Das Vorzeige-Asylzentrum

Hintergrund

Letztes Jahr war die Zahl der neu eingetroffenen Asylbewerber so hoch wie nie mehr seit 1999. Ihre Unterbringung ist eine grosse Herausforderung. Dass sie gut funktionieren kann, zeigt die Asylunterkunft in Biasca.

Unterkunft für die erste Phase des Anerkennungsverfahrens: Asylbewerber in der Zivilschutzanlage von Biasca.

Unterkunft für die erste Phase des Anerkennungsverfahrens: Asylbewerber in der Zivilschutzanlage von Biasca.

(Bild: Didier Ruef)

Zwei junge Frauen aus Nigeria mit orangen Leuchtwesten stehen vor den öffentlichen Toiletten im Zentrum von Biasca – ausgestattet mit Putzmitteln und Eimern. Jeden Tag kommen sie hierher, um sauber zu machen. Ihre bunten Kleider stellen einen freundlichen Kontrast zum unwirtlichen Wetter dieser Jahreszeit dar. «Es ist gut, dass sie etwas für die Gemeinschaft tun», sagt ein Passant.

Tatsächlich sind die Asylbewerber in Biasca im Nordtessin gut angesehen. Die kleine Gemeinschaft von Flüchtlingen lebt in der Zivilschutzanlage, die sich circa zwei Kilometer ausserhalb des Ortskerns unterhalb des Sportzentrums befindet. Maximal 50 Personen werden hier einquartiert; es ist der «Überlauf» aus dem Empfangs- und Verfahrenszentrum in Chiasso, wie die Anlaufstelle für Asylbewerber an der Grenze zu Italien im offiziellen Jargon lautet.

Antonio Simona, seit bald 25 Jahren Leiter des Zentrums in Chiasso und auch für die Unterkunft in Biasca zuständig, entschuldigt sich für das technische Wort Überlauf im Zusammenhang mit Menschen, aber es spiegelt eben, was Tatsache ist. Wenn das Zentrum in Chiasso mit 140 Betten belegt ist, weicht man auf die Notschlafstelle in Biasca aus. Hier bleiben die Asylbewerber in der ersten Phase des Anerkennungsverfahrens für etwa zwei bis drei Wochen, bis sie auf die Kantone weiterverteilt werden. Ein Fahrdienst bringt die Personen von Biasca zu den Befragungen nach Chiasso.

Engagement von Gemeinde, Pfarrgemeinde und Schule

Der 60-jährige Simona hat in seiner langen Berufstätigkeit im Asylwesen viel gesehen und erlebt, doch die Zustände von 2011 sind ihm in schlechter Erinnerung geblieben. Die Situation in Chiasso schien aus dem Ruder zu laufen. Die Bilder von trinkenden und pöbelnden Asylbewerbern – vor allem junge Männer aus den Maghreb-Staaten – schockierten damals die ganze Schweiz. Die Einwohner von Chiasso waren auf den Barrikaden.

Umso glücklicher ist Simona, dass es in Biasca mit der Eröffnung des dortigen Zentrums vor zwei Jahren gelungen ist, «ein gutes Gleichgewicht zwischen der Präsenz der Asylbewerber und der örtlichen Bevölkerung zu erreichen». Dies auch dank des Engagements von Gemeinde, Pfarrgemeinde und Schule. In Biasca werden vor allem Familien untergebracht. So können Kinder aus diesen Flüchtlingsfamilien beispielsweise an schulischen Aktivitäten wie Turnen, Schwimmen, Eislaufen oder Zeichnen teilnehmen. «Wir sprechen das mit der Schule wöchentlich ab», sagt Giovanni Pecorano, der als Sozialarbeiter im Asylzentrum tätig ist und die Animationen leitet. Er arbeitet als Angestellter der Firma ORS, welche die Asylunterkünfte des Bundes betreibt.

Beliebte Freizeitangebote

Jeden Montagnachmittag empfängt die örtliche Kirchgemeinde die Asylbewerber für handwerkliche Tätigkeiten. Der Besuch sei freiwillig, aber alle wollten gehen, auch die Erwachsenen, sagt eine Mitarbeiterin des Zentrums. Es gibt auch Ausflüge, etwa auf den Lukmanierpass oder auf einen Bauernhof, oder einen Besuch bei der örtlichen Feuerwehr. Und natürlich Italienischkurse. Die Liste der Aktivitäten ist lang.

Bei den Bewohnern kommt das Angebot gut an. «Wir sind froh, wenn wir etwas tun können», sagt ein junger Mann aus Afghanistan. «Sonst können wir nur schlafen», ergänzt der 20-Jährige mit Blick auf die drei Schlafsäle – Red Room, Blue Room, Yellow Room. Bis zu 18 Personen können in einem Raum schlafen, die Stockbetten sind mit Leintüchern verhüllt, um etwas Privatatmosphäre zu schaffen. «Ich will arbeiten, egal was», sagt eine 25-Jährige aus Nigeria, die sich «Beauty» nennt. Zwei Kinder habe sie, aber diese seien in Afrika. Sie sei schon in Italien gewesen, aber dort sei die Situation katastrophal. Keine Arbeit.

Mit Bastelarbeiten hat man den fensterlosen Bunker von Biasca ein wenig verschönert. Im Gemeinschaftsraum läuft persisches Fernsehen. Ein kleiner Schmelztiegel von Nationen ist hier versammelt: Nigeria, Afghanistan, Tunesien, Ghana, Sudan, Marokko, Iran. Die Präsenz eines Fotografen beunruhigt eine Reihe der Bewohner. «Keine Fotos, das wäre für meine Familie lebensgefährlich», sagt ein Familienvater aus dem Iran in gebrochenem Englisch.

Gemeinde sieht keine Probleme

Bei einem kurzen Besuch lässt sich nur erahnen, welche Schicksale und Lebensgeschichten sich hinter diesen Gesichtern verbergen. Fast eine halbe Stunde braucht der junge Afghane, um seine Flucht aus seinem Heimatland bis in die Schweiz zu erzählen. Gewaltmärsche durchs Gebirge, Bus- und Taxifahrten mit Schleppern, zwischenzeitlich ein paar Tage im Gefängnis. Er habe sich häufig in Lebensgefahr befunden und habe nur sterben wollen. «Aber hier ist es nun gut», sagt er, «ich hoffe, dass ich hier in der Schweiz studieren kann.»

Biasca hat sich an die Präsenz der Asylbewerber gewöhnt. «Die Situation stellt keinerlei Probleme dar», sagt Gemeindepräsident Jean-François Dominé. Giovanni Pecorano vom Asylzentrum erzählt sogar, dass sie eine Menge Anfragen von Vereinen hätten, welche die Hilfe von Asylbewerbern anforderten – auch gegen Bezahlung. Doch dies sei aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nicht möglich: «Wir können nur gemeinnützige Arbeiten ausführen.»

«Wir befinden uns hier an der Schnittstelle zwischen zwei Welten», sagt Antonio Simona. Auf der einen Seite die Welt der Asylbewerber mit ihren Wünschen und Hoffnungen. Auf der anderen Seite unser Land mit seinen Gesetzen und Regeln. Das gegenseitige Kennenlernen zwischen der Bevölkerung und den Asylbewerbern sei fundamental im Annäherungsprozess dieser beiden Welten. Das Wort Integration vermeidet Simona dabei bewusst.

Positive Entwicklung

Auch in Chiasso hat man diesen Weg einschlagen. Neue Beschäftigungsprogramme der Grenzstadt sowie von Anrainergemeinden sorgen dafür, dass die Asylbewerber vermehrt beschäftigt sind und so im Rahmen einer gemeinnützigen Tätigkeit aktiv werden können. «So konnten wir viele Probleme lösen», anerkennt Simona. 2012 sei viel besser verlaufen als das Vorjahr. Auch die Ausgabe von Lebensmittelgutscheinen statt Bargeld hat sich bewährt.

Umgekehrt sind beispielsweise immer mehr Schulklassen daran interessiert, das Asyl-Empfangszentrum zu besuchen. Eine positive Entwicklung, sagt Antonio Simona. Doch es brauche Fingerspitzengefühl und eine gute Einführung: «Wir wollen nicht, dass unser Zentrum zu einem Zoo wird.»

Tages-Anzeiger

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