Schweiz macht Schluss, andere bauen aus

Der Atomausstieg ist hierzulande beschlossene Sache. Nicht so in Europa. Und auch weltweit geht das Glühen der Stäbe weiter.

Martin Läubli@tagesanzeiger

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Die Schweiz steigt schrittweise aus der Kernenergie aus und gesellt sich damit zu den beiden Aussteigern Italien und Deutschland. Die Italiener hatten die Stromproduktion aus AKW bereits 1987 als Folge der Tschernobyl-Katastrophe gestoppt. In Deutschland wurden seit dem Ausstiegsbeschluss 2011 acht Atomkraftwerke vom Netz genommen. Derzeit sind noch neun Anlagen in Betrieb und liefern 16 Prozent des Stroms. Deutschland legt ein forsches Tempo vor: In den nächsten Jahrzehnten soll möglichst viel Strom aus Wind- und Sonnenenergie fliessen. Der Anteil der Erneuerbaren beträgt bereits über 25 Prozent. Auch die EU will bis 2030 rund 45 Prozent der Elektrizität durch erneuerbare Energien produzieren. Allerdings harzt die Energiewende in Deutschland. Zwar sind AKW abgeschaltet worden, dafür ist die Kohleverbrennung gestiegen. Der Anteil beträgt derzeit rund 45 Prozent.

Noch können sich viele Regierungen in Europa trotz der Fukushima-Katastrophe nicht vorstellen, ganz aus der Atomkraft auszusteigen. In mehreren Ländern werden neue AKW geplant oder gebaut. Selbst in Italien wollte die Regierung 2008 mit einer Änderung des Nukleargesetzes der Atomenergie zur Renaissance verhelfen. Drei Jahre später sagte das Volk aber klar Nein zu neuen AKW.

Die grossen fünf

Weltweit ist dennoch kein Aufwind in der Nuklearbranche zu erwarten. Der grösste Teil der Stromproduktion aus nuklearen Quellen konzentriert sich auf fünf Staaten: USA, Frankreich, Russland, Südkorea und China. Sie vereinen laut dem World Nuclear Industry Status Report knapp 70 Prozent des globalen Atomstroms.

Auch wenn China den Bau neuer AKW vorantreibt und die USA zum ersten Mal seit 35 Jahren zwei Reaktoren baut, verliert die Nuklearindustrie an Boden. Das Maximum in der weltweiten Stromproduktion wurde 1996 mit einem Anteil von 17,6 Prozent erreicht, seither sinkt die Kurve ständig. Heute liegt der Beitrag bei 10,8 Prozent. Der Zenit der Nuklear­industrie ist überschritten. Das zeigen andere Zahlen: Obwohl in den letzten Jahren zahlreiche neue Reaktoren ans Netz gingen, wird der globale AKW-Park immer älter. In den Jahren 1979 bis 1986 – in dieser Zeit geschahen die Unfälle in Three Miles Island und Tschernobyl – war das Durchschnittsalter der Reaktoren tief. Heute beträgt es rund 28 Jahre. Mehr als 200 Reaktoren dürften im Lauf der nächsten zwanzig Jahre abgeschaltet werden. Derzeit sind weltweit 388 Reaktoren in 33 Ländern am Netz, 50 weniger als im Spitzenjahr 2002. Das liegt vor allem an Japan, wo 38 Reaktoren seit Fukushima nicht mehr in Betrieb sind.

Finanzielles Risiko

Das finanzielle Risiko beim Bau neuer AKW ist gross geworden. Das beste Beispiel ist der Bau des finnischen AKW ­Olkiluoto III, dessen Kosten nahezu dreimal über Budget liegen. Ähnlich ist die Situation beim französischen Atomkraftwerk in Flamanville. Die Bauverzögerung bei beiden Projekten beträgt zudem mehrere Jahre. Auch China gibt zu, dass drei Viertel der 28 Reaktoren, die derzeit gebaut werden, mehrere Monate bis Jahre verspätet ans Netz gehen werden.

Für die AKW-Betreiber kommen zudem Schwankungen im Netz ungelegen, die durch die unregelmässige Stromproduktion der Wind- und Sonnenkraft­anlagen entstehen. Ein AKW ist grundsätzlich nicht sehr flexibel. Es kostet Zeit und Geld, um die Produktion je nach Stromangebot herunter- und hinaufzufahren. So laufen die Anlagen auch unter relativ grosser Auslastung, wenn viel Wind fliesst und die Strompreise bei null liegen. Mit dem Aufschwung der erneuerbaren Energien wird die Wirtschaftlichkeit der Atomkraft denn auch zusätzlich beeinflusst.

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