Mehr Wertschätzung für die Praktiker

In der Weiterbildung nach der Berufslehre ist die Praxisnähe in Gefahr. Die Politik muss eingreifen.

Ein junger Elektriker bei der Arbeit. Die Berufsbildung gerät unter Druck.

Ein junger Elektriker bei der Arbeit. Die Berufsbildung gerät unter Druck. Bild: Keystone

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Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr Bildungssystem. Dieses sorgt dank einer Mischung aus akademischen Bildungswegen und der Berufsbildung für breite und exzellente berufliche Qualifikationen. Doch die Berufsbildung gerät unter Druck. Der Arbeitsmarkt ist mobiler geworden, eine Karriere in einem einzigen Beruf, geschweige denn bei einem einzigen Arbeitgeber, ist heute die Ausnahme. Entsprechend hat sich der Druck erhöht, weiterführende Aus- und Weiterbildungen nach Abschluss einer Berufslehre oder einer anderen Ausbildung im Erstberuf zu absolvieren.

Immer mehr Personen machen einen tertiären Bildungsabschluss, sei es an einer Hochschule oder in der Höheren Berufsbildung. Laut dem jüngsten Bildungsbericht des Bundes hat sich der Anteil der 30- bis 39-Jährigen, die über einen solchen Abschluss verfügen, in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt. Betrachtet man die Abschlüsse im Einzelnen, fällt aber auf, dass der Trend in Richtung Tertiarisierung überproportional den Hochschulen (ETH, Universität, Fachhochschule, pädagogische Hochschule) zugutekommt. Der andere Ast der höheren Bildung in der Schweiz, die höhere Berufsbildung mit den höheren Fachschulen, profitiert weit weniger von dieser Dynamik. Diese Entwicklung ist problematisch. Sie geht an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft vorbei.

Für den Eintritt in eine höhere Fachschule (HF) werden ein eidgenössischer Lehrabschluss und in der Regel ein bis zwei Jahre Berufserfahrung verlangt. Die Ausbildung ist konsequent arbeitsmarktnah aufgebaut. Leute mit diesem Abschluss sorgen in zahlreichen Betrieben dafür, dass theoretische Konzepte in praktische Herstellungsprozesse übersetzt werden. Zum Beispiel im Start-up, das für Verkehrsbetriebe herkömmliche Fahrzeuge in umweltfreundliche E-Busse umrüstet.

Dort arbeiten in der Entwicklung ein Ingenieur FH und in der Werkstatt Polymechaniker und ein Automatiklernender. Damit die Entwicklungsergebnisse vom Papier in einen Produktionsprozess übergeführt werden können, braucht es einen Projektleiter oder eine Werkstattchefin, der sowohl die Sprache der Entwicklung als auch jene der Monteure versteht. Eine typische Funktion für einen diplomierten Techniker HF. Wenn immer mehr Berufsleute den Weg nach der Lehre über die Berufsmaturität an die Fachhochschule wählen und sich zu Ingenieuren weiterbilden lassen, führt dies indirekt zu einem Mangel an Technikern HF.

Hochschulen haben mit den Bachelor- und Masterabschlüssen auf dem Markt einen komparativen Vorteil. Dagegen erfahren die höheren Fachschulen aufgrund ihres komplizierten rechtlichen Status etliche Schwierigkeiten. Obwohl sie vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation geprüft werden und in aller Regel kantonal subventioniert sind, gelten sie nicht als anerkannte Bildungsinstitutionen. Die fehlende institutionelle Anerkennung kann handfeste Folgen haben. So kommt es vor, dass Kantone ausländischen Studierenden die Aufenthaltsbewilligung mit der Begründung verweigern, die höhere Fachschule sei keine eidgenössisch anerkannte Schule.

Im Gegensatz zu allen anderen Abschlüssen der formalen Berufsbildung dürfen Absolventinnen und Absolventen eines Diploms HF nicht den Zusatz «eidgenössisch» im Titel tragen. Das kann sich etwa im Übergang zu einem weiterführenden Studium an einer Fachhochschule negativ auswirken. Indem zum Beispiel das Gesuch für den Einstieg direkt ins zweite Semester mit Verweis auf den fehlenden eidgenössischen Abschluss abgelehnt wird. Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es Probleme. Etwa wenn ein Arbeitgeber den Wert des HF-Titels nicht richtig einordnen kann, nur weil das Diplom keine offizielle eidgenössische Unterschrift ausweist.

Inzwischen hat die Politik die Fehlentwicklung erkannt. Der Ständerat überwies im Sommer eine Motion, die eine Stärkung der höheren Fachschulen verlangt. Einen ähnlichen Vorstoss behandelt der Nationalrat in der Herbstsession. Das Parlament macht Druck – das ist wichtig. Das zuständige Staatssekretariat hat bislang wenig Willen gezeigt, an der heutigen Situation wirklich etwas zu verändern. Doch die Position der Höheren Fachschulen muss endlich gestärkt werden. Nur so stellen wir auch in Zukunft sicher, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft auf ein flexibles und dynamisches Bildungssystem abstützen können.

Peter Marbet ist Direktor des Berner Bildungszentrums Pflege und Mitglied des Vorstandes der Konferenz der Höheren Fachschulen Schweiz. (Der Bund)

Erstellt: 27.08.2018, 06:48 Uhr

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