Das abgetrennte Bein lässt hier keinen kalt

Plötzlich reden alle vom «mysteriösen» Fall in Untervaz GR, dann ist er geklärt. Wirklich? Die Polizei rätselt weiter.

Oberhalb des Dorfes Untervaz fand eine Joggerin im Juli ein abgetrenntes Bein. Fotos: Daniel Matt

Oberhalb des Dorfes Untervaz fand eine Joggerin im Juli ein abgetrenntes Bein. Fotos: Daniel Matt

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Das Bein liegt im Gras, verwest und oberhalb des Unterschenkels abgetrennt. Am Fuss trägt es einen Turnschuh, Grösse 38. Vom Körper: keine Spur. Die Identität des Besitzers: unklar.

Die Rede ist vom Bein in Untervaz GR. Dem Kriminalfall des Sommers. Von einer Joggerin gefunden am 21. Juli oberhalb des Dorfes. Am Waldrand, in der Nähe eines Fussweges. Ein paar Dutzend Meter vom nächsten Haus entfernt.

Der Fund reisst das Dorf und seine 2500 Bewohner aus dem Sommerschlaf, das Thema flirrt durch die idyllischen Untervazer Gassen wie ein böse Drohung. Hast dus auch gehört? Es wird getuschelt und getratscht im Dorf, in dem sich auf der Strasse alle «Hoi» sagen und aus dem Auto zuwinken. Jeder kennt hier jeden, und fehlt einer, es würde auffallen. Und doch ist die Angst da, dass ein Untervazer verschwunden ging, dass es das Bein eines Hiesigen sei.

Eine Urangst befällt das Dorf: der Wolf.

«Mysteriös», nennt es ein Bauer in der Nähe des Fundorts, der anonym bleiben will: «Das Bein hat uns schon genug Schlagzeilen beschert.» Tatsächlich, von «Blick» zu «20 Minuten», von SRF zu NZZ, alle berichten darüber.

Eine Urangst befällt das Dorf: der Wolf. Ein Wolfpärchen lebt seit 2011 im Kilometer entfernten Calanda-Tal, seither haben sich die beiden Jahr für Jahr fortgepflanzt. War es also ein Wolf, der über die Bergkette kam und das Opfer zu Tode biss? Oder war es ganz anders? Im Dorf wird erzählt, ein Mörder wollte die Leiche entsorgen, das Bein sei von Menschenhand abgetrennt worden. Die Polizei kann das nicht bestätigen. Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte.

Die Menschen in Untervaz wollen mehr wissen.

Zehn Tage vergehen, bis die Beamten zum ersten Mal über den Fall informieren: Ja, es stimme, ein Bein sei gefunden worden, der Bevölkerung drohe aber keine Gefahr. Es sind Worte, die vergessen gehen, die Gerüchte dominieren über jede Vernunft. Die Angst geht um, und eine Handvoll Dorfbewohner macht seither einen Bogen um die Fundstelle und will den Wald nicht mehr betreten.

Der Volg, Ort der Gerüchte

Es ist Anfang August und heiss, die Restaurants Sternen und Veltlinerhof sind in den Sommerferien, also treffen sich die Menschen im Volg. Die meisten Einkäufer halten einen Schwatz mit der Verkäuferin, sie nimmt sich Zeit, man hat Zeit in Untervaz. Natürlich habe hier jeder seine Version und erzählt, wie es gewesen sein könnte, sagt die Verkäuferin, aber sie finde die Geschichte völlig übertrieben: «Wenn man nichts genaues weiss, soll man auch nichts schreiben.» Die Polizei denkt ähnlich. Und kommuniziert weiterhin defensiv.

Aber da ist die Neugier. Die Menschen wollen mehr wissen. Also fragen sie den Gemeindepräsidenten Hans Krättli, 66 Jahre alt, seit 20 Jahren im Amt. Sie besuchen ihn im Gemeindehaus, sprechen ihn auf der Strasse an, und auch beim Quartierfest geht es bei Wurst und Bier: um das Bein.

«Man weiss doch, dass Wölfe Menschen nicht angreifen.»Hans Krättli, Gemeindepräsident

Die Leute wissen, der Krättli schaut für uns. Der Gemeindepräsident spürt, dass die Bevölkerung von ihm Antworten erwartet. Er recherchiert im Internet und findet heraus, dass in der Schweiz zurzeit gegen 40 Personen vermisst gemeldet sind. Man müsse also nur die richtige DNA finden. Eine Frage der Zeit sei es. Er vertröstet die Untervazer und sagt: «Es war gewiss nicht der Wolf. Man weiss doch, dass Wölfe Menschen nicht angreifen.»

Krättli hat sich drei plausible Szenarien zurechtgelegt: Ein Unfall. Ein Suizid. Ein Gewaltverbrechen. Danach sei das Bein von einem Tier verschleppt worden. Wohl über Kilometer. Bis an den Dorfrand von Untervaz.

Claus vom Ankenrütt versagt

Bei der Kantonspolizei Zürich ist derweil ein Anruf von den Kollegen aus Graubünden eingegangen: Ob nicht kurz der Leichenspürhund vorbeikommen könne. Also reist Claus vom Ankenrütt ins Bündnerland – ein Deutscher Schäferhund, 9 Jahre alt, ein Profi. Er ist einer von zehn Leichensuchhunden in der Schweiz. Drei davon sind in Zürich stationiert.

Claus vom Ankenrütt kann Orte anzeigen, an dem eine Leiche einmal gelegen hatte. Er ist fähig, Leichengeruch aus einer Tiefe zwischen fünfzig Zentimetern und zwei Metern wahrzunehmen. Doch in Untervaz kann Claus vom Ankenrütt nicht helfen: Er findet keine anderen Körperteile.

Die Polizei informiert, wenn der Fall abgeschlossen ist.

Erste Auswertungen der Kantonspolizei sind ernüchternd: Es gibt keine plausible Vermisstenmeldung, es gibt noch immer keinen passenden Körper zum Bein. Derweil wächst der Unmut der Untervazer, sie beklagen sich darüber, dass sie nicht informiert werden, Gemeindepräsident Krättli muss beschwichtigen. Das seien nun mal die Regeln der Polizei. Sie informiert, wenn der Fall abgeschlossen ist.

Das Bein ist in der Zwischenzeit auf Reisen gegangen, erst nach Chur ins Institut für Rechtsmedizin (IRM) zu Daniel Wyler. Der Gerichtsmediziner vermisst und röntgt die Knochen. Er kann damit herausfinden, ob die Person ein Teenager ist: Ist sie nicht. Er kann feststellen, ob es Frau oder Mann ist: eine Frau. Und er ermittelt durch Vergleichswerte die Grösse der Frau: rund 168 cm. Doch woher sie kommt und wie alt sie ist: noch immer unklar.

Stellt sich die Frage: Wie sieht ein verwestes Bein aus?

Weil das Churer Labor eher klein ist und keine DNA-Proben analysieren kann, schickt Wyler das Bein ins IRM nach St. Gallen. Die Bündner Kantonspolizei kommuniziert die Neuigkeiten und fügt an, die Frau müsse seit Wochen und Monaten tot sein. Stellt sich die Frage: Wie sieht ein verwestes Bein aus? Die betroffenen Labors wollen keine Stellung zum Fall nehmen. Es ist aber bekannt, dass der Verwesungsprozess schnell einsetzt.

Beobachtbar an einem Stück Fleisch an der Sonne, das sich bereits nach wenigen Tagen merklich verändert. Es wird braun und zersetzt sich – es verwest. Nach vier Jahren, je nach Umgebung und Temperatur, ist davon nur noch das Skelett übrig. Aber dieses Stadium hat das Untervazer Bein noch längst nicht erreicht.

Der Fall mit der Unterhose

Gerichtsmediziner untersuchen zuerst die Fundstücke auf äusserliche Hinweise. So konnte 2013 am Matterhorn ein Fall sehr rasch gelöst werden. Eine Leiche war damals aus einem Gletscher geborgen worden, 34 Jahre war sie im Eis gelegen. Die Identität des Verunglückten war darauf schnell festgestellt.

Es handelte sich um einen Engländer, der seine Unterhosen mit seinem Namen beschriftet hatte. Unter Gerichtsmedizinern kursiert dazu ein Spruch: «Der Mann hiess nicht Calvin Klein.»

Die DNA-Analyse gibt im Fall Untervaz den entscheidenden Hinweis.

Beim Bein von Untervaz ist diese erste Analyse schwieriger, doch das Turnschuhmodell kann erste Anhaltspunkte über Geschlecht und Zeit geben, in dem das Opfer gelebt habe. Mit einer Isotopenanalyse erhält man zudem Ansatzpunkte darüber, wo das Opfer gelebt haben könnte. Es ist ein chemisches Verfahren, das den Wissenschaftlern mittels Gewebeproben Hinweise auf Lebensweise und Essverhalten einer Person gibt.

Die DNA löst das Rätsel

Doch die effektivste Methode bei den meisten Funden ist die DNA-Probe. Tatsächlich hat die DNA-Analyse im Fall Untervaz den entscheidenden Hinweis gegeben. Die St. Galler Gerichtsmediziner erstellten ein Profil mit den genetischen Informationen und glichen sie mit nationalen und europäischen Datenbanken ab.

Die Kantonspolizei ermittelte bald, dass keine Bündner Person mit der vorliegenden DNA vermisst wurde. Dann, Wochen später, endlich ein Treffer, den die Polizei gestern Morgen mit einer Medienmitteilung verkündete: Die Person zum Bein ist gefunden, die DNA stimmt mit einer im August 2017 vermissten Person überein, eine 39-jährige psychisch verwirrte Frau aus dem Raum Stuttgart. ¨

Die Neuigkeit ist bis ins Gemeindehaus von Untervaz gedrungen, dort sind die Angestellten froh, dass Klarheit in den Fall gekommen ist. Gemeindepräsident Hans Krättli leitet gestern Montagabend die Gemeinderatssitzung, unter Punkt Varia hat er das Bein eingeplant. Er sagt: «Endlich können wir die Sache abhaken.» Er weiss: Keiner aus dem Dorf.

Für die Polizei geht der Fall aber weiter, für sie bleibt er ein Rätsel: Wie kam das Bein von Stuttgart an den Waldrand oberhalb von Untervaz? Aktenzeichen Bein, ungelöst. Noch.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 22:52 Uhr

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