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Rauchen gleich dümmer gleich krimineller?

Werden Jugendliche tatsächlich eher kriminell, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft geraucht hat? Die These von Zürcher Forschern ist abenteuerlich.

Ist Rauchen während der Schwangerschaft tatsächlich Ursache für die Kriminalität des Nachwuchses? Zweifel sind berechtigt.
Ist Rauchen während der Schwangerschaft tatsächlich Ursache für die Kriminalität des Nachwuchses? Zweifel sind berechtigt.
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Hat die Mutter während der Schwangerschaft geraucht, verdoppelt sich für Kinder und Jugendliche das Risiko, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Das behaupten Schweizer Forscher in einer Langzeitstudie. Es geht an dieser Stelle nicht darum, das Rauchen zu verharmlosen, es geht nur darum, den Ansatz der Studie zu hinterfragen. Und da gibt es Fragezeichen.

Ursache und Wirkung verwechselt?

Die Forscher haben gewiss in bester Absicht gehandelt, aber sie vermischen möglicherweise Ursache und Wirkung in unzulässiger Weise. Es mag durchaus sein, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft geraucht haben, überdurchschnittlich häufig kriminelle Taten verüben. Aber hat dieser Umstand tatsächlich etwas mit dem Rauchen zu tun? Oder ist es nicht eher so, dass in unterprivilegierten Milieus, in denen mehr Straftaten begangen werden, Frauen während einer Schwangerschaft weniger gesundheitsbewusst sind?

Oder anders gedacht: Könnte man mit einer vergleichbaren Studie feststellen, dass Kinder und Jugendliche ein kleineres Risiko haben, einmal mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, wenn die Mutter während der Schwangerschaft regelmässig die Oper oder ein klassisches Konzert besucht hat? Niemand bezweifelt, dass schöne Musik für ein ungeborenes Kind gut sein kann, und vermutlich könnte eine Studie genau einen solchen Zusammenhang auch problemlos herstellen. Aber wäre der Besuch der Oper oder des klassischen Konzertes auch tatsächlich der Grund für dieses geringere Risiko? Oder gehen Frauen aus gehobeneren Schichten, die während der Schwangerschaft auf das Rauchen verzichten, nicht einfach häufiger an solche Veranstaltungen als jene der unteren Schichten?

Umfeld ausgeblendet

Als Erklärung, warum Kinder von rauchenden Müttern dereinst krimineller werden als andere, dient den Forschern der Ansatz, dass durch das Rauchen die Hirnentwicklung des Ungeborenen geschädigt wird. Auch hier gilt: Es ist unbestritten, dass das Rauchen Schäden verursachen kann. Auch bei Ungeborenen, möglicherweise auch, was die Hirnleistung anbelangt. Und die Soziologen haben wenig überraschend herausgefunden, dass Gymnasiasten weniger Taten verüben als Schüler unterer Stufen. Und verwechseln damit prompt schulische Einteilung mit Intelligenz. Ein 15-jähriger Realschüler, der einen Gymnasiasten schlägt, muss nicht zwingend einen tieferen IQ haben als sein Opfer. Vielleicht wurde er nur weniger gut gefördert, vielleicht hat er auch ein schwierigeres Umfeld.

Es gibt laut dieser Studie also einen implizierten kausalen Zusammenhang: Rauchen gleich dümmer gleich krimineller. Vielleicht ist das ja wahr. Und als populistische These ist diese Verflechtung politisch ohne Zweifel verwertbar. Für eine wissenschaftliche Arbeit ist sie allerdings abenteuerlich.

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