Belästigung gehört abgeklärt

Es ist Aufgabe der Chefs, Zudringlichkeiten in der Firma auf den Grund zu gehen.

Ist Belästigung, obwohl verboten, nach wie vor ein Kavaliersdelikt? Oder so schambesetzt, dass man sie lieber nicht untersucht? Symbolbild: TA-Archiv

Ist Belästigung, obwohl verboten, nach wie vor ein Kavaliersdelikt? Oder so schambesetzt, dass man sie lieber nicht untersucht? Symbolbild: TA-Archiv

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Eine Frau wird bei der Arbeit mehrfach von einem Mann belästigt, meldet das dem Chef und verlangt eine Untersuchung. Der Chef zitiert den Mann zu sich, die beiden lösen das Arbeits­verhältnis per sofort auf, und der Chef lässt den Belästiger unbehelligt ziehen. Damit sei das Problem gelöst, findet der Chef. Der Belästigung sei ja nun ein Ende gesetzt. Und die Unter­suchung? Schwierig, wenn der Mann nun fort sei, so der Chef. Zudem schade eine solche Unter­suchung dem Ruf seiner Abteilung.

Man reibt sich verwundert die Augen. Sind wir mit der Gleichstellung auch im 21. Jahrhundert noch nicht weiter? Ist Belästigung, obwohl verboten, nach wie vor ein Kavaliersdelikt? Oder so schambesetzt, dass man sie lieber nicht untersucht?

Denn natürlich ist die Belästigung – oder der Vorwurf derselben – nicht einfach vom Tisch, nur weil der mutmassliche Belästiger seines Weges zieht. Im Gegenteil, ungeklärt schwelt das Thema weiter, und es braucht nicht viel, dass es wieder an die Oberfläche kommt. Für die Betroffenen bleiben zig ungeklärte Fragen zurück.

Das hat vor allem damit zu tun, dass es stark vom persönlichen Empfinden abhängt, was schon als Belästigung gilt und was noch als Flirt oder Kompliment. Häufig fällt es sogar den Betroffenen selbst schwer, das einzuordnen. Man ist ja erwachsen und will nicht als zickig oder überempfindlich abgestempelt werden. Und war man anfangs sogar ein bisschen geschmeichelt? Hat man den Belästiger vielleicht sogar, ohne es zu wollen, ermutigt?

Erschwerend kommt hinzu, dass sowohl Belästigte als auch Belästiger oft glauben, was nicht strafbar ist, sei erlaubt. Tatsächlich aber geht das arbeitsrechtliche Verbot weit über das hinaus, was mit Busse oder sogar Gefängnis bestraft werden kann. Es hilft deshalb nicht weiter, Opfer an die Justiz zu verweisen.

Um so wichtiger ist es, dass Chefs ihre Verantwortung wahrnehmen. Das sind sie ihren Angestellten schuldig – und zwar nicht nur dem Opfer, sondern auch dem Belästiger. Das gilt um so mehr, wenn der Belästiger die Stelle wechselt: Auch zukünftige Mitarbeiter verdienen Schutz, selbst wenn sie einem anderen Chef unterstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2016, 23:04 Uhr

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