Arboner Jihadisten erwartet im Irak der Strick

Der Irak hat einen in der Ostschweiz aufgewachsenen Türken zum Tod verurteilt. Der 24-Jährige soll für den IS Bomben gebaut haben.

Zum Tod durch den Strang verurteilt: Der Arboner Abu Aisha in seiner Gefangenenkluft in Bagdad. Foto: Facebook

Zum Tod durch den Strang verurteilt: Der Arboner Abu Aisha in seiner Gefangenenkluft in Bagdad. Foto: Facebook

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Abu Aisha sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis im Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad. Er ist kahl geschoren und trägt einen knallgelben Sträflingsanzug. Nichts an seinem Äusseren lässt vermuten, dass er einst im beschaulichen Sarganserland und in Arbon am Bodensee aufgewachsen ist.

Dass er gelbe Kleider anhat, ist kein Zufall: Nach der amerikanischen Invasion im Irak im Jahr 2003 wurden Insassen des berüchtigten Foltergefängnisses von Abu Ghraib in orangefarbene Overalls gesteckt. 2014 kopierte der Islamische Staat diese Häftlingsanzüge. Todgeweihte wie der amerikanische Journalist James Foley mussten in Orange vor die Kamera knien, bevor sie brutal abgeschlachtet wurden.

Für Todeskandidaten wie Abu Aisha aus Arbon hat der irakische Staat statt Orange nun Gelb ausgewählt. Anders als der IS lässt der Irak seine Häftlinge nicht enthaupten. Terroristen werden vielmehr gehenkt. Abu Aisha ist der erste IS-Jihadist aus der Schweiz, dem nun die Hinrichtung droht, wie Recherchen dieser Zeitung und der SRF-Sendung «10 vor 10» zeigen.

Der Türke, der in der Schweiz eine C-Bewilligung hatte, wartet nun schon fast ein Jahr in der Todeszelle, zusammen mit vielen anderen Verurteilten. Ende Januar 2018 hat ihn ein Strafgericht in Bagdad laut irakischen Quellen wegen Terrorismus zum Tod durch den Strang verurteilt. Eine Berufung ist nicht möglich. Grundlage für das Urteil ist das Anti-Terrorismus-Gesetz aus dem Jahr 2005, das für die Urheber und Hintermänner terroristischer Gewaltakte nur eine Sanktion vorsieht, nämlich die Hinrichtung.

Abu Aisha ist einer von vielen Kriegsnamen des Jihadisten.

Bis Abu Aisha wirklich gehenkt wird, kann es aber noch länger dauern. Nach dem Niedergang des IS sieht sich die irakische Justiz mit einer Lawine von Fällen konfrontiert. Allein in den letzten paar Jahren sollen im Irak laut Schätzungen mindestens 3000 Menschen zum Tod verurteilt worden sein.

Die Zustände in den überfüllten Gefängnissen, in denen laut Menschenrechtsorganisationen häufig gefoltert wird, sind zum Teil katastrophal. Gerichtsverhandlungen, die mit dem Todesurteil enden, dauern nicht selten nur wenige Minuten. Eine Quelle aus dem Umfeld von Abu Aisha versichert allerdings, dass der Arboner nicht gefoltert worden sei. Er müsse nun ganz einfach die Konsequenzen seines Handelns tragen.

Abu Aisha ist einer von vielen Kriegsnamen des Jihadisten. In der Schweiz war er noch ledig gewesen, doch nach seiner Reise zum IS im Jahr 2014 heiratete er eine Irakerin und hatte mit ihr eine Tochter namens Aisha. Ein anderer seiner Kriegsnamen lautete «Obaida, der Türke». Im nordirakischen Tall Afar, wo er offenbar längere Zeit lebte, war er angeblich auch als «der Schweizer» bekannt. Nach seiner Abreise aus Arbon Richtung Türkei und Syrien eröffnete die Bundesanwaltschaft 2015 ein Strafverfahren gegen ihn, das inzwischen sistiert wurde.

Von Zivilisten verraten

Irakische Mittelsmänner konnten für diese Zeitung den Mann ausfindig machen, der Abu Aisha im August 2017 ausserhalb Tall Afar gefangen genommen hatte. Das Mitglied einer irakischen Antiterroreinheit will anonym bleiben, weil er keine Erlaubnis hat, mit Journalisten zu sprechen. Damals nahmen irakische Truppen Tall Afar ein, das dem IS unter anderem als Zentrum des Sklavenhandels diente.

Abu Aisha, ein libyscher Jihadist und Abu Aishas Schwager hätten sich unter einer Gruppe von Zivilisten versteckt, die aus Tall Afar Richtung Syrien fliehen wollte, erzählt der irakische Kommandeur. Die Zivilisten hätten sich alle gekannt. Als die Leute an einer Strassensperre der Anti-Terror-Einheit kontrolliert wurden, hätten sie Abu Aisha und dessen beide Kumpane als Terroristen denunziert.

Er organisierte auch Konvois von gebrauchten Krankenwagen nach Syrien.

Wie aber kam Abu Aisha überhaupt auf die Idee, in den Jihad zu ziehen? Irakische Medien kolportierten, was er vor Gericht aussagte und was in Gerichtsakten über ihn geschrieben stand. Demnach hat Abu Aisha einen alten Freund in Arbon getroffen, der ihn 2013 in eine Moschee in das nur wenige Kilometer entfernte Rorschach mitnahm. Abu Aisha erwähnte den Namen dieses Freunds zwar nicht, doch handelte es sich laut Informationen aus seinem Umfeld um den bekannten Arboner Jihadisten Alperen A.

Dieser betete in einer Rorschacher Moschee, die heute nicht mehr in Betrieb ist. Der Vorsteher des Gotteshauses ist mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) und dessen Hilfsorganisation Syrian Aid verbandelt. Alperen A. trat vor seiner Abreise nach Syrien beim IZRS als Sicherheitsmann in Erscheinung.

Im Gegensatz zu seinem Freund Abu Aisha fiel Alperen A. als Alphatier auf, unter anderem bei der Koranverteilaktion «Lies!». Er organisierte auch Konvois von gebrauchten Krankenwagen nach Syrien, unter anderem zusammen mit dem ehemaligen Thaiboxweltmeister Valdet Gashi, der später beim IS umkam. Abu Aisha machte zwar nicht mit beim Koranverteilen, er half Alperen A. aber bei der Organisation dieser Konvois. Die beiden Freunde, beide türkischstämmig, wohnten in Arbon nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt.

Wie Abu Aisha weiter vor Gericht aussagte, gab es in der Rorschacher Moschee einen Somalier, der ihm vom Jihad erzählte und von den Erfolgen der Mujahedin in Syrien und im Irak. Er habe die Moschee regelmässig besucht, und es sei dort auch immer diskutiert worden, wie man die Jihadisten unterstützen könne. Das sei so lange gegangen, bis er selber den Drang verspürt habe, sich dem IS anzuschliessen.

Vom Praktikanten zum Bombenbauer

Eine Rolle soll – immer laut den von irakischen Medien kolportierten Aussagen Abu Aishas – auch der bekannte deutsche Hassprediger Pierre Vogel gespielt haben. Ihn habe er in Mannheim mehrfach besucht, zusammen mit Gleichgesinnten. Es sei Pierre Vogel gewesen, der ihm geraten habe, in den Jihad zu ziehen. Den entscheidenden Kontakt zu einem IS-Mann in der Türkei hat Abu Aisha dann via Facebook geknüpft.

Im Oktober 2014 flog Abu Aisha nach Istanbul. Dorthin waren seine Eltern schon etwa ein Jahr zuvor umgezogen. Der Sohn besuchte seine Eltern jedoch nicht, sondern tat ihnen gegenüber so, als ob er weiterhin in der Schweiz sei. Mit anderen IS-Anhängern überquerte er mithilfe von Schleusern die syrische Grenze. Auf der ehemaligen Luftwaffenbasis Taqba in der Nähe von Raqqa erhielt er militärisches Training und Scharia-Unterricht.

Später arbeitete er während neun Monaten in einer Bombenfabrik in Tall Afar. In der Schweiz hatte er ausser der Volksschule und einem Praktikum in Elektrotechnik keine Ausbildung abgeschlossen. Nach dem Praktikum arbeitete er aber nicht, sondern lebte von Sozialhilfe. Im Irak reichte sein elektrotechnisches Wissen aber immer noch dazu aus, dass er elektrische Schaltkreise für Zündsysteme von Autobomben bastelte.

Während Abu Aisha in Bagdad auf seine Hinrichtung wartet, sitzt sein Freund Alperen A. inzwischen in einem türkischen Gefängnis. Aus Arbon sind mindestens drei Personen in den Jihad gezogen. Ein entsprechender Verdacht gegen einen vierten Mann hat sich dagegen nicht erhärtet. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.01.2019, 16:58 Uhr

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