Das Märchen von der Filterblase

Trump, AfD, Gelbwesten: Offenbar ist die Filterblase der Journalisten schuld. An allem. Nur, wo in der Schweiz soll die überhaupt sein?

Haben die Journalisten mit ihrer herablassenden Haltung Trumps Sieg überhaupt erst ermöglicht? Unterstützende des US-Präsidenten Donald Trump. Bild: Getty Imges

Haben die Journalisten mit ihrer herablassenden Haltung Trumps Sieg überhaupt erst ermöglicht? Unterstützende des US-Präsidenten Donald Trump. Bild: Getty Imges

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Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika weiss die Welt endlich, was das eigentliche Problem ist: Die Filterblase ist schuld. An allem. Menschen reden nicht mehr miteinander, bewegen sich nur noch in Zirkeln von ihresgleichen und lassen sich in lauschigen Echokammern die eigene Meinung bestätigen.

Ganz besonders undurchdringlich scheint jene Blase zu sein, die Journalistinnen und Journalisten umgibt. Hätten die Medien nicht sehen müssen, dass Trump Präsident wird? Haben die Journalisten mit ihrer herablassenden Haltung gegenüber jenen, die an Rallyes im Mittleren Westen «Lock her up» geschrien haben, Trumps Sieg nicht überhaupt erst ermöglicht?

Und es hört ja nicht mit Trump auf. Mit ihm fängt es erst an. Es gibt die «Brüsseler Blase», in der sich Journalisten gegenseitig «vor den Zumutungen der Europakritiker wärmen» («Der Spiegel»). Es gibt die linksliberale Konsensblase, die die Fälschungen des Reporters Claas Relotius bewusst ausblendete (so die Lesart vieler Rechter). Und es gibt die Blase, in der Journalisten «konservative, weniger Sprachgewandte» als Rassisten und Abschotter abstempeln und damit den Rechtspopulisten in die Arme treiben, wie es der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm kürzlich formulierte.

All diese Blasenbeschwörer haben ganz offensichtlich die mediale Berichterstattung der vergangenen Jahre verpasst – oder blenden sie bewusst aus. Kaum ein Medium der westlichen Welt, das nicht ausführlichst die Trump-Wählerinnen und -Wähler zu Wort kommen liess. Maximale Sendezeit für die AfD in Deutschland, für die Gelbwesten in Frankreich, für alle Menschen, die sich irgendwo vor irgendetwas fürchten.

Es stimmt halt einfach nicht. Dass sämtliche Journalistinnen und Journalisten linksliberale Akademikertöchter und -söhne seien, interessiert bloss an der einen, der eigenen Meinung, verwöhnt und verweichlicht, mit einem Reflexionsgrad, der nur bis zum nächsten hippen Café mit freiem WLAN reicht – diese Erzählung wird nicht wahrer, wenn man sie möglichst oft wiederholt.

Mit den «anderen» zu reden, gehört zum Handwerk jedes ernst zu nehmenden Journalisten.

Das gilt speziell für die Schweiz, wo es beinahe unmöglich ist, sich für alle Zeiten in einer progressiv-urbanen Blase zu verkriechen. Wo soll die denn überhaupt sein? In einem so kleinräumigen Land, in dem jeder weiss, was es heisst, einen Abend an einer Gemeindeversammlung zu verbringen, in einer Berghütte mit anderen Wanderern anzustossen, und in dem fast jeder Vorfahren hat, die Bauern oder einfache Angestellte waren, ist die Bildung abgeschotteter Milieus so gut wie ausgeschlossen.

Kommt hinzu: Es braucht gar nicht die eigene biografische Erfahrung – die zehn Jahre im gemischten Chor oder im Vorstand des Turnvereins (Buckten BL!) –, um «mit den anderen» reden zu können. Das geht auch einfach so. Es gehört zum Handwerk jedes ernst zu nehmenden Journalisten. Wer als politischer Journalist in der Schweiz viermal im Jahr über Vorlagen an der Urne berichten darf, kann gar nicht anders, als sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinanderzusetzen. Es ist normal.

Und ist es, umgekehrt gedacht, nicht unendlich herablassend, wenn man die «konservativen, weniger Sprachgewandten», die Leute vom Land, die einfachen Angestellten und Arbeiter und Bauern, ständig so darstellt, als ob sie gar keinen eigenen Willen hätten? Keinen Reflexionsgrad und keine Vernunft? Als leicht entzündbare Masse, die mit dem Bauch denkt statt mit dem Kopf?

Wer als Konservativer den angeblich linken Medien die Schuld gibt, dass wütende Amerikaner Trump wählen, wütende Franzosen den Triumphbogen anzünden und wütende Deutsche Frau Merkel ins Nirgendwo wünschen, der benimmt sich selbst so, wie er es den Journalisten in der Blase vorwirft: ziemlich elitär.

(Das Magazin)

Erstellt: 15.01.2019, 20:23 Uhr

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