China rettet uns nicht

Die Zahl der chinesischen Gäste nimmt rasant zu. Ihr Geld aber geben sie selektiv aus. Sehr selektiv.

Der Titlis ist einer der wenigen Berge, auf die sich Chinesen locken lassen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Der Titlis ist einer der wenigen Berge, auf die sich Chinesen locken lassen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Gerne werden die Chinesen im Moment zu den Rettern des Schweizer Tourismus hochstilisiert. Einige Zahlen verleiten zu diesem Schluss. Jene etwa, dass sich die Zahl der chinesischen Touristen in der Schweiz in den letzten zehn Jahren verfünffacht hat. Aber auch die Tatsache, dass Chinesen mit einem gut gefüllten Portemonnaie in die Schweiz reisen. Übernachtungsgäste aus China geben in ihren Schweizferien im Schnitt 310 Franken pro Tag aus, 70 Prozent mehr als andere ausländische Touristen. Aber reicht das, um zum Retter der ganzen Branche zu werden?

Um diese Frage zu beantworten, muss man die Zahlen vertieft betrachten. Auf Chinesen entfallen landesweit zwar vier Prozent aller Hotelbuchungen – vor zehn Jahren lag ihr Anteil noch unter einem Prozent. Allerdings konzentrieren sich die Besucher aus Fernost auf einige wenige Kantone. Einen besonders hohen Anteil haben sie in Bern und in der Innerschweiz, wo sie bis zu 14 Prozent der Hotelübernachtungen ausmachen.

In anderen Tourismuskantonen wie dem Tessin und vor allem in Graubünden sind chinesische Urlauber dagegen eine Seltenheit. Weniger als ein Prozent der Bündner Hotelbetten werden von Chinesen belegt. Auch touristische Randregionen wie das Appenzellerland und den Jura besuchen die Chinesen selten. Anders sieht es bei den Deutschen aus, dem nach wie vor wichtigsten ausländischen Markt für unsere Tourismusbranche. Sie meiden tendenziell zwar die Romandie, sind über die Deutschschweizer Kantone aber deutlich homogener verteilt.

Eine weitere Besonderheit der Chinesen ist, dass sie einen Grossteil ihres stattlichen Reisebudgets fürs Shopping ausgeben. Die Hotellerie dagegen muss sich mit tiefen Zimmerpreisen abfinden, weil Chinesen meistens Gruppenreisen über einen Veranstalter buchen und so bei der Unterkunft von grosszügigen Rabatten profitieren. Umberto Erculiani, Besitzer des Luzerner Grand Hotel National, brachte es gegenüber dem Walliser Tourismus-Observatorium auf den Punkt: «Diese Gäste geben 2000 Franken für eine Uhr aus, begnügen sich aber mit einem Zimmer, das man ihnen zum Spottpreis von 40 Franken pro Nacht zur Verfügung stellt. Daneben geben sie kaum etwas aus, was für die lokale Wirtschaft interessant wäre.»

Hoffen auf die Individualisierung

Erculiani spricht damit einen weiteren wunden Punkt an. Denn während der chinesische Gast den Bijouterien grossen und der Hotellerie bescheidenen Umsatz bringt, profitieren andere touristische Leistungserbringer so gut wie gar nicht von der steigenden Nachfrage. Die Seilbahnen etwa. Zwar gibt es auch hier Ausnahmen, wie die Schilthornbahn, die bei den asiatischen Touristen gut positioniert sind.

Die unzähligen Bahnen, die primär vom Wintergeschäft leben, gehen dagegen leer aus. In den Skigebieten, das zeigen die Zahlen des Seilbahnverbands, machen Reisende aus dem arabischen und asiatischen Raum weniger als ein Prozent der Gäste aus. Zum Vergleich: Deutsche haben einen Anteil von 13 Prozent.

Ähnlich sieht es in der Gastronomie aus. Für Chinesen sei es «undenkbar», auf einer Auslandsreise etwas anderes als chinesische Küche zu essen, schreiben Schweiz Tourismus und Hotelleriesuisse in der Broschüre «Chinesen zu Gast in der Schweiz». An den meisten Schweizer Restaurants geht der fernöstliche Tourismusboom somit spurlos vorbei.

Es steht ausser Frage, dass die asiatischen Besucher besonders nach dem Einbruch der europäischen Nachfrage den Schweizer Touristikern sehr willkommen sind. Punkto Hotelübernachtungen haben die Chinesen die ausbleibenden europäischen Urlauber teilweise kompensieren können. Aber: Es wäre falsch, die Chinesen als Heilsbringer für die ganze Branche anzusehen. Dafür ist ihr Reiseverhalten zu sehr auf wenige Regionen fokussiert und ignoriert viele Dienstleister.

Ebenso falsch wäre es allerdings, China als Markt zu ignorieren. Denn die Erfahrung zeigt, dass oft aus den Gruppentouristen von heute die Individualtouristen von morgen werden. Und es ist gut denkbar, dass in ein paar Jahren individuell reisende Chinesen einheimische Bars und Restaurants ebenso für sich entdecken wie den Wintersport oder den Creux du Van.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2017, 21:52 Uhr

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