Jüdische Gemeinde in Luzern steht vor dem Aus

Seit Jahren schrumpft die jüdische Gemeinde Luzerns. Schliesst die Talmud-Schule in Kriens, würde dies auch ihr Ende bedeuten.

Die jüdische Gemeinde zählt gerade noch 40 Mitglieder: Synagoge in Luzern. Foto: Tom Kawara

Die jüdische Gemeinde zählt gerade noch 40 Mitglieder: Synagoge in Luzern. Foto: Tom Kawara

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«Dieses neue jüdische Zentrum in unserer Gemeinde ist für viele Krienser fremd und geheimnisumwittert», berichtete die Presse 1968 über die Eröffnung der neuen Talmud-Hochschule in der Luzerner Agglomerationsgemeinde. Die Gründer sprachen von einem Wunder, dass es der kleinen jüdischen Gemeinschaft der Schweiz gelungen war, eine Bildungsstätte anzusiedeln, die ihre geistige Wirkung auf das ganze Judentum ausüben würde. Im markanten Neubau wurden jährlich 80 bis 100 Studenten aus der ganzen Welt zu Religionslehrern ausgebildet. Die Krienser begannen sich an die Jugendlichen mit ihren Schläfenlocken, weissen Hemden, schwarzen Anzügen und Borsalino-Hüten zu gewöhnen. Ende der 80er-Jahre platzte die Schule mit nunmehr 150 Schülern aus allen Nähten, sodass die einzige orthodoxe Ausbildungsstätte in der Schweiz ausgebaut werden musste. Doch jetzt steht die renommierte Bildungsstätte vor dem Aus.

Angestellte der Schule entlassen

Ende Juli erschienen Berichte auf israelischen Nachrichtenportalen, wonach die Schule aus finanziellen Gründen bereits geschlossen wurde. Grund dafür sei «Missmanagement». Die Schule habe seit zwei Jahren vergeblich versucht, Sponsoren zu finden. Fotos zeigten zudem ein «Closed»(Geschlossen)-Transparent, das am Schulgebäude angebracht war. Es wurde von verärgerten Schülern aufhängt und Medien zugestellt. Im Internet kursiert eine fingierte Ebay-Anzeige mit den Handynummern der Schulleitung, wonach das Schulareal für 1,25 Millionen US-Dollar zum Verkauf angeboten wird.

Ein Augenschein vor Ort bestätigt die Berichte. Abgesehen von zwei Autos auf dem Parkplatz deutet nichts auf einen regulären Betrieb. Ein Mitglied der Schulleitung gab an, dass die über 20 Angestellten entlassen wurden. Momentan würden aber noch 13 Schüler im Internat wohnen. Dagegen dementiert er die angeblichen Managementfehler: «Vielmehr haben wirtschaftliche Schwierigkeiten in den Herkunftsländern der Schüler dazu geführt, dass die Studentenzahl kontinuierlich abnahm.» Wie es mit der Schule weitergehen soll, weiss man jedoch nicht: «Momentan ist alles offen. Was nächsten Monat sein wird, können wir nicht sagen.»

Männliche Beter fehlen

Für die kleine orthodox jüdische Gemeinde Luzerns wäre die Schliessung eine Katastrophe. Von den landesweit 18'000 bekennenden Juden und Jüdinnen leben die meisten in Zürich, Genf und Basel, wobei die Gemeinschaft in Zürich mit 6000 Juden die grösste ist. Das Nachsehen haben die kleineren Städte, weil wegen der Abwanderung in die Zentren die Mittel für eine vollwertige Gemeinde schwinden. So besteht diejenige in Luzern nur noch aus etwa 40 Mitgliedern. Zur Gemeinde gehört die 1912 erbaute Synagoge sowie ein Friedhof. Längst geschlossen sind die jüdische Primarschule, die koschere Lebensmittelhandlung und das Gemeindehaus.

Vorsteher der Gemeinde ist der 83-jährige Hugo Benjamin, der sich seit fast einem halben Jahrhundert im Vorstand engagiert: «Das Ende der Schule wäre auch für uns tragisch. Da die meisten Gemeindemitglieder betagt oder nicht mehr aktiv sind, kann der Rabbiner den täglichen Gottesdienst meist nur noch dank den paar regelmässig anwesenden Talmud-Studenten abhalten. Denn gemäss den jüdischen Regeln sind mindestens zehn männliche Beter nötig.»

Benjamin hat schon mehrmals öffentlich erklärt, dass er längst zurücktreten möchte. Doch es hat sich bis heute kein Nachfolger gefunden. Ohne die Talmud-Schule droht auch der jüdischen Gemeinde das Ende. Rettung könnte eine Öffnung gegenüber nicht praktizierenden Juden bringen. Doch in Luzern werden Juden, die mit andersgläubigen Partnern verheiratet sind, aus der Gemeinde ausgeschlossen. Deshalb engagieren sie sich in Zürich, wo alle religiösen Strömungen dank der grossen jüdischen Bevölkerung koexistieren. Ein winziger Hoffnungsschimmer besteht: «Wir versuchen, jüdische Familien für unsere Gemeinde zu gewinnen», sagt Benjamin. Sporadische Besuche von auswärts würden allerdings nicht reichen; am Sabbat gilt Fahrverbot, deshalb müssen die Strenggläubigen in Gehdistanz zur Synagoge wohnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2015, 21:29 Uhr

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