#AmazingAescher – ein Geheimnis, in die Welt hinausposaunt

Der Aescher wurde im Internet zum Opfer des eigenen Erfolgs. Macht Instagram die schönsten Ecken der Welt kaputt?

Ein Geheimtipp, global verbreitet: Das Gasthaus Aescher. Video: Aleksandra Hiltmann

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#amazingplaces #neverstopexploring #mountainview ­#lovingnature #inlovewithswitzerland

Aufmerksamkeit, die letzte Währung des 21. Jahrhunderts, wird in Hashtags gemessen. In Likes und Kommentaren. Wenige für die meisten, viel für wenige. Manchmal zu viel.

Nicole Knechtle sitzt unter gehäkelten Gardinen, ihr Blick geht zum Fenster hinaus, #mountainview, der Zmittagsservice ist eben abgeschlossen. Sie bietet das Du an. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie seit 2014 hier oben gewirtet, und seit dieser Woche ist klar: Nach dieser Saison ist es vorbei. Knechtle mag nicht mehr. Über dreissig Jahre lang war das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli fest in der Hand der Familie, ein sicherer Wert, eine Institution im Alpstein. Dann ist sie ihnen entglitten. Sie hat die Kontrolle verloren über ihre Beiz. Weil sie zu schön ist.

2014 kürte die Onlinezeitung «Huffington Post» den Aescher zum «interessantesten Restaurant der Welt» und versprach «breathtaking views». Wenig später postete Hollywood-Star Ashton Kutcher 20 geheime Orte auf der Welt, die es zu besuchen lohnt, einer von ­ihnen: der Aescher. Millionen taten, was man heute tut mit Geheimnissen. Sie likten und teilten. Tausende buchten einen Flug. Reisten an. Fütterten Facebook und Twitter und Instagram.

2015 dann der grosse Knall, #bigbang. Der Aescher, wunderschön ausgeleuchtet, die Farben mystisch, landete auf dem Cover von «National Geographic». Titel: «Places of a Lifetime.» Das Titelfoto schoss ein Schweizer, der Arzt und Fotograf Peter Böhi, Stammgast im ­Aescher. Bereits damals fürchtete der Altstätter, dass dem Gasthaus dasselbe Schicksal drohen könnte wie dem Jungfraujoch: Überflutung durch Touristen. Er sollte recht behalten. Instagram, der neue Leitstern unter den sozialen Medien, wurde zu einer Kultstätte des Aescher. Von oben, von unten, mit Nebel und ohne. Auch Roger Federer postete seine Wanderbilder vom Alpstein.

Noch 2015 freute sich der damalige Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus über die Nachfrage und erzählte dem «St. Galler Tagblatt», dass die Kapazitätsgrenze beim Aescher noch lange nicht erreicht sei. Das ist heute ­anders. Das Gasthaus wurde Opfer des Erfolgs. Der Ansturm ist seit 2015 gewaltig. Strom und Wasser werden regelmässig knapp. Die sanitären Anlagen sind nicht für den modernen Massentourismus gebaut, der Wasserbedarf steigt und steigt. Vor einem Jahr wurde das Massenlager geschlossen, weil man mehr Platz für die Vorräte brauchte.

Kein Wunder, ist es weltberühmt

14 Tonnen Kartoffeln verarbeitet die ­Familie pro Saison. «Rösti on the Rocks», titelte die «Schweizer Illustrierte» einmal und liess auch Bundespräsident Alain Berset zu Wort kommen. Er sei schon auch schon da gewesen!, sagte Berset mit Ausrufezeichen. «Das Restaurant Aescher ist sensationell gelegen – kein Wunder, ist es jetzt weltberühmt», sagte er und fügte in einem Nachsatz hinzu, wie bewundernswert die Wirte­familie Arbeit und Familie vereine.

Davon ist drei Jahre später keine Rede mehr. «Wir konnten die Aufmerksamkeit nicht steuern», sagt die Wirtin. «Als wir hier anfingen, wussten wir nicht, dass das Restaurant in die sozialen ­Medien gelangt und so einen Hype auslöst.» Es sei schon etwas viel gewesen.

Mit der Bekanntheit änderte sich die Klientel. «Man kann den Leuten ja schlecht verbieten, hierherzukommen», sagt Angelika Wessels, Lehrerin und ­Autorin, seit 30 Jahren Stammgast. Sie wohnt in der Region und hat eben eine Rösti gegessen, natürlich. «Es wäre ja auch rassistisch zu sagen, dass man nur Schweizer Touristen haben möchte», sagt sie. «Aber es git söttig und söttig.» Oft habe sie tolle Begegnungen gehabt hier oben. Wenn sie aber die kaum angerührten Teller mancher asiatischer Reisegruppen sehe, ärgere sie das. Soziale Medien findet sie «schrecklich», hoffentlich sei der Hype bald vorbei.

Die Lehrerin beschreibt das grosse Tourismusdilemma. Schon im 19. Jahrhundert beklagten sich die Menschen im Berner Oberland über die Massen, die von zu schönen Werbebildern herbeigelockt wurden. Und von Hans Magnus Enzensberger stammt der folgende Satz: «Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet.»

Natürlich sei das immer schon so gewesen, sagt der Alpenforscher Werner Bätzing. Doch mit den sozialen Medien erreiche das ganz andere quantitative Dimension und eine zeitliche Beschleunigung. «Diese hat das Potenzial, die Objekte der Aufmerksamkeit am Schluss zu zerstören.» Die Menschen würden sich immer weniger zutrauen, würden lieber Massenprodukte konsumieren, getestet und beworben durch die halbe Welt. «Ich habe grosse Angst, dass der Tourismus im Alpenraum so zu einem Ramschprodukt wird», so Bätzing. Ein ­Erlebnis sei nur dann etwas wert, wenn es auch geteilt werden könne. «Es wäre schön, wenn wir uns wieder mehr trauen würden, selber Dinge zu erleben.»

Ein von @uhpicture geteilter Beitrag am

Beispiele für die eher kulturpessimistische Sicht von Bätzing gibt es alle paar Monate. Eine Sonnenblumenfarm in ­Kanada musste kürzlich geschlossen werden, weil nach einem Post einer Influencerin das Chaos losbrach. Als eine Bloggerin einen Hotelpool in der Innerschweiz filmte, waren die Buchungen kaum mehr zu bewältigen, und nach dem viralen Video aus dem Verzascatal stöhnten die Einheimischen ob all der Italiener, die die «Malediven von Mailand» selber erleben wollten. #overtourism. Manche Medien sind dazu übergegangen, «Not to go»-Listen zu veröffentlichen. Venedig, Barcelona, die Cinque Terre haben Spitzenplätze.

Bis zur Überreizung

Bald auch der Aescher? Luzern? Oder das Matterhon? Bei Schweiz Tourismus will man nicht übertreiben. «Es braucht einige Komponenten, damit so etwas wie beim Aescher geschehen kann», sagt Sprecher Markus Berger. Prominente wie Federer, der richtige Post zur richtigen Zeit, kaum beeinflussbar. Schweiz Tourismus setzt seit ein paar Jahren auf Instagram und auch auf Influencer, die die schönen Orte des Landes im Internet zeigen. Über 3 Millionen Follower hat die Organisation auf den verschiedenen Plattformen. Dabei habe man eine klare Strategie, sagt Berger. «Wir wollen möglichst viele Facetten der Schweiz zeigen, nicht nur das Matterhorn oder den Aescher.»

Der Grat zwischen viraler Überreiztheit und erfolgreicher Werbung – er ist dünn. Beim Aescher wurde sie überschritten. Wieder unten am Berg, in der Bahnhofsbeiz von Wasserauen, sitzen vier Männer am Stammtisch und reklamieren. Über Menschenmassen, Abfall, überfüllte Perrons. Viele Einheimische würden den Aescher meiden. Das sei doch schade.

Weniger dramatisch sehen sie aber den Wirtewechsel. «Es wird schon geredet hier. Aber dann kommen die neuen Wirte, und alles wird wieder sein wie vorher», sagt ein Senior und nimmt einen Schluck von seiner Stange Bier. Kein Hashtag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 18:56 Uhr

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