«Das Gros der Menschen hatte einfach Lust, eine Party zu feiern»

Bern

10'000 Menschen feierten am Samstag an der Strassenparty «Tanz dich frei» in Berns Gassen. Als Reaktion fordert Stadtpräsident Alexander Tschäppät, die Polizeistunde vor der Reitschule später anzusetzen.

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Tobias Habegger@TobiasHabegger

Alexander Tschäppät, welches politische Signal haben die über 10'000 Tanzenden am Samstag in Berns Gassen ausgesendet? Alexander Tschäppät: Ursprünglich kam die Tanzdemo durch einen politischen Hintergrund zustande. Wenn ich aber den Samstag analysiere, komme ich zum Schluss: Das Gros der Menschen hatte einfach Lust, sich an einem warmen Tag in einer schönen Stadt den Raum zu nehmen, um eine Party zu feiern.

Können Sie als Stadtpräsident trotzdem eine Meinungsäusserung erkennen? Die Jugendlichen haben das Bedürfnis, sich gewisse Freiräume zu nehmen. Sie wollen zusammen feiern, gemeinsam Musik hören und konsumieren. Dieses Phänomen sieht man auch bei grossen Fussballspielen. Neu ist aber die Geschwindigkeit und die Anonymität, in der man solche Partys organisieren kann.

Wer soll oder kann den Jugendlichen die geforderten Freiräume geben? Gerade die Reitschule und insbesondere auch der Vorplatz spielen eine wichtige Rolle für die Jugend. Sobald gewisse Kreise die Reitschule grundsätzlich hinterfragen, reagieren sie so, wie sie es am Samstag getan haben. Sie sagen sich: Okay, wenn wir auf dem Vorplatz nicht dürfen, feiern wir auf dem Bundesplatz.

Wie können Politiker das verhindern? Wer das nicht will, soll sich für die Reitschule einsetzen. Die Reitschule hat eine grosse Bedeutung fürs Nachtleben. Denn dort können die Leute hin, ob sie Geld haben oder nicht. Es gibt keine Türsteher, welche bestimmte Gäste ausschliessen, und auch keinen Konsumzwang.

Was meinen Sie konkret mit «sich für die Reitschule einsetzen»? Sollen rund um die Reitschule etwa andere Regeln gelten als in der restlichen Stadt? Darüber müssen wir diskutieren. Die Frage der Polizeistunde in der Reitschule und auf dem Vorplatz sollte nochmals überdacht werden. Klar ist indes: Auch die Reitschüler müssen auf dem Vorplatz Rücksicht nehmen und die Musikbeschallung verringern. Es ist wie so oft ein Geben und ein Nehmen.

Gibt es in Bern bald eine «Sonderzone Reitschule»? Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Vorplatz-Bar künftig länger als bis 0.30 Uhr geöffnet sein darf. Aber nur wenn die Betreiber ab dann auf die Musikbeschallung verzichten.

Wie wollen Sie das umsetzen? Regierungsstatthalter Christoph Lerch hat erst kürzlich per Verfügung die Polizeistunde auf dem Vorplatz durchgesetzt und die Auflagen für die Gastrobetriebe der Reitschule verschärft. Wir prüfen diverse Möglichkeiten, mehr sage ich dazu nicht. Natürlich müssten wir diese Idee unter den Gastgewerbebetrieben und mit Regierungsstatthalter Lerch absprechen.

Was glauben Sie, wie die anderen Betriebe diese Ungleichheit aufnehmen würden? Ich denke, viele Hotels und kommerzielle Bar- und Clubbetreiber haben ein Interesse daran, dass sich ein gewisser Teil der Jugendlichen auf dem Reitschule-Vorplatz aufhält. So haben sie mehr Ruhe ums Hotel herum. Die Schützenmatte eignet sich bestens für eine solches Vorhaben. Ich verstehe zwar die Anwohner, die Mühe haben mit dem Lärm. Aber wir reden hier von einem Gebiet mir einer sechsspurigen Eisenbahneinfahrt, einem Rangierbahnhof und einem Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt. Wenns in Bern einen Ort gibt, wo der Nachtlärm nur wenig Leute stört, dann ist es die Schützenmatte. Aber nochmals, die Reitschüler müssten bei der Beschallung und dem generellen Lärmpegel Rücksicht nehmen.

Zurück zur Strassenparty. Rechnen Sie mit einer Neuauflage diesen Sommer? Das kann ich nicht beurteilen, zumal dies ja kein Berner Phänomen ist. Lausanne oder Zürich haben das Gleiche erlebt. Dank dem Internet und Social Media sind die Leute heutzutage in der Lage, in kürzester Zeit eine grosse Party auf die Beine zu stellen. Für die Behörden ist es fast unmöglich, Ansprechpartner unter den Organisatoren zu finden. Das traditionelle Bewilligungsverfahren ist kaum mehr anwendbar. Die Städte stehen vor neuen Herausforderungen.

Sollen die Städte solche Tanzdemos weiterhin tolerieren? Verbieten kann man solche Anlässe schlicht und einfach nicht. Wie hätten wir am Samstag diese Menschenmenge von der Innenstadt fernhalten sollen? Wir müssen aber die negativen Nebenerscheinungen solcher Umzüge eindämmen. Damit meine ich das Abfallproblem oder die fehlenden Toiletten. Deshalb wären wir froh, hätten wir Ansprechpartner unter den Organisatoren. So toll diese Strassenparty für viele war, so stark hat sie das öffentliche Leben beeinträchtigt. Der ÖV wurde behindert, der Weg zum Bahnhof war für Passanten erschwert. Der Alkoholkonsum und die Wegwerfgesellschaft sind auch ein Thema.

Wie sieht Ihr persönliches Fazit vom Samstag aus? Im Gegensatz zu Tanzpartys in anderen Städten blieb es in Bern weitgehend friedlich. Wenn so etwas wenige Male im Jahr stattfindet, ist es wie eine Fasnacht oder der Zibelemärit. Damit muss eine Gesellschaft leben. Aber eine dauerhafte Lösung für mehr Nachtleben können solche Tanzpartys nicht sein.

Wie sieht Ihre Strategie für die Aufwertung des Berner Nachtlebens aus? Das Nachtlebenkonzept ist in Arbeit. Am einfachsten wäre es, das Nachtleben in die Industriezone zu verlegen. Aber die Bernerinnen und Berner wollen nicht dort ihre Partys feiern. Deshalb schlage ich in der Berner Altstadt einen qualitativen Schnitt beim Zytglogge vor. Zwischen Bahnhof und Zytglogge wohnen wenig Leute. Da können wir uns überlegen, das Nachtleben gegenüber dem Wohnen zu priorisieren. In der unteren Altstadt dagegen ist für mich klar: Hier wird gewohnt. Es gibt nichts Schlimmeres als eine unbelebte Altstadt.

Braucht es dazu neue Gesetze? Die Stadtverwaltung kann über die Raumplanung verschiedene Lärmschutzstufen festlegen. Es gibt diesbezüglich in der oberen Altstadt noch Raum nach oben. Um die Hotels herum möchten wir sicher nicht mehr Lärm zulassen. Aber in den Gassen und Passagen der oberen Altstadt, wo nur wenig Menschen wohnen, können wir darüber reden. Doch für viele Bars und Clubs sind die Mietzinse da wohl zu hoch.

Hat der Berner Gemeinderat in der Debatte ums Nachtleben zu lange geschwiegen? Nein, das glaube ich nicht. Obwohl das Thema in letzter Zeit heiss diskutiert wurde, muss ich festhalten: Das Berner Nachtleben ist intakt. Die Storys übers Clubsterben sind ein Medienhype. Mehr als hundert Lokale haben eine unbeschränkte Überzeitbewilligung. Wir haben zwei City-Beaches. Auf der Grossen Schanze, bei der Reitschule, rund um den Bahnhofplatz, in der Aarbergergasse, im Rosengarten und die ganze Aare entlang gibt es Orte, wo gefeiert wird.

Berner Zeitung

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