«Abwahlen sind zerstörerisch»

Alexander Tschäppät ist seit acht Jahren Berner Stadtpräsident. Heute entscheidet das Volk über seine Wiederwahl. Der drohende Liebesentzug macht ihm Angst – auch wenn er im Fall der Abwahl einen Plan B hätte.

«Mit 30 musst du dir den schlechten Ruf erarbeiten, mit 60 schmeichelt er dir»: Alexander Tschäppät.

«Mit 30 musst du dir den schlechten Ruf erarbeiten, mit 60 schmeichelt er dir»: Alexander Tschäppät.

(Bild: Keystone)

Sarah Rüegger@tagesanzeiger

Sie sagen oft: «Wir sind hier nicht in Zürich.» Haben Sie als Berner einen Zürich-Komplex? Überhaupt nicht. Ich finde Zürich eine hochattraktive und erfolgreiche Stadt. Dasselbe gilt für Bern. Es ist aber noch ein wenig schöner als Zürich. Die beiden Städte sind vollkommen verschieden. Aber es gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Ich bin halt ein Berner, und solange ich Bern noch etwas mehr rühmen kann als Zürich, mach ich das. Es ist ein Kokettieren. Zürich ist als Wirtschaftsmetropole unschlagbar, Bern ist als Stadt ohne Staumeldungen unschlagbar. Unterm Strich ists Kraut mit Rüben verglichen. Im Moment regt mich mehr auf, dass GC plötzlich so gut ist.

Seit acht Jahren walten Sie bereits als Stadtpräsident über Bern, jetzt winken vier weitere Jahre. Warum will diese Stadt Sie überhaupt? Ich kann nur sagen, weshalb ich diese Stadt will. Es ist grossartig, für ein Produkt wie Bern zu arbeiten. Lokalpolitik ist ja deshalb so spannend, weil man direkt sieht, was man macht. Etwa der Baldachin auf dem Bahnhofsplatz: Ich erinnere mich noch, wie wir den gezeichnet haben. Diese Eins-zu-eins-Umsetzung hat aber auch einen Nachteil: Paff, trifft einen Kritik mitten ins Gesicht. Wenn ich in eine Beiz gehe oder Tram fahre, höre ich sofort, was ich falsch mache.

Sie sagen: «Bern ist die schönste Stadt der Welt.» Warum denn das? Wir haben den Vorteil, dass unsere Vorfahren gewisse Fehler nicht gemacht haben. Die Bausubstanz ist intakt. Zweitens hatten wir nie Boomwellen wie andere Städte, wo man schnell möglichst viel entwickeln wollte. Dadurch wurde auch nicht so viel kaputt gemacht. Es gab einmal einen Plan, mitten durch die Altstadt eine vierspurige Strasse zu bauen. Das war noch die Idee des Stadtplaners meines Vaters. Heute muss man sagen: Die waren ja nicht bei Trost!

Das Stadt-Land-Problem ist im Kanton Bern besonders gross, über eine Milliarde Franken frisst der Kanton aus dem nationalen Ausgleichstopf. Und die Stadt ist der Motor des Kantons. Müssten Sie nicht mehr Unternehmen holen? Das ist nicht das Problem. 80 Prozent des steuerbaren Einkommens in der Stadt Bern kommen von natürlichen Personen. Das heisst, wir sind relativ stabil, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. In Zürich ist das anders. Wenn es in der Wirtschaft läuft, schenkt es ein wie verrückt, wenn nicht, gehts in den Keller. Wir haben diese Ausschläge nicht. Die Schwierigkeit ist vielmehr, dass wir ein Kanton mit vielen und sehr grossen strukturschwachen Randregionen sind. Das kostet Steuergeld.

Die Diskussion um den armen Kanton stellt auch die Stadt in ein schlechtes Licht. Trifft Sie das? Wenn man den Grossraum Bern für sich anschauen würde – wir wären unter den fünf attraktivsten Kantonen, auch punkto Steuern! Trotzdem bin ich dafür, dass wir solidarisch sind mit dem Kanton. Was mich wirklich aufregt, ist, dass wir Berner, die ja aus der Misere rauskommen wollen, nicht die richtigen Konsequenzen ziehen. Wir investieren nicht dort, wo es dem Kanton am meisten bringt: in Zentren wie Bern und Biel. Man müsste die Stärken stärken und nicht – wie jetzt – die Schwächen stärken. Aber auch wenn das Land die Stadt blockiert und piesackt, wie es im Grossen Rat geschieht, geht es dem Stadtberner unter dem Strich immer noch besser als jenem, der in einem Oberländer Krachen sitzt.

Haben Sie Lösungsansätze? Gemeindefusionen wären eine Option. Manches kann man so effizienter lösen. Aber wenn man in Bern das Wort Fusion nur in den Mund nimmt, heisst es schon, man sei vom Wahnsinn umzingelt.

Ist der Stadtberner stolz? Er ist stolz auf seine Stadt, hat aber eine relativ bescheidene Art. Er ist selbstsicher und zufrieden. Ein Klassenbewusstsein gibt es hier nicht so wie an anderen Orten. Beim Nachtleben merkt man es am besten. Will man in Zürich in einen Club, gibt es immer eine Warteschlange, wo die nicht so Schicken warten müssen, obwohl der Club leer ist und es regnet. Das kennen wir in Bern praktisch nicht. Und wenn, dann scheitern solche Versuche kläglich.

Was bedrückt den Berner? Der Mensch jammert ja meistens, wenn es ihm gut geht. Für einige ist das grösste Übel die Reitschule. Ich sage: Sie ist vielleicht für das Auge ein Ärgernis und in einzelnen Fällen, wenn die Gewalt eskaliert, ist sie mehr als ein Ärgernis, aber sie ist natürlich eine unglaubliche Lösung von ganz vielen Problemen. Wenn es die Reitschule nicht gäbe, hätte man die Jungen einfach überall. Dann die Steuern: Viele Berner finden, die seien zu hoch. Wir sind halt ein steuerschwacher Kanton.

Was tun Sie, wenn Sie morgen nicht gewählt werden? Es wäre eine Riesenenttäuschung. Was würde ich machen? Ich gäbe dort, wo ich noch dabei bin, doppelt Gas, also im Nationalrat.

Haben Sie Angst vor dem Machtverlust? Macht ist nicht so wichtig. Viel schlimmer wäre der Liebesentzug: 30 Jahre lang politisiert und das Gefühl gehabt zu haben, das gemacht zu haben, was dieser Stadt guttut, und dann vom Volk, deinem Arbeitgeber, gesagt zu bekommen, dass du jetzt gehen kannst. 35 Tage Kündigungsfrist, Ende Dezember das Büro räumen und dann kommt der Nächste. Abwahlen sind zerstörerisch. Ein Abgestraftwerden.

Sie hätten nicht mehr antreten müssen. Das wäre feige gewesen! Ich habe ganz viel angefangen, was ich fertigmachen möchte. Die AHV kriegst du mit 65, wieso sollte ich mich mit 60 aus Angst, abgewählt zu werden, nicht mehr der Verantwortung stellen? Ich denke, ich habe in den letzten vier Jahren viel gemacht, was Grund gäbe, mich wiederzuwählen.

Worauf in Ihrer achtjährigen Amtszeit sind Sie besonders stolz? Dass wir den Einwohnerschwund umkehren konnten. Bern ist von 126'000 auf 135'000 Einwohner angewachsen. Zweitens haben wir die Finanzen in den Griff gekriegt. Und drittens haben die Kinder auf dem Bundesplatz Freude am Wasserspiel, und wenn man über den Bahnhofplatz läuft, verregnet es einen nicht mehr. Es sind diese zwei, drei Sachen, die einen fragen lassen: Wer hats erfunden?

Ihr Vater Reynold Tschäppät war ebenfalls Berner Stadtpräsident. Was haben Sie von ihm gelernt? Ich habe von ihm zu politisieren gelernt. Mein Vater konnte nicht viel anderes, als über Politik und Fussball zu sprechen. Das hat unseren Mittagstisch geprägt. Wenn du gegen einen Mann bestehen willst, der argumentativ so stark ist, wie mein Vater es war, lernst du unweigerlich argumentieren und zuhören.

Was haben Sie von ihm gelernt, das man besser nicht tun sollte? Unseriös leben. Mein Vater hat sich nie geschont, ging nie früh ins Bett, rauchte wie ein Schlot, trieb Raubbau an seinem Körper. Das war mein Père. Er ist mit 60 im Amt gestorben. Der ist nicht ins Fitness oder zum Golfspielen oder für ein paar Tage in die Alpen gegangen, um frische Luft zu schnappen.

Auch Ihnen haftet ein unseriöser Ruf an. Man sagt, Sie seien ein Schürzenjäger und dem Aperitif nicht abgeneigt. Das ist so eine Sache. Mit 30 musst du dir den schlechten Ruf erarbeiten. Mit 50 hast du ihn, und mit 60 fängt er an, dir fast ein wenig zu schmeicheln. Denn du hast zwar den schlechten Ruf, bist aber zu müde, ihn zu leben, und froh, wenn du heimgehen kannst.

Ihr Ruf stört Sie also nicht? Inzwischen habe ich schon fast das Gefühl, er ist ein Kompliment. Was man mir da noch alles zutraut mit über 60. Aber ich will nichts beschönigen. Ich habe sicher auch Seich gemacht im Leben. Heute kann ich sagen: Vieles, was du gemacht hast, hättest du auch bleiben lassen können.

Zum Beispiel? Über einen Nationalratskollegen singen (Alexander Tschäppät hat 2010 am Konzert einer Mundart-Punkband «Motherfucker – Christoph Blocher» gesungen, Anm. d. Red.). Aber es ist ja auch Ausdruck von Spontaneität. Stellen Sie sich vor, dass Sie sich wie Prinz Charles seit 65 Jahren unter Kontrolle halten müssen, weil Sie irgendwann einmal noch König von England werden. Das ist doch ein grauenhaftes Leben! Es muss auch Platz sein für Spass, Freude und Lust. Der Berner ist so tolerant, dass er das akzeptiert.

Macht das vielleicht gerade Ihre Gunst beim Volk aus? Die Leute wissen, dass nur wenige auf dieser Welt frei von Sünde sind. Und das Wissen, dass der im Erlacherhof auch nicht besser ist als man selber, macht mich jedenfalls nicht gleich unsympathisch. Aber der Moralist wird immer finden, man sei daneben.

Und wann ist Schluss mit Politik? Wenn ich morgen wiedergewählt werde, mache ich sicher noch vier Jahre als Stadtpräsident. Und wenn ich noch mag, und wenn man mich noch mag, dann liegt eine weitere Kandidatur für den Nationalrat in drei Jahren drin. Ich denke mir: Auf einen 60-jährigen Stadtpräsidenten hat die Welt und die Wirtschaft nicht gewartet. Die Perspektiven sind nicht endlos. Vielleicht mache ich noch ein bisschen politisches Cabaret. Das fehlt in der Schweiz ein wenig.

Tages-Anzeiger

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