Interview

Abschalttermin à la carte?

Nach dem Bundesgerichtsentscheid zu Mühleberg: BKW-Präsident Urs Gasche lässt im Interview durchblicken, welche Option er bevorzugt: einen Betrieb bis 2022 – aber ohne die Nachrüstungen, die das Ensi verlangt.

Ehemaliger Regierungsrat, BDP-Nationalrat und Verwaltungsratspräsident der Berner Kraftwerke: Urs Gasche an der Jahresmedienkonferenz der BKW.

Ehemaliger Regierungsrat, BDP-Nationalrat und Verwaltungsratspräsident der Berner Kraftwerke: Urs Gasche an der Jahresmedienkonferenz der BKW. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mühleberg hat eine unbefristete Betriebsbewilligung. Wann geht Ihr AKW jetzt vom Netz? Dann, wenn die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Oder wenn die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist. Das sind zwei Termine, die nicht zwingend zusammenfallen.

Nach dem Urteil ist der Weg aber frei, dass die BKW Mühleberg auch länger als 2022 betreiben kann. Der Betrieb ist unbefristet, solange die Sicherheit bei der periodischen Überprüfung bestätigt wird und wir die vom Ensi eingeforderten neuen Sicherheitsstandards bis 2017 umgesetzt haben. Bis im Juni werden wir die Detailplanung dafür einreichen und dann bis Ende Jahr prüfen, ob die Investition wirtschaftlich gerechtfertigt ist. Die nächste periodische Überprüfung würde etwa 2022 stattfinden. Das wäre das nächste Mal, wo wir uns die Frage stellen müssten, ob wir weitermachen. Dann ginge es um eine Umsetzung bis etwa 2027.

Ist 2022 als Planungsziel vom Tisch? Nein. Wir sind immer vom Planungshorizont 2022 ausgegangen. Wir haben aber nicht gesagt, dass wir das KKW dann abschalten. Das Recht verlangt nicht nach einem festen Abschalttermin. Eventuell ist 2017 oder 2026 aus betrieblicher Sicht der gescheitere Zeitpunkt. Das Planungsziel 2022 liegt in der Mitte. Wenn wir bis dann am Netz bleiben können, sind der Stilllegungs- und Entsorgungsfonds geäufnet und die Abschreibungen gemacht. Bis dann hätte sich das KKW also selbst finanziert. Daher ist das für uns der optimale Zeitpunkt.

Wieso ist 2022 dennoch nicht fix? Als wir dieses Ziel festlegten, gingen wir nicht davon aus, dass es bis 2017 weit grössere Investitionen braucht, als bisher üblich. Sonst hätten wir diesen Termin vielleicht nicht so festgesetzt.

Was heisst der Richterspruch aus Lausanne für Ihre Abwägungen zur Betriebsdauer von Mühleberg? Es hat sich praktisch nichts geändert. Unsere Planung haben wir immer mit der Aussicht gemacht, dass wir eine unbefristete Bewilligung haben. Das Urteil gibt uns aber Rechtssicherheit und mehr Freiheit, mit dem Betrieb bis 2026 zu rechnen. Die Gretchenfrage bleibt aber: Wollen wir das? Wie viel investieren wir bis 2017, und was bekommen wir dafür?

Bei den Investitionen ist von rund einer halben Milliarde Franken die Rede. Warum wissen Sie noch immer nicht, ob sich die Nachrüstung lohnt? Im Moment gibt es zu viele Unbekannte. Wir wissen nicht, was die geforderten Massnahmen kosten, wir wissen nicht, wie lange wir Mühleberg damit betreiben können, und wir wissen nicht, wie es mit dem Strompreis in einigen Jahren aussieht. Seit Donnerstag wissen wir zumindest, dass wir nicht auf eine rechtlich verbindliche Frist auflaufen. Daher können wir die Nachrüstungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von zehn Jahren amortisieren.

Sie wollen auch versuchen, eine Einigung mit dem Ensi zu erreichen: ein früherer Abschalttermin gegen weniger Nachrüstungsmassnahmen. Ja, diese Option überlegen wir uns. Das Ensi hat den Auftrag, das Risiko abzuschätzen und daraus Sicherheitsvorkehrungen abzuleiten – also eine Sicherheitsmarge zu gewährleisten. Wenn wir die Betriebsdauer halbieren, reduzieren wir auch das Risiko. Es gibt keine Rechtsgrundlage für eine solche Vereinbarung, dessen bin ich mir bewusst. Und klar ist auch: Das Ensi hatte noch nie ein solches Gesuch auf dem Tisch. Wir würden fragen: Was müssen wir noch tun, wenn wir das KKW auf einen bestimmten Termin hin abschalten wollen? Das Ensi müsste dann nur prüfen, ob die Sicherheit gewährleistet ist, ohne seinerseits einen Schliessungstermin festzulegen.

Nicht bestritten war auch vor Bundesgericht, dass Sie bei Sicherheitsmängeln nachrüsten müssen. Es sind keine prinzipiellen Sicherheitsmängel. Das Ensi konfrontiert uns aber mit neuen Standards, die aufgrund der neuen Erkenntnisse formuliert worden sind. Das Bundesgericht hat jetzt ganz unaufgeregt gesagt, dass es reicht, eine unabhängige Behörde zu haben, die periodisch überprüft, ob die Sicherheitsmargen genügend gross sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2013, 06:45 Uhr

Eine halbe Milliarde Kosten

Vor Bundesgericht konnten die Bernischen Kraftwerke (BKW) am Donnerstag einen Erfolg verbuchen: Das höchste Gericht erteilte dem AKW Mühleberg eine unbefristete Betriebsbewilligung. Doch die BKW will mehr. Bereits am Tag der Urteilsverkündung machte Verwaltungsratspräsident Urs Gasche klar, dass er von Auflagen für Nachrüstungen in die Sicherheit von Mühleberg befreit werden möchte. Es handelt sich um zusätzliche Notkühlungen für den Reaktor und das Brennstabbecken und neue Zuganker für den rissigen Kernmantel.

Eine halbe Milliarde Kosten

Bei diesen Nachrüstungen, die auf Geheiss des Ensi bis Sommer 2017 realisiert sein müssen, handelt es sich um die wichtigsten Investitionen für mehr Sicherheit – und die teuersten. Ursprünglich rechneten die BKW mit Kosten von 370 Millionen Franken für Nachrüstung und Instandhaltung des Reaktors. Inzwischen ist die Rede von einer halben Milliarde. Offiziell wollen die BKW bis Ende Jahr entscheiden, ob sich diese Investitionen lohnen – oder ob sie das AKW 2017 abschalten wollen. Gasche bringt nun eine weitere Variante ins Spiel: einen Weiterbetrieb bis 2022 – aber ohne die genannten Nachrüstungen. Bisher nannten die BKW selber 2022 als «Planungshorizont» für die Abschaltung.

Nun geht Gasche von einem möglichen Betrieb bis 2026 oder 2027 aus, um allfällige Nachrüstungen zu amortisieren. Den ursprünglichen Termin 2022 bezeichnet er als «Kompromiss». Gasche: «Wenn wir die Betriebsdauer halbieren, reduzieren wir auch das Risiko.» Er sagt selbst, dass es keine Rechtsgrundlage für eine solche Vereinbarung gebe. Ensi-Sprecher Sebastian Hueber betont, die Atomaufsicht halte an ihren Forderungen fest. Die Nachrüstungen seien für einen Betrieb bis 2022 gedacht. (TA)

Bildstrecke

Mühleberg soll spätestens 2022 vom Netz

Mühleberg soll spätestens 2022 vom Netz Während die Initiative «Mühleberg vom Netz» die sofortige Abschaltung des Kernkraftwerks fordert, zieht der Regierungsrat mit dem Gegenvorschlag einen Zeithorizont bis 2022 in Betracht.

Artikel zum Thema

«Bundesgericht hat die Sicherheitsfragen materiell nicht behandelt»

Interview Das AKW Mühleberg kann nun doch unbefristet weiterbetrieben werden. Der Entscheid des Bundesgerichts überzeuge nicht, sagt Thomas Angeli, Journalist und Kenner der Schweizer AKW-Politik. Mehr...

AKW Mühleberg: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Das Bundesgericht hat entschieden, dass das umstrittene Berner Kernkraftwerk unbefristet weiterbetrieben werden kann. AKW-Gegner kämpfen trotzdem um die Abschaltung von Mühleberg. Mehr...

«Ich bin sehr zufrieden»

Mühleberg erhält Betriebsbewilligung: Obwohl sie das AKW für «altersschwach» hält, ist Energieministerin Doris Leuthard froh über das Urteil des Bundesgerichts. Es sei besser für die Sicherheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Paid Post

Das passende Auto für jeden Lebensabschnitt

Für Ihr Hobby braucht es eigentlich einen Kombi – Sie fahren aber lieber einen Sportwagen. Gleichzeitig braucht es für die Family den grossen SUV. Das ist jetzt kein Problem mehr.

Blogs

Zum Runden Leder Rundes Leder Tippspiel (11)

Zum Runden Leder Depart & Dieu

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...