«Perspektiven»

Acht Jahre auf dem «Schleudersitz»

Sparrunden, Papierschwund und Digitalisierung : «Der Bund»-Chefredaktor Arturk K. Vogel gibt seinen Posten Ende 2014 ab. Er blickt zurück auf acht aufreibende, aber auch aufregende Jahre.

«‹Der Bund› ist keine Titanic, sondern ein Segelboot»: Artur K. Vogel.

«‹Der Bund› ist keine Titanic, sondern ein Segelboot»: Artur K. Vogel. Bild: Adrian Moser

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Meine Kollegen in Zürich und im Aargau spotteten: «Schleudersitz», war eines der Stichworte, «Kapitän auf der Titanic» ein anderes. «Du wirst das nicht länger als ein, zwei Jahre machen, dann gibt es den ‹Bund› nicht mehr», meinte ein prophetisch veranlagter Zeitgenosse. Und der damalige und heutige Berner Stadtpräsident hat mir später erzählt, dass er überzeugt war, ich sei als «Bund»-Liquidator nach Bern geschickt worden. Das war im September 2006; der Verwaltungsrat der damaligen Bund Verlags AG hatte mich soeben zum Chefredaktor ernannt.

Als Luzerner, der die Verödung der dortigen Tageszeitungsszene erlebt hatte, machte ich es mir zum Ziel, dafür zu kämpfen, dass der «Bund» mit seiner rund 160-jährigen Tradition wenn immer möglich am Leben bleibe, um Leserinnen und Lesern in der Bundesstadt und ihren Vororten weiterhin die Wahl zwischen zwei verschiedenen – und unterschiedlichen – politischen Qualitätszeitungen zu ermöglichen. Dass wir bei der Fusion der Espace Media mit Tamedia im Frühling 2007 vollständig an Tamedia übergingen, hat sich als Glücksfall erwiesen. Denn obwohl die Überlebensfähigkeit unserer Zeitung auch an der Zürcher Werd­strasse skeptisch beurteilt wurde, konnte im Unternehmen doch eine Strategie zur Sicherung der Existenz entwickelt werden, die inzwischen ihre Tauglichkeit bewiesen hat.

Dank tiefgreifender Massnahmen unter anderem im Verlag und in der Druckerei gelang es, die Kosten massiv zu senken. Auch die Redaktion musste sich den Erfordernissen der Zeit anpassen: Seit Herbst 2009 arbeiten wir redaktionell sehr eng mit dem «Tages-­Anzeiger» zusammen. Rund zwei Dutzend Kolleginnen und Kollegen verloren damals ihre Stelle – eine bittere, aber unumgängliche Entscheidung, die mithalf, dass der «Bund» ab 2010 wieder schwarze Zahlen schrieb.

Aufregend und aufreibend

Für unsere Leserinnen und Leser ist die Kooperation mit dem «Tages-Anzeiger» ein Gewinn. Denn journalistisch konnten wir, was auf den ersten Anhieb paradox klingen mag, nach Reorganisation und Stellenabbau mehr offerieren als vorher. Ich denke an Grossereignisse wie den Arabischen Frühling mit seinen unerwarteten und unabsehbaren Folgen, die Olympischen Winterspiele in Sotchi, die Fussball-WM in Brasilien, die Krise in der Ukraine oder den Wirtschaftskrieg der USA gegen die Schweizer Banken, um nur ein paar wenige zu nennen: Dank der Ressourcen des «Tages-Anzeigers» und teilweise der «Süddeutschen Zeitung» können wir Berichte, Reportagen, Analysen und Kommentare in einem Umfang und einer Qualität anbieten, zu denen wir, als wir publizistisch noch selbständig waren, nicht in der Lage gewesen wären.

Unsere eigenen Kräfte können wir für die Bern-Berichterstattung bündeln, für die lokale, kantonale und die Bundespolitik, für die Berner Kultur, die Wirtschaft und den Alltag in all seinen Facetten. Nein, der «Bund» ist keine «Titanic», sondern ein Segelboot, das streckenweise in sehr rauen Gewässern unterwegs ist, Wind und Wellen ausgesetzt. Es zu lenken, war eine spannende und aufregende Aufgabe, aber auch eine aufreibende und ermüdende. Deshalb werde ich das «Bund»-Ruder Ende 2014 abgeben – nicht nach einem oder zwei Jahren wie einst vorausgesagt, sondern nach acht. Die Schweizer Medienszene befindet sich im rasanten Umbruch; für traditionelle Zeitungen wird das wirtschaftliche Umfeld immer schwieriger; der rasche technologische Fortschritt erfordert permanente Flexibilität und Anpassung. Es ist an der Zeit, dass ein jüngerer, unverbrauchter Kollege (oder noch lieber: eine Kollegin) übernimmt.

Ende der «Perspektiven»

Das bedeutet auch das Ende von «­Vogels Perspektiven». Ich habe mit meiner Samstagskolumne seit Sommer 2008 mehr oder weniger regelmässig versucht, unseren Anspruch zu konkretisieren, eine «unabhängige, liberale Tageszeitung» zu machen. Ich wollte Diskussionen provozieren, indem ich oft Positionen eingenommen habe, die vom politisch korrekten, austarierten Medienmittelweg abwichen. Dabei habe ich mich von der Überzeugung leiten lassen, dass der erwachsene Mensch in erster Linie ein selbstverantwortliches Wesen ist und diese Verantwortung auch wahrnehmen soll. Die Idee, dass uns der Staat bei der Geburt am Händchen nimmt, uns rundum versorgt, sicher durchs Leben führt und erst loslässt, wenn wir in die Grube gesunken sind, ist mir ein Gräuel. Ich wehre mich gegen die schleichende Entmündigung, mit zunehmendem Misserfolg und einer gewissen Resignation allerdings. Die Devise sollte lauten: So viel Staat wie nötig, so wenig wie möglich. Doch die Tendenz geht in die umgekehrte Richtung, und man bekommt das Gefühl, nur noch gegen den Wind anzuschreien.

Dass meine Positionen nicht bei allen Leserinnen und Lesern (und auch nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen) auf Gegenliebe gestossen sind, versteht sich von selbst. Allen, die sie missbilligt haben, kann ich heute sagen: Entschuldigen Sie bitte meine Aufsässigkeit, doch jetzt gebe ich Ruhe, und in Zukunft müssen Sie sich andere Schreiberlinge aussuchen, über die Sie sich empören können. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2014, 08:31 Uhr

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