Beim Kommentar zu Federer war die Erniedrigung perfekt

Das Einbürgerungsverfahren von Salvatore und Antonia Scanio eskaliert. Nun kommt der Fall wohl vor Gericht.

Zynismus, schlechte Witze: Salvatore Scanio fühlt sich von der Einbürgerungskomission schlecht behandelt. Foto: Oliver Vogelsang

Zynismus, schlechte Witze: Salvatore Scanio fühlt sich von der Einbürgerungskomission schlecht behandelt. Foto: Oliver Vogelsang

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Unfaire Fragen, schlechte Witze, unangebrachter Zynismus, unflätige Kommentare: Wenn Salvatore Scanio an den 24. Oktober zurückdenkt, kommen Wut und Frust in ihm wieder hoch. Er und seine Frau Antonia gingen mit guten Gefühlen zum Gespräch mit der Einbürgerungskommission der Stadt Nyon. «Wir passen zur Schweiz. Und die Schweiz passt zu uns.» Davon war Salvatore Scanio überzeugt – und ist es noch heute.

Scanio wurde vor 45 Jahren als Sohn italienischer Einwanderer in Genf geboren, zum Buchhalter ausgebildet, ist heute Direktor eines kleinen Finanzdienstleistungsunternehmens, verheiratet, dreifacher Familienvater, Hausbesitzer in Nyon und in seinem Quartier bestens integriert. Als «Götti» stellte sich ihm für seine Einbürgerung der FDP-Fraktionschef des Stadtparlaments, sein Freund und Nachbar, zur Verfügung. Was sollte da noch passieren?

Die Polizisten lobten das akzentfreie Französisch.

Das Vorgespräch mit der Polizei über den guten Leumund des Ehepaars war problemlos verlaufen. Das Ehepaar hatte keine Betreibungen und keine Einträge im Strafregister. Die Polizisten lobten das akzentfreie Französisch von Antonia Scanio, die mit 18 Jahren von Portugal in die Schweiz gezogen war.

Der Ton änderte aber im Sitzungszimmer der Einbürgerungskommission, in der eine Stadträtin und diverse Stadtparlamentarier aller Parteien mitwirken. Salvatore Scanio erinnert sich: «Als wir uns hinsetzten, sagte ein Kommissionsmitglied zu mir: Sie sind Genfer? Das kann nicht gut kommen.» – Und es kam nicht gut.

Witze und Missverständnisse

«Natürlich war die Anspielung auf meine Genfer Herkunft ein Witz. Man kann scherzen, aber doch nicht in diesem Rahmen», hält Salvatore Scanio fest. Ein Problem in der Folge war: Was das Paar als Humor auslegen sollte und was nicht, war während des Gesprächs gar nicht klar. Missverständnis reihte sich an Missverständnis. Die Situation eskalierte.

Scanio sagt: «Wir gingen von einem Kennenlerngespräch aus. Doch die Kommission wollte einzig und allein einen Wissenstest durchführen. Auf pedantische Art und Weise.» Sie fragte Antonia Scanio als Erstes, welche Flüsse in der Schweiz entspringen. Der Rhein und die Rhone fielen ihr ein. «Und den Inn? Kennen Sie denn Inn nicht?», herrschte ein Kommissionsmitglied sie an. So ging es weiter. Als Antonia Scanio über «die italienische Schweiz» sprach, intervenierte ein Kommissär, der Kanton heisse «Tessin».

Zusehends verunsichert und verletzt, wusste die Frau nicht mehr, wie ihr geschah. Plötzlich verwechselte sie auch noch das Stadtwappen von Nyon mit dem Kantonswappen. Am Ende forderte ein Kommissionsmitglied die Frau auf, den Namen eines berühmten Schweizers zu nennen, und versprach, damit könne sie ihr Interview noch retten. Doch sofort kam die Einschränkung, den Namen von Roger Federer wolle man nicht hören, den bekomme die Kommission bei jeder Gelegenheit geboten. «Damit war die Erniedrigung perfekt», so Salvatore Scanio.

«Es wäre absurd, wenn ich allein ein Buch auswendig lernen müsste.»Salvatore Scanio

Die Kommission schonte auch ihn nicht, obwohl er eigentlich das Recht auf eine erleichterte Einbürgerung hätte, zum normalen Verfahren samt Gespräch mit der Kommission also nicht hätte antreten müssen. Dazu entschied sich der Buchhalter aus Solidarität zu seiner Frau. Die Kommission forderte ihn auf, eine für die Schweiz wichtige Jahreszahl zu nennen. «1291. Da wurde die Schweiz gegründet», sagte er. «Welche Kantone waren denn daran beteiligt?», hakte die Kommission nach.

Salvatore Scanio wusste es nicht. Es wäre allenfalls in einer Broschüre mit Fragen und Antworten gestanden, die das Paar von der Stadt vor dem Interview zugeschickt bekam. «Wir lasen das Papier aufmerksam, aber lernten es nicht auswendig. Ich wuchs in diesem Land auf, ich lebe hier, ich trage zum Wohlstand bei: Es wäre absurd, wenn ich allein ein Buch auswendig lernen müsste, nur um die Schweizer Staatsbürgerschaft zu bekommen», sagt Salvatore Scanio.

Sowieso stehe in der Broschüre fälschlicherweise, Didier Burkhalter sei Bundespräsident und Pierre-Yves Maillard Waadtländer Staatsratspräsident, darüber hinaus habe er gemäss Protokoll vier von sieben Fragen «perfekt», zwei «gut» und nur eine Frage «ungenügend» beantwortet. Damit bestehe man Prüfungen normalerweise, so Scanio. Aber die Regelung lautet in Nyon offensichtlich: Beide Partner müssen die «Prüfung» bestehen, andernfalls fallen beide durch.

Das Paar will nicht mehr

Nyons Einbürgerungskommission hat das Einbürgerungsverfahren des Ehepaars Scanio bis auf weiteres ausgesetzt – wegen «mangelnden Wissens über Sitten und Gebräuche». Nyons weltoffener, parteiloser Stadtpräsident Daniel Rossellat, der auch das Musikfestival Paléo organisiert, versuchte letzte Woche zwischen den Parteien zu vermitteln. Ihm ist die Sache unangenehm. Wegen der Nähe zur UNO-Stadt Genf wohnen in Nyon heute Einwohner aus aller Welt. In die Kommissionsarbeit eingreifen darf Rossellat aber nicht. Das Gremium ist unabhängig.

Das Ehepaar Scanio soll in einem Jahr nochmals zum Einbürgerungsgespräch. Das verlangt die Einbürgerungskommission. Das schlägt auch Rossellat vor. «Ausgeschlossen», sagt Salvatore Scanio, auch weil im Sitzungsprotokoll Dinge stünden, die nicht stimmten. In Nyon dürfen auf Gemeindeebene auch Nichtschweizer abstimmen. «Im Protokoll steht, dass ich nie abstimme. Das stimmt nicht und habe ich nie gesagt», enerviert er sich.

Berset macht Mut

Ein Anwalt berät ihn nun. Obwohl ein formeller Entscheid der Stadt, das Ehepaar nicht einzubürgern, nicht vorliegt, ist Scanio präventiv mit einer Beschwerde ans Waadtländer Verwaltungsgericht gelangt.

Auch Bundespräsident Alain Berset hat vom Fall erfahren. Er hat darüber in Westschweizer Medien gelesen und Salvatore Scanio spontan einen Brief geschrieben. Er könne sich zum Verfahren nicht äussern, wolle ihm und seiner Familie aber Mut machen, den Weg weiterzugehen, um eines Tages Bürger dieses Landes zu sein, schrieb Berset.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 20:38 Uhr

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