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Möge der Streit um Olympia beginnen

Alles deutet darauf hin, dass der Bundesrat heute den Startschuss für Sion 2026 gibt. Schon jetzt ist klar: Es gibt eine epische Schlacht um die Winterspiel-Kandidatur.

Längst sind es nicht mehr nur die Umweltschützer, die Vorbehalte gegenüber Olympischen Spielen haben: Blick auf die Stadt Sitten. Foto: Olivier Maire (Keystone)
Längst sind es nicht mehr nur die Umweltschützer, die Vorbehalte gegenüber Olympischen Spielen haben: Blick auf die Stadt Sitten. Foto: Olivier Maire (Keystone)

Das Wallis wartet auf den Winter. Doch Schnee und Kälte kündigen sich nicht an. Es ist so warm, dass sich Jean-Pascal Fournier, Präsident der Walliser Grünen, auf der Terrasse einer Pizzeria in der Sittener Innenstadt rasch seinen Mantel auszieht. Das Gesprächsthema bringt ihn erst recht in Wallung.

Fournier ist der Anführer des Walliser Widerstands gegen die Kandidatur für Olympische Winterspiele in Sitten im Jahr 2026. Und er spürt viel Momentum: Die Argumentarien sind geschrieben. Die Gruppe der Olympia-Gegner wächst. Doch Jean-Pascal Fournier hat ein Problem. Er will agieren, kann aber nicht. Wogegen soll er kämpfen, wenn im Dossier Sion 2026 bislang keine Behörde einen formellen Entscheid traf?

Bundesmilliarde für Baulöwen?

Der Bundesrat dürfte dies heute ändern. Zum zweiten Mal bespricht er den Antrag von Sportminister Guy Parmelin, die Winterspiele mit rund 1 Milliarde Franken zu unterstützen. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Landesregierung den Startschuss gibt. Nicht nur für die Träger des Projekts, sondern auch für ihre Gegner.

Fournier jedenfalls ist bereit. Nach dem Bundesratsentscheid verlangt er «endlich Zugang zum Kandidaturdossier». Diesen verwehrte ihm das Komitee Sion 2026 bislang. Fournier spricht von einem «opaken Projekt» und «Führungsproblemen». Man werde den Verdacht nicht los, dass da einige Unternehmer auf Geld aus Bern warteten, um mithilfe staatlicher Subventionen Geschäfte zu machen. Fournier wird alles daran setzen, das zu verhindern.

Hans Stöckli lässt sich in der Lobby des Berner Hotels Schweizerhof in ein Fauteuil plumpsen. Der SP-Ständerat und ehemalige Bieler Stadtpräsident kehrt gerade von einem Wochenende im Wallis zurück. Skifahren in Saas Fee. Auf dem Gletscher. «Sensationell», sei es gewesen, sagt er.

Stöckli, Vizepräsident des Organisationskomitees (OK) für Sion 2026, möchte über seinen Traum sprechen. Den Geist von Olympia. Den Sport. Das Fest. Und das nachhaltige und bescheidene Projekt, das sein OK in den Kantonen Wallis, Bern, Waadt und Freiburg realisieren will.

«Mehrmals hat das Wallis schon Ja gesagt zu den Winterspielen. Zuletzt 1997 mit 67 Prozent.»

Hans Stöckli, Vizepräsident OK Sion 2026

Die Nachrichtenlage aber ist ungut. Letzten Mittwoch schickte der Bundesrat Sportminister Guy Parmelin zum Nachbessern seines Olympia-Antrags. Am Wochenende stimmte das Tirol über seine Olympiakandidatur für 2026 ab. Das grosse Versprechen der regionalen Politik: Kein Steuergeld, keine Neubauten. Trotzdem sagten 53 Prozent der Stimmbürger Nein. Bereits im Februar 2017 löschte das Bündner Stimmvolk das Feuer der dortigen Olympia-Promotoren. Vor vier Jahren sagte die Stadt München Nein. Es ist relativ eindeutig: Das Alpenvolk will keine Spiele, kein Fest, kein Juhee.

Stöckli ficht das nicht an. Am Sonntagabend, als er vom Abstimmungsergebnis in Tirol hörte, hat er die Zahlen extra noch rausgesucht und auf ein Blatt gekritzelt. «Mehrmals hat das Wallis schon Ja gesagt zu den Winterspielen. Zuletzt 1997 mit 67 Prozent.»

Auch die SVP zweifelt

Doch die Zeiten haben sich geändert, auch im Wallis. Es sind nicht mehr nur Umweltschützer, die den Grossanlass ablehnen. Auch die Walliser SVP tendiert zum Nein. «Der Kanton stellt jede Million infrage, die er ausgibt, und muss selbst Prämienverbilligungen streichen. Wie wollen wir gegenüber der Bevölkerung Millionenausgaben für Olympische Spiele rechtfertigen?», fragte SVP-Präsident Jérôme Desmeules kürzlich in einem TV-Interview. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 2,8 Prozent zieht im einstigen Krisenkanton Wallis auch das Job-Argument nicht mehr.

Selbst die linke Kritik am Grossanlass tönt heute anders. Die Grünen etwa bekämpfen Sion 2026 nicht primär wegen Umweltbedenken, auch wenn sie hervorstreichen, dass das beim Flughafen Sitten geplante olympische Dorf mit 1400 Betten den Leerwohnungsbestand verschärfen würde.

Die grundsätzlichen Probleme lägen an einem anderen Ort, sagt Christophe Clivaz, ehemaliger Walliser Grossrat und Professor für Geografie und Nachhaltigkeit an der Uni Lausanne. «Heute herrscht als Folge des Klimawandels Schneemangel.» Der Wintertourismus verliere an Bedeutung. Die Branche wolle in den restlichen Jahreszeiten Marktanteile hinzugewinnen. Positioniere sich der Kanton nun weltweit als Wintersportort, wende man sich von der Realität ab und werfe unternehmerische Strategien über den Haufen. Millioneninvestitionen in die Wintersportinfrastruktur könnten nutzlos sein, befürchtet Clivaz.

«Die Stadt Sitten war wegen der Olympiakandidaturen 2002 und 2006 blockiert. Nur Olympia zählte – auf Kosten der Stadtentwicklung.»

Jean-Pascal Fournier, Präsident Grüne Kanton Wallis

Jean-Pascal Fournier, der Rädelsführer der Olympiagegner, wiederum erinnert sich an die negativen Effekte der Olympiakandidaturen in den 1990er-Jahren. Er sagt: «Die Stadt Sitten war wegen der Olympiakandidaturen 2002 und 2006 blockiert. Wir hatten zahlreiche Bau- und Infrastrukturprojekte, die wir beiseiteschoben. Nur Olympia zählte – auf Kosten der Stadtentwicklung.»

Und dann gibt es da noch die Causa Constantin. Der FC-Sion-Präsident ist einer der Väter von Sion 2026. Sicher nicht ganz uneigennützig: Der Immobilienunternehmer wittert im Bau des Olympiadorfes ein gutes Geschäft. Doch während das OK zunächst von Constantin profitierte, hat er sich mit der Prügelaffäre im Stadion des FC Lugano zur Hypothek für Olympia entwickelt. Constantin verliess das OK zwar umgehend. Doch der Schaden ist angerichtet.

Das weiss auch Hans Stöckli. «Schklar», sagt er. Die Personalie werfe in diesen Wochen nicht das beste Licht auf das Organisationskomitee. Doch: Constantin habe sich selbst zurückgezogen. Und die 500'000 Franken, die der Bauunternehmer privat ans OK spenden wollte? «Wir verzichten auf den Beitrag von Herrn Constantin.» Man habe bereits andere Geldgeber aufgetrieben und führe weiter Gespräche. «Es wird kein Finanzloch geben.»

Die Schweiz muss, weil sie kann

Problem da. Problem angepackt. Problem gelöst. So sieht das Stöckli, und so will er auch die übrigen Themen angehen. Umweltschutz. Infrastruktur. Mobilität. Finanzen. Alles eine Frage der ­Organisation. Wo sollen bescheidene, saubere und nachhaltige Winterspiele denn auch noch stattfinden, wenn nicht hier? Im ÖV-Paradies Schweiz. Im Mutterland des Wintersports. «Dort, wo der Schnee ist, nämlich in den Schweizer Alpen», sagt Stöckli. Kurz: Die Schweiz muss, weil sie kann.

Diese Ausgangslage erlaube dem OK auch, mit klaren Bedingungen ans IOK heranzutreten. Die Ausrichterin der Olympiade wolle einen Wandel vollziehen. Weg vom Gigantismus, von Bausünden und überbordenden Kosten. Die Bewerbung Sion 2026 stehe voll im Zeichen dieser Veränderung. «Wenn es dem IOK ernst ist damit, muss es sich für unsere Kandidatur entscheiden. Unser Standpunkt ist klar: Take it or leave it.»

Mitmachen? Ablehnen? Wohl schon nächstes Jahr müssen diese Frage auch die Walliser, allenfalls auch die Berner und Waadtländer Stimmbürger beantworten. Sicher scheint bislang nur: Es gibt ein enges Rennen.

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