Rauschware vom Bergbauern

Hanf: Geraucht wird er sowieso, warum nicht legal daran verdienen? Nüchternes Plädoyer für die Legalisierung von Cannabis.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Kantonspolizisten entdecken Hanffelder, holzen Plantagen ab, stellen Haschisch in grossen Mengen sicher, nehmen Anbauer und Dealer fest. Sie tun das so häufig, dass die dazugehörigen Schlagzeilen nicht mehr einfahren. Allein im Kanton Zürich konnte die Polizei im letzten Jahr pro Woche zwei Indoor-Plantagen ausheben, die letzte vor zwei Wochen im Unterland.

Das lässt sich als Erfolg lesen. Oder als Hinweis dafür, wie viel Rauschhanf in der Schweiz illegal angebaut und vertrieben wird. Gegen eine Milliarde Franken, das die Schätzung von 2012, wird jährlich damit umgesetzt.

Kein Wunder: Die Aufzucht kostet wenig, der Stoff bringt viel ein. Es fallen keine Steuern an, es gibt keinerlei Qualitätskontrolle, keinen Konsumentenschutz. Die Kunden wissen nicht, wie hoch der Rauschgehalt der Pflanzen ist und ob sie Pestizide mitrauchen. Immer besser organisierte international operierende Dealerbanden kontrollieren ein Geschäft, das die Polizei beschäftigt, ohne ihm beikommen zu können.

Das sind die Kollateralschäden der Prohibition. Sie gründet in einer repressiven Schweizer Drogenpolitik, die das Parlament vor knapp zehn Jahren nach langen Debatten bestätigte. Der Entscheid kam unter dem Einfluss welscher Hardliner und mithilfe einer verunsicherten CVP zustande, die weniger Probleme damit bekundet, Diktaturen mit Waffen zu beliefern, als jugendliche Kiffer vor Strafe zu verschonen. Das Scheitern der Liberalisierungsinitiative von 2008 brachte das Thema vollends zum Verschwinden, nicht aber das Problem. Eine halbe Million Menschen in der Schweiz rauchen Cannabis.

Das Drogenproblem der Politik

Seit einiger Zeit passiert wieder etwas. Für einmal sind die repressiven USA vorangegangen. Die Bundesstaaten Colorado und Washington haben den kontrollierten Anbau und Handel mit Hanfprodukten legalisiert, Kalifornien dürfte folgen. Auch Uruguay hat schon umgestellt, verstört von der Expansion der mexikanischen Drogenkartelle. Schweizer Städte wie Zürich, Genf, Basel, Bern und Winterthur arbeiten an geregelten Modellen, die Eidgenössische Kommission für Drogen­fragen hat diese Woche zwei Liberalisierungsmodelle diskutiert.

Eines davon, vom ehemaligen Basler Drogendelegierten Thomas Kessler eingereicht, sieht darbende Schweizer Bergbauern als Hanfproduzenten. Sie könnten in staatlichem Auftrag gegen hundert Tonnen Cannabis anbauen mit einem Marktwert von einer Milliarde Franken. Davon würde der Staat 80 Prozent abschöpfen, von denen rund 100 Millionen der Prävention zukämen. Pro Bauernhof und Jahr blieben 30'000 Franken übrig. Der geregelte Verkauf erlaubte eine Kontrolle der Ware und ihrer Wirkung.

Erfahrungsgemäss braucht die Politik lang, um die Gesetze einer sich verändernden Gesellschaft anzu­passen. Politiker haben Angst vor Entscheiden, die ihre Wählerschaft brüskieren könnten. Drogen fordern die Politiker besonders heraus, weil die Trennung in legale und verbotene Substanzen soziale Konstrukte sind, die sich rational nicht begründen lassen. Ginge es nach der Gefährlichkeit, müssten Alkohol und Tabak verboten werden, nicht Halluzinogene.

Dass die Debatte über eine Legalisierung von Cannabis wieder so breit geführt wird, verdeutlichen zwei Dinge. Wie wenig die geltende Praxis gebracht hat. Und wie viel die Falschen an dieser Praxis verdienen.

DerBund.ch/Newsnet

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