sofort wegziehen», sagte eine anonyme Anwohnerin des Asylheims im Oktober 2014 zur «Berner Zeitung». Und: «Wir haben Angst, dass sie unsere Kinder ansprechen oder anfassen. Wir werden in Zukunft unsere Kinder zur Schule begleiten müssen.»

Die Gemeinde richtete sofort eine Anlaufstelle ein. Bei Problemen hätte sie aktiv werden können. «Für diese Ansprechgruppe gab es dann aber kaum etwas zu tun», sagt Gemeindepräsidentin Jolanda Luginbühl. «Es gab einfach kaum Probleme. So viel haben wir von den Bewohnern gar nicht gemerkt.»

Die anderen, jene, die helfen wollten, meldeten sich erst später zu Wort. Verena Meuli zum Beispiel, die Präsidentin der lokalen Kirchgemeinde. Mit einer kleinen Gruppe suchte sie Anfang 2015 per Aushang nach Freiwilligen. In kürzester Zeit meldeten sich 35 Helfer. Gemeinsam stellten sie im Kirchgemeindehaus ein Café auf die Beine. «Wir wollten einen Ort schaffen, an dem sich die Leute von hier und die Flüchtlinge treffen können», erzählt Meuli. Es habe sich aber recht schnell gezeigt, dass das für die lokale Bevölkerung kein Bedürfnis war. «Aber für die Bewohner der Unterkunft war es ein bisschen wie Ferien, wenn am Montagnachmittag das Café International im Dorf geöffnet hat. Deshalb haben wir weitergemacht.»

«Ein Zeichen der Gastfreundschaft setzen – dieses Gefühl fehlt mir heute.»Verena Meuli

Als es Ende letzten Jahres hiess, dass die Unterkunft in Aeschiried schliesse und die Asylsuchenden spätestens im März 2018 aus dem Dorf verschwinden würden, löste das gemischte Gefühle bei den Freiwilligen aus. Sollten sie das Café beibehalten? Oder sich anderswo engagieren? Sie trafen sich und diskutierten. «Da haben wir festgestellt: Eigentlich sind wir alle ziemlich müde», erzählt Verena Meuli. «Das Café drei Jahre lang durchzuziehen, auch während der Schulferien, an Pfingsten, Montag für Montag Freiwillige aufzutreiben, das war schon sehr anstrengend.» Am Ende sei sie erleichtert gewesen, dass die Aufgabe zu Ende ging.

Einfach war das Aufhören dennoch nicht für Verena Meuli. Das Café habe ihr das Gefühl gegeben, in dieser ohnmächtigen Situation etwas tun zu können. «Den Menschen begegnen, ein Zeichen der Gastfreundschaft setzen. Dieses Gefühl fehlt mir heute.»

Martin Trachsel muss die alte Feuerwache bis Ende September geräumt haben. Er wird früher damit fertig sein. Es sind nur noch 11 Bewohner da. In diesen Tagen ziehen auch sie aus. Trachsel steht im leeren Aufenthaltsraum, wo früher einst Leben herrschte, Sprachengewirr, Leute an Computern sassen. Und er spricht von Anfängen, von Kapiteln und von Enden. Wie das im Leben halt so gehe. Wenn ihn dieses Ende schmerzt, dann zeigt er es in diesem Moment nicht. Stattdessen lächelt er. Vielleicht kommt bald ein Anruf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 21:22 Uhr

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