Nein zur Zentralisierung der SRG

Eine Konzentration der SRG-Kräfte ist notwendig, sie darf aber nicht zulasten des Zusammenhalts und der Nähe gehen.

Mit der Verlagerung von Unternehmenseinheiten in die etablierten Zentren fördert die SRG genau die Zentralisierung, die sie selber anderswo anprangert.

Mit der Verlagerung von Unternehmenseinheiten in die etablierten Zentren fördert die SRG genau die Zentralisierung, die sie selber anderswo anprangert. Bild: Urs Jaudas

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Nur wenige Schweizer Unternehmen können von sich behaupten, dass sich breite Teile der Bevölkerung mit ihnen identifizieren. Noch seltener sind die Unternehmen, die in der ganzen Schweiz bekannt sind und in denen sich das ganze Land wiedererkennt. Es sind Unternehmen, die den Röstigraben überwinden und deren Vertreterinnen und Vertreter sozusagen Teil der eigenen Familie sind. Dazu gehören beispielsweise der Zirkus Knie und – aus einem ganz anderen Gebiet – die SRG. Der Circus Knie ist ein privates Unternehmen, die SRG nicht. Mit Gütesiegel der «Bürgernähe» hat die SRG den Auftrag, als Bindeglied zwischen den Sprachgemeinschaften zu wirken. Gemäss ihrer Konzession fördert die SRG «den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen, Religionen und den gesellschaftlichen Gruppierungen».

Das Schweizervolk hat seine Verbundenheit mit dem Unternehmen anlässlich der sehr emotional geführten Debatte vor der Abstimmung über die «No Billag»-Initiative vom vergangenen März unter Beweis gestellt. Viele Befürworterinnen und Befürworter dieser Initiative, die sich in der hitzig geführten Abstimmungskampagne engagiert haben, wollten nicht nur die Empfangsgebühren abschaffen. Sie haben in Wahrheit die SRG als Bindeglied zwischen den Sprachgemeinschaften angegriffen.

Die Kantonsregierungen von Bern und Genf haben deshalb ihre Kräfte und die Zivilgesellschaft mobilisiert. Um dem mit der «No Billag»-Initiative verbundenen Ansinnen entgegenzutreten, haben die beiden Kantone Bündnisse innerhalb der Konferenz der Westschweizer Regierungen (CGSO) geschlossen. Beide haben immer wieder und mit Nachdruck interveniert, um dem Grundsatz des nationalen Zusammenhalts und der Dezentralisierung, wie ihn die SRG verkörpert, Geltung zu verleihen. Schweizweit wurde die Initiative von mehr als 71 Prozent der Stimmberechtigten abgelehnt, in Bern waren es 75,1 Prozent und in der Westschweiz 76 Prozent. Was für ein Zeichen der Solidarität mit der SRG!

Und doch geht das Unternehmen heute den umgekehrten Weg, wenn es das Radiostudio SRF von Bern nach Zürich und den Newsbereich von RTS von Genf nach Lausanne verlegen will. Mit der Verlagerung dieser Unternehmenseinheiten in die beiden etablierten Zentren fördert die SRG genau die Zentralisierung, die sie selber anderswo anprangert. Ist doch Zürich bereits Sitz des Deutschschweizer Fernsehens und der Redaktionen von mehreren grossen Tageszeitungen.

Gleiches gilt für Lausanne: Dort befinden sich das Studio des Westschweizer Radios, die Westschweizer Zentrale der Tamedia-Gruppe und die Redaktion der Tageszeitung «Le Temps». Die SRG fördert die heutige Konzentration mit den geplanten Umzügen nach Zürich und ­Lausanne weiter. Dies, obwohl das Unternehmen seinem Wesen nach dezentral organisiert ist. Es ist daher schwierig, dem Slogan «idée suisse», auf dem die SRG in den letzten Jahren ihr Image und ihre Werbung aufgebaut hat, noch Glauben zu schenken. Wo bleiben nach einem solchen Schritt die Vielfalt, Farbigkeit und Nähe, die das Unternehmen für sich beansprucht?

Die beste Rechtfertigung dafür, dass diese Entwicklung nicht nur aus kantonalen und regionalen Interessen heraus gestoppt werden muss, lieferte das Bundesparlament. Mit einer parlamentarischen Initiative, die in der Herbstsession eingereicht wurde, setzte es ein Zeichen für eine wahre «idée suisse». Diese Initiative wird nämlich von fast allen nationalen Parteien – von der SVP bis zur SP – unterstützt. Der Titel lautet: «Vielfalt statt Konzentration: Sicherstellen einer dezentralen Programmproduktion durch die SRG». Diese Initiative verlangt eine ausgewogene geografische und thematische Aufteilung der SRG-Produktionsstandorte. Mit anderen Worten: Die Fernsehproduktion in Zürich und Genf, das Radiomachen in Bern und Lausanne. Damit sind wir einverstanden.

Der SRG weht ein eisiger Gegenwind entgegen. Ab dem kommenden Jahr wird sie die tieferen Empfangsgebühren auffangen müssen. Und der Weg in die Digitalisierung ist mit Unwägbarkeiten verbunden. Dazu kommt, dass das Unternehmen zunehmend Werbeanteile an die ausländische Konkurrenz verliert.

Unsere beiden Regierungen sind sich dessen bewusst und anerkennen das Ausmass der Herausforderungen. Eine Konzentration der SRG-Kräfte ist notwendig, darf aber nicht zulasten des Zusammenhalts und der Nähe gehen. Denn diese sind die Säulen der Schweizer Gesellschaft. Das hat der Circus Knie verstanden, der jedes Jahr in der Schweiz unterwegs ist. Nicht nur in einem Teil der Schweiz, sondern im ganzen Land. (Der Bund)

Erstellt: 28.11.2018, 06:39 Uhr

Christoph Neuhaus (rechts, SVP) ist Regierungspräsident des Kantons Bern. (Bild: Valerie Chetelat)

Antonio Hodgers (Grüne) ist Präsident des Staatsrats des Kantons Genf. (Bild: zvg)

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