Zustimmung zum Atomausstieg nimmt überraschend zu

Neue Tamedia-Umfrage zeigt: 57 Prozent der Schweizer befürworten die Initiative zum raschen Atomausstieg.

Überraschend stabile Zustimmung für Initiative: Das AKW Gösgen. (Archiv)

Überraschend stabile Zustimmung für Initiative: Das AKW Gösgen. (Archiv) Bild: Christian Beutler/Keystone

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3. Tamedia-Umfrage zur Atomausstiegsinitiative
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Volksinitiativen ereilen in den meisten Fällen das gleiche Schicksal: Sie haben anfangs in den Umfragen hohe Zustimmungswerte, doch im Verlauf des Abstimmungskampfs nimmt die Unterstützung markant ab. Bei der Atomausstiegsinitiative ist der Verlauf aber ungewöhnlich: Die Zustimmung ist konstant hoch. Gemäss der dritten Tamedia-Abstimmungsumfrage sprechen sich 57 Prozent der Teilnehmer für einen raschen Atomausstieg aus. In den beiden vorhergehenden Umfragen waren es 55 und 56 Prozent gewesen. 42 Prozent sagen aktuell Nein, und lediglich 1 Prozent der Befragten hat sich für die Abstimmung vom 27. November noch nicht festgelegt.

Besonders das Hauptargument der Initianten, der AKW-Weiterbetrieb sei zu gefährlich, überzeugt die Befürworter in der Umfrage (40 Prozent). Umgekehrt sehen die Gegner die Stromversorgung gefährdet (32 Prozent) und erachten den Import von dreckigem Kohlestrom als problematisch (30 Prozent).

«Widersprüchliche Gegner»

Der anhaltende Zuspruch der Bevölkerung freut die Initianten. «Der Trend stimmt mich zuversichtlich. Doch Abstimmungen gewinnt nicht, wer sich vor dem Ziel als Sieger fühlt. Die einzig geltende Umfrage ist jene am 27. November», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Sie führt den hohen Wert auf die «widersprüchlichen Gegner» zurück: Einerseits drohten sie mit hohen Entschädigungsforderungen der AKW-Betreiber, anderseits wollten diese die unrentablen Meiler an französische Stromkonzerne verschenken.

Strassenumfrage: Atom-wie bitte? Wie viel (wenig) die Menschen in der Schweiz über die AKW wissen.

«Wenig überraschend» ist die hohe Zustimmung für Stefan Müller-Altermatt vom überparteilichen Nein-Komitee. «Es gibt schliesslich wenig Zweifel, dass die Bevölkerung aus der Atomkraft aussteigen will», sagt der CVP-Nationalrat. «Eher überraschend» sei dagegen die Konstanz der Umfragewerte. «Scheinbar ist es uns noch nicht gelungen, aufzuzeigen, dass auch die Energiestrategie von Bundesrat und Parlament zum Ausstieg führt – und zwar gezielter und geordneter.» Die Initiative und die Energiestrategie unterscheiden sich nur in Bezug auf das Ausstiegsdatum: Erstere will bereits nächstes Jahr drei Meiler vom Netz nehmen, Letztere setzt keinen fixen Termin, sondern baut zuerst die Produktion der erneuerbaren Energien aus.

Die Mehrheit in der CVP

Auf dieses Argument setzte Müller-Altermatt gestern auch an einer Medienkonferenz mit Vertretern der Kantone und der Energiewirtschaft. Dabei sind es just die eigenen Reihen, die er davon überzeugen muss: Gemäss der Umfrage sprechen sich noch immer 53 Prozent der CVP-Anhänger für das grüne Anliegen aus. Das soll sich nun im Endspurt ändern, wie Müller-Altermatt hofft. «Unsere Basis will aus der Atomkraft aussteigen. Wir müssen ihr die Energiestrategie noch vermitteln – im Wissen darum, dass die Mittewähler die Mehrheit ausmachen werden.»

Der Gewerbeverband, der mit seiner angriffigen Gegenkampagne bisher mehrfach Aufsehen erregte, wertet das Umfrageergebnis zurückhaltend. «Gerade weniger zentral gelegene Kantone, die sich höhere Preise für Strom weniger leisten können als die Zentren, werden beim Ständemehr entscheidend sein», sagt Direktor Hans-Ulrich Bigler (FDP).

Tatsächlich dürfte das Ständemehr die höhere Hürde werden. Die Unterstützung ist besonders in den urbanen Kantonen gross. Gemäss den Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen, welche die Umfrage ausgewertet haben, könnte das Volksbegehren am Ständemehr scheitern, wenn die Zustimmung nur knapp über 50 Prozent liegen würde. Dass an der Umfrage hauptsächlich Personen in städtischen Gebieten teilgenommen haben, berücksichtigen die Politologen in ihrer Analyse allerdings bereits. Sie haben sie nach demografischen, geografischen und politischen Variablen gewichtet. Gelaufen sei die Abstimmung ohnehin noch nicht, sagt Wasserfallen: «Es ist durchaus möglich, dass die Kampagnen in der Schlussphase noch intensiver werden und dadurch der typische Effekt auftreten wird: eine Abnahme der Zustimmung.»

Die Tamedia-Abstimmungsumfrage fand vom 10. bis 11. November online statt. Teilgenommen haben rund 15'500 Personen aus der ganzen Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 20:07 Uhr

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