Aufstand in Unterägeri

Ein Dorf in Aufruhr: In Unterägeri ZG wurde eine alte Linde gefällt, obwohl der Heimatschutz dagegen war. War sie wirklich krank, oder stand sie einer Immobilienfirma im Weg?

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Es ist vorbei. Mariann Hess hat es nicht geschafft, die 200-jährige Linde am Dorfeingang von Unterägeri zu retten. Obwohl sie noch versucht hatte, die Arbeiter aufzuhalten. Die Zuger Kantonsrätin (Alternative – Die Grünen) sagt, sie habe alles versucht – ohne Erfolg. Aber nicht nur das Ende des alten, schönen Baumes stört Hess. Sie ist überzeugt davon, dass die Unterlagen, mit denen die Gemeinde über die betreffende Bebauung informierte, fehlerhaft waren.

Die Linde steht neben der ehemaligen Spinnerei von Unterägeri. Für den Zuger Heimatschutz bildet das Trio aus Villa, Brunnen und Baum ein Ensemble, das es zu erhalten gilt. Die Beschwerde gegen den Bebauungsplan bei der alten Spinnerei ist beim Kanton Zug hängig. «Das ist ein laufendes Verfahren», sagt Heimatschutz-Präsident Meinrad Huser, der gerade im Tessin weilt. Als er erfahren habe, dass der Baum heute Morgen trotzdem gefällt wurde, sei er «sprachlos» gewesen.

Ein Bericht in der «Neuen Luzerner Zeitung» zeigt den Standort der Linde. Foto: Maria Schmid, NLZ

Das Land, auf dem die alte Spinnerei steht, gehört der Immobilienfirma SAE. Sie plant hier Wohnungen und Gewerberäume. In ihrem Auftrag wurde der Baum gefällt. Die Linde wäre nach den Aushubarbeiten abgestorben, schreibt SAE in einer Mitteilung. Das hätten die Untersuchungen von Spezialisten ergeben. Zudem habe die Fällung nicht gegen die Rechtsordnung verstossen, denn als Eigentümer einer Bauparzelle habe SAE alle Rechte, über ihr Eigentum zu verfügen – sofern es gemäss der Bauordnung geschieht. Trotzdem habe «eine Person» versucht, die Fällung durch Unterschriftensammlungen und andere Mittel zu verhindern.

Hohler Stamm: Walter Hürlimann von der Immobilienfirma SAE nach der Fällung der Linde. Foto: Walter Hürlimann, SAE

«Viele Leute aus Unterägeri haben sich dafür eingesetzt, dass dieser Baum bleibt», sagt Mariann Hess. Sie habe auch viele Telefonate von Gleichgesinnten erhalten. Beinahe 1000 Unterschriften hatte sie zusammen, die sie dem Regierungsrat übergeben wollte. Was sie bedenklich findet: Bei der Gemeindeversammlung im Juni habe sie ihre Mitbürger nicht richtig informieren können. Sie habe zwei Fotos dabei gehabt, um zu zeigen, dass die Linde dem Bebauungsplan zum Opfer fallen wird. Denn: «Das war auf dem offiziellen Plan gar nicht ersichtlich, die Linde war nicht eingezeichnet.» Ihr sei wichtig gewesen, dass die Leute die Situation vor Ort sehen könnten.

Zudem habe der Plan den irreführenden Titel «Mülirein» gehabt. Doch im Dorf sei das Areal als «Spinnerei» bekannt. Viele Dorfbewohner hätten deshalb gar nicht gewusst, worum es gehe, glaubt Hess – und seien deshalb eventuell auch nicht zur Versammlung gekommen. «Als ich die Fotos auf denen man die Linde bei der Spinnerei sieht, per Stick präsentieren wollte, hiess es erst, es sei technisch nicht möglich, und dann war der Gemeindepräsident nicht einverstanden damit.» Ihrer Meinung nach sei der Bebauungsplan vom Gemeindepräsidenten nicht objektiv vertreten geworden. Die Anwesenden nahmen den Bebauungsplan mit 152 zu 75 Stimmen an, die Enthaltungen wurden nicht erwähnt.

Gemeindepräsident Josef Ribary hat per Mail davon erfahren, dass die Linde heute morgen bereits gefällt wurde. Die Fällung sei aber nicht illegal gewesen. Und da der Baum Privateigentum sei, habe die Gemeinde nichts damit zu tun. Zu Mariann Hess' Vorwürfen, dass man sie an der Versammlung nicht habe reden lassen, sagt Ribary nichts. Die Stimmrechtsbeschwerde, die Hess nach der Versammlung eingereicht hat, ist noch hängig. «Es handelt sich um ein laufendes Verfahren, über das der Regierungsrat entscheiden wird», sagt Ribary. Die Gemeinde habe bis Anfang September Zeit, um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu verfassen.

Für Mariann Hess ist klar: «Ein solcher Baum kann bei guten Bedingungen bis zu 1000 Jahre alt werden. Die Tatsache, dass er am Fuss offenbar hohl ist, ist ein natürlicher Prozess und typisch für Linden. Das heisst nicht, dass der Baum krank ist.» Für die Immobilienfirma SAE hingegen hat sich durch den hohlen Stamm bestätigt, dass der Baum gefällt werden musste, weil er eine öffentliche Gefährdung darstellt. Ob das rechtens war oder nicht, wird sich zeigen. Heimatschutz-Präsident Huser sagt, dass er eine Strafanzeige gegen SAE prüfen wird. Ob er damit Erfolg haben wird oder nicht – die Linde ist und bleibt weg.

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