Austauschprogramm für 1700 Schüler

Unter Bildungspolitikern ist es in Mode, mehr Sprachaustausche mit der Westschweiz zu fordern. Wie dies gehen kann, zeigt «2 langues – 1 Ziel», eines der grössten Austauschprogramme der Schweiz.

Lehrmittel für den Französischunterricht. Foto: Urs Jaudas

Lehrmittel für den Französischunterricht. Foto: Urs Jaudas

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Thomas Raaflaub weiss, wie man eine Aula voller Eltern rumkriegt. «Wer von Ihnen hat theoretisch schwimmen gelernt?», fragt er. Gelächter im Saal. «Niemand? Sehen Sie. Im Schulzimmer Französisch zu lernen, bringt genauso viel wie Trockenschwimmen.» Die grosse Aula in einem Schulhaus in Siders VS ist bis auf den letzten Platz besetzt. Hunderte Eltern aus Bern und dem Wallis sind gekommen, um zu erfahren, was sie erwartet. Die Schulen ihrer Kinder beteiligen sich am Programm «2 langues – 1 Ziel». Die zwei Sprachen: Deutsch und Französisch. Das Ziel: einander verstehen.

Raaflaub leitet die Schule Gsteig-Feutersoey in der südlichsten Ecke des Berner Oberlands. Daneben ist er Austauschkoordinator des Kantons Bern. In dieser Funktion treibt er «2 langues – 1 Ziel» voran. Im laufenden Jahr machen 1700 Kinder mit, alles Siebtklässlerinnen und Siebtklässler aus den Kantonen Bern und Wallis. Raaflaub sagt, es sei wohl das grösste Austauschprogramm in der Schweiz. Das Prinzip ist einfach: Jedes deutschsprachige Kind bekommt ein französischsprachiges als Partner. Die Hälfte des neuntägigen Austauschs verbringen die beiden in der Familie des einen Kindes und besuchen dort auch die Schule. Danach wird gewechselt.

Austausch statt Frühfranzösisch

Der Begriff «Sprachaustausch» wurde auffällig oft verwendet in der Schweizer Bildungsdebatte der vergangenen Monate – besonders von jenen Akteuren, die in ihren Kantonen den Französischunterricht in der Primarschule streichen wollen oder wollten. So hatte etwa die Nidwaldner Regierung vorgeschlagen, die Kinder zum Ausgleich für einen Austausch in die Romandie zu schicken. Und im Kanton Thurgau, dessen Parlament das Frühfranzösisch definitiv gestrichen hat, wird über die Einführung eines flächendeckenden Sprachaustauschs diskutiert. Auch auf nationaler Ebene ist der Austausch ein Thema: Der Nationalrat hat den Bundesrat beauftragt, ein Konzept für einen systematischen Sprachaustausch auszuarbeiten.

Das Schlagwort lautet Immersion, oder auf Deutsch: Sprachbad. Die Idee: Erst wenn man in eine Sprache eintaucht, lernt man sie wirklich. Und erst wenn die Kinder die Fremdsprache brauchen, um mit ihren Kollegen reden zu können, erkennen sie deren Wert. Thomas Raaflaub ist überzeugt, dass dem so ist. Aber nicht nur das. «Es ist noch viel mehr», sagt er. «Die Kinder sind selbstsicherer, wenn sie aus diesem Austausch zurückkommen.»

Eltern tragen Hauptlast

Bevor sich die Eltern in die Aula begeben, stehen die Berner und Walliser Familien vor dem Schulhaus in Grüppchen beisammen, streng nach Sprache getrennt. Ronja Fiedler ist mit Mutter, Vater und Schwester aus Meinisberg angereist. «Nein, wir sind nicht nervös», sagt ihre Mutter. «Unsere Tochter aber schon. Dabei ist sie doch gut im Französischunterricht.» Dann gehen die Kinder in die Schulzimmer, wo sie sich kennen lernen sollen. Die Eltern nehmen in der Aula Platz, um sich Raaflaubs Show anzusehen (er selbst nennt sich später im Scherz einen «Staubsaugerverkäufer»).

Raaflaub erklärt den Eltern, dass sie es sind, die die Hauptlast dieses Austauschs tragen, etwa indem sie ihr Kind zur Gastfamilie bringen. «Aber das ist gut», sagt er, «dann können Sie sich gleich vergewissern, dass der Kühlschrank gefüllt und die Matratze weich ist.» Schallendes Gelächter im Saal. Auch wenn er es lustig sagt: Er meint es ernst. «Dass die Eltern so viel Verantwortung übernehmen, ist der Schlüssel zum Erfolg dieses Austauschs», sagt Raaflaub später im persönlichen Gespräch.

Er berichtet von Austauschen, die er auf eigene Faust organisiert hatte, bevor er vor fünf Jahren begonnen hat, sich bei «2 langues – 1 Ziel» zu engagieren: «Die Kinder waren kaum eine halbe Stunde bei ihrer Gastfamilie, schon hat das erste seine Mutter angerufen und erzählt, was alles nicht gut sei. Die Mutter rief dann mich an, oder sie hat ihr Kind gleich abgeholt.» Das geschehe nicht, wenn die Eltern sich kennten.

«Ich war überrascht»

Das Verantwortungübernehmen beginnt, als die Eltern die Aula verlassen und sich einen Stock höher zum Apéro treffen. Die Kinder kennen jetzt ihre Partner und führen die Eltern zusammen. Ronja Fiedlers Partnerin ist Ylenia Bianchi aus Monthey. Die Mütter verstehen sich auf Anhieb. Manchmal sagt auch Ronjas Vater etwas. Die Mädchen hören zu. Man redet über den Schulweg, wer mit dem Velo fährt und wer zu Fuss geht. Es stellt sich heraus, dass Ylenia Katzen mag, die Bianchis aber keine haben. «Du kannst mit unseren Katzen spielen», sagt Ronjas Mutter auf Französisch. Ylenia lächelt verlegen. Auch Ronja mag noch keine Zuversicht versprühen. Ob sie sich auf den Sprachaustausch freue? «Ja», sagt sie. Es klingt wie ein Nein.

Dreieinhalb Monate später ist alles vorüber. Am 2. Mai, einem Samstag, ist Ylenia bei Ronja in Meinisberg eingetroffen. Am Mittwoch sind die beiden nach Monthey gereist. Am Sonntag war Ronja wieder zu Hause. Was ihr die Woche gebracht habe? Die 13-Jährige ist streng mit sich: «Ich habe viel Französisch gesprochen», sagt sie am Telefon, «aber halt nicht korrekt.» Trotzdem sei es eine gute Woche gewesen. «Ich habe gemerkt, wie locker ich sprechen kann.» Das habe sie überrascht. «Ich weiss jetzt, dass ich mich durchkämpfen kann.»

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