«Man kann menschliche Leistung nicht objektiv messen»

Leistungsbewertung in Arbeitswelt und Schule ist immer auch Ansichtssache, sagt Historikerin Nina Verheyen.

«Persönliche Fähigkeiten verdanken wir nicht nur uns alleine, sondern etwa auch Lehrern oder Eltern»: Nina Verheyen. Bild: Urs Jaudas

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Frau Verheyen, leiden wir alle an Leistungswahn?
Dieser Begriff ist mir zu negativ. Aber die Menschen in modernen Gesellschaften sind durchdrungen vom Gedanken, Leistung erbringen zu müssen. Leistung ist eine zentrale Ordnungskategorie unseres Lebens. Sie prägt die Art und Weise, wie wir unsere Welt wahrnehmen, wie wir darin agieren und uns selber interpretieren.

In Ihrem Buch «Die Erfindung der Leistung» rütteln Sie an dieser Kategorie, indem Sie behaupten, dass es individuelle Leistung gar nicht gibt. Wie kommen Sie darauf?
Unter «Leistung» versteht man ein zielorientiertes Handeln und zugleich auch das Ergebnis dieses Handelns. Beides ist von der Gesellschaft erwünscht und wird daher von ihr belohnt – so stellt es sich zumindest aus der Perspektive der Theorien über soziale Gerechtigkeit dar. In der Regel ist damit die Erwerbsarbeit gemeint. Aber alle Arbeit vollzieht sich kollektiv. Individuelle Arbeitsresultate sind abhängig von anderen. Selbst persönliche Fähigkeiten verdanken wir nicht nur uns alleine, sondern etwa auch Lehrern oder Eltern. Zudem muss ausgehandelt werden, was überhaupt als Leistung gilt und wie diese erhoben, bewertet und gemessen wird. Kurzum: Individuelle Leistung ist ein soziales Konstrukt.

Aber wenn Usain Bolt die 100 Meter in 9,58 Sekunden rennt, ist das doch eine individuelle Leistung?
Natürlich sind die 9,58 Sekunden das Ergebnis seiner Anstrengungen und Fähigkeiten, aber eben nicht ausschliesslich. Hinter Spitzensportlern wie Usain Bolt stehen Trainer, Ernährungsberater, Physiotherapeuten und viele andere mehr. Jeder Spitzensportler lässt sich von anderen helfen. Auf dem Siegerpodest steht aber trotzdem immer nur eine Person.

Der Sport lebt von diesen Helden.
Ja. Aber selbst im Sport stehen hinter den Akteuren grosse Teams, was wir im Alltag oft vergessen.

Sie erzählen im Buch, wie am Marathonlauf der Olympischen Spiele 1908 der Läufer Dorando Pietri das Ziel nur erreicht hatte, weil ihn ein Kampfrichter von hinten stützte. Was wollen Sie damit aufzeigen?
Das Beispiel zeigt: Es ist Ansichtssache, ab wann Hilfe als illegitim gilt, weil sie die vermeintlich persönliche Leistung verwässert. Pietri wurde zuerst als Sieger des Marathons ausgerufen und erst nach Intervention des Zweitplatzierten disqualifiziert. Trotzdem galt er vielen als der eigentliche Sieger, auch weil er so lange deutlich vorne lag und auf der Zielgeraden trotz völliger Erschöpfung tapfer gekämpft hatte. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle rief in der «Daily Mail» dazu auf, für Pietri zu spenden. Viele folgten dem Vorschlag, und Sponsoren wurden auf Pietri aufmerksam. Dieser avancierte zum Profisportler und wurde weltberühmt. Interessant ist auch, dass Pietris Supporter mit Erfolg die Anstrengung als Leistung hervorgehoben haben. Denn der Sport ist sehr ergebnisorientiert.

Und in der Arbeitswelt ist das anders?
Zum Teil schon. «Leistung» hat sowohl eine Input- als auch eine Output-Dimension. In der heutigen Arbeitswelt sind Leistungsbewertungen aber auffällig outputbezogen. Um den Input geht es allenfalls dann, wenn auch die Zeit, die jemand in eine Ausbildung gesteckt hat, bei der Vergütung berücksichtigt wird.

Wer heute Leistungskritik übt, übt meistens auch Kapitalismuskritik. Sie distanzieren sich davon. Warum? Aus historischer Sicht wird die Entstehung der Leistungsgesellschaft in der Regel mit der Ausbildung des Kapitalismus gleichgesetzt. Das ist zu einfach. Mit Bezug auf Leistung lassen sich Marktmechanismen nämlich auch kritisieren – etwa mit der Aussage, dass nicht der Markterfolg zählen soll, sondern die Leistung. Der Begriff «Leistung» stand zudem lange für Dinge, die mit Marktmechanismen nichts zu tun hatten.

Sie beschreiben in diesem Zusammenhang das Leben in der Hamburger Bourgeoisie um 1800, die Leistung noch anders, nämlich im Sinne von «Gesellschaft leisten» verstand.
Der Jurist, der in diesem Kapitel vorkommt, beschreibt sich in seinem Tagebuch als jemand, der zwar viel arbeitet, aber auch ausgiebig am kulturellen Leben der Stadt teilnimmt. Zudem engagiert er sich wohltätig und geht viel mit Freunden spazieren. Vor allem gibt er sich aber als ungemein liebender Familienvater. Er glaubte wohl selber an dieses Bild. Aber es handelt sich um die Selbstbeschreibung eines Angehörigen einer privilegierten Schicht. Diese konnte sich die Pflege von Freundschaften, kulturelle Interessen und «Familienzeit» eben auch leisten.

Wie kam es in der Folge zum Wandel von diesem sozialen zum heutigen Individualistischen Leistungsdenken?
Das ist das Ergebnis verschiedener Einflüsse. Nebst der Ökonomie spielte unter anderem auch die Wissenschaft eine grosse Rolle. In der Physiologie wurde der Mensch mit einem Motor verglichen. Die menschliche Arbeitskraft wurde analog zur maschinellen Arbeitskraft möglichst exakt vermessen, um sie dann mit Expertenhilfe steigern zu können.

Das Leistungsdenken gipfelte in den von Ihnen beschriebenen Leistungsexzessen der Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Gibt es da eine Kontinuität zur Nachkriegszeit?
Dem Historiker Hans-Ulrich Wehler zufolge war der «Leistungsfanatismus» im Nationalsozialismus ein «mentaler Treibstoff» für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Das ist bislang kaum untersucht worden, scheint aber plausibel zu sein. Übrigens wurde ausgerechnet in der Nachkriegszeit die Formel des «bürgerlichen Leistungsethos» unter Anbindung an die Aufklärungszeit geprägt. Möglicherweise sollte so die nationalsozialistische Prägung verschleiert werden.

Sie sagen, es gibt keine gerechte Messung von Leistung. Wie kommen Sie darauf?
Leistungsbewertung ist immer auch Ansichtssache und kann nie objektiv sein. Ausserdem stehen hinter jeder vermeintlichen Einzelleistung viele Personen. Man kann und soll zwar versuchen, Leistungszuschreibungen so gerecht wie möglich zu machen. Aber wirklich erreichen lässt sich dieses Ziel nicht. Mit dieser Ambivalenz müssen wir leben.

Trotzdem werden Leistungen in der Arbeitswelt immer stärker vermessen – zum Beispiel mit Klickzahlen im Journalismus, Tarifpunkten im medizinischen Bereich oder Anzahl der Publikationen in den Wissenschaften.
Es gibt tatsächlich in verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt den Anspruch, Leistung noch präziser und auch häufiger als früher zu vermessen. Die Wissenschaft ist ein extremes Beispiel für diesen Trend. Vor fünfzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass wissenschaftliche Leistung an der Zahl der Aufsätze in bestimmten Zeitschriften festgemacht wird. Publikationen zu zählen, ist genauso naiv, wie Seitenzahlen zu zählen.

Das Quantitative wirkt objektiver, ist es aber letztlich nicht.

Bei nicht numerischen Kriterien der Leistungsbeurteilung wird aber sofort der Vorwurf der Willkür laut. Daher wird immer mehr gemessen.
Das Quantitative wirkt objektiver, ist es aber letztlich nicht. Wenn Zahlen statt Personen «entscheiden», hat das den Anschein von reduzierter Willkür. Aber hinter Zahlen stecken auch Menschen, nämlich jene, die entschieden haben, was gezählt werden soll und wie. Persönliche Leistung ist eben keine Grösse der Physik, sondern genuin sozial.

In der Schule ist dieses Willkürmoment in der Benotung von Leistung aber oft eine Tragödie.
Es wäre falsch, auf Leistungsmessung in der Schule zu verzichten. Es ist allerdings wichtig, Kindern klarzumachen, dass keine Leistungsmessung abschliessend ist. Eine andere Lehrperson oder auch ein anderes Verfahren wären möglicherweise zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Schulische Leistung ist hochkomplex, weil andere Kriterien andere Ergebnisse nach sich ziehen, weil Menschen gute und schlechte Tage haben und weil sie unterschiedlich gut unterstützt werden. Und weil kein Lehrer einen Schüler vollständig durchleuchten kann.

In der Schule misst man nicht nur die Fachkompetenz, sondern auch Sozialkompetenz und Selbstkompetenz. Damit wird doch versucht, das Willkürmoment zu kaschieren?
Dadurch werden zwar die Dimensionen der Leistungsbewertung erweitert, indem das Persönliche gegenüber dem Fachlichen aufgewertet wird. Objektiv messen kann man das aber ebenso wenig.

Es klingt aber toll.
Ja. Aber man kann menschliche Leistung nun mal nicht objektiv messen. Und in der Praxis kann es sehr schmerzhaft sein, Gegenstand solcher Vermessungen zu werden. Auch wenn einem solche Bewertungen Hinweise geben sollen, wie man sich weiterentwickeln könnte.

Erwachsene können sich ein lockeres Verhältnis zu Leistungsmessungen vielleicht einreden. Aber Kinder und Jugendliche tun sich damit doch schwer?
Lehrer und Eltern sollten sich klarmachen, welche persönlichen Effekte das Vermessen hat: Wie verändert es die Selbstwahrnehmung? Wirkt es verunsichernd oder verstärkend? Engt es einem ein? Wo immer Leistungsvergleiche unnötig sind, würde ich persönlich darauf verzichten.

Eltern vergleichen ihre Kinder aber meist von Anfang an – etwa mit den Kindern der Nachbarn.
Das wird ihnen aber oft auch beigebracht – sogar in Babykursen. Ich habe eine sehr kleine Tochter und jüngst einen Babykurs besucht, in dem jede Stunde mit einer Art «Leistungsschau» begann. Die Leiterin stieg ein mit der Frage: «Worüber freut ihr euch bei eurem Schatz denn gerade am meisten? Was kann er denn jetzt, was er letzte Woche noch nicht konnte?» Die Babys waren gleichaltrig, und die Eltern mussten reihum etwas sagen: Meine kann sich jetzt in beide Richtungen drehen oder meiner robbt jetzt schon. Das verändert den Blick. So geht es bereits los bei Kleinkindern, die wenige Monate alt sind.

Und doch sagen viele Eltern, sie möchten ihren Kindern die beste Ausbildung bieten, damit sie später im Berufsleben bestehen können.
Klar. Eine gute Ausbildung ist schon an sich wertvoll, und die beruflichen Perspektiven hängen stark davon ab. Aber ein entspanntes Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten ist ebenfalls ein wichtiges Rüstzeug für ein gutes und glückliches Leben.

Künftig kommen vielleicht nicht mehr die Menschen zu einem Job, sondern der Job zu den Menschen, indem Algorithmen nach Profilen suchen. Wäre das gerechter?
Ich kenne diese Techniken nicht, aber bei Ihrer Beschreibung werde ich misstrauisch. Was fliesst in die Algorithmen ein?

Soll man das Geschlecht als Kriterium bei der Selektion berücksichtigen?
Sie spielen auf die Debatte um die Frauenquote an. Frauen tendieren dazu, ihre eigenen Fähigkeiten kritischer zu sehen als Männer – was sie in Vorstellungsgesprächen systematisch benachteiligt. Als Uni-Dozentin ermuntere ich weibliche Studierende immer wieder, selbstbewusster mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Das alleine reicht aber nicht, zumal Frauen regelmässig als weniger kompetent wahrgenommen werden als Männer, selbst wenn sie dasselbe sagen und tun. Daher braucht es in gewissen Bereichen Quoten. Wenn ich höre, dass sei Männern gegenüber unrecht, finde ich das amüsant. Jahrhundertelang gab es faktisch eine 100-Prozent-Männerquote.

Sie wollen aus Ihrem Buch noch eine Habilitation machen. Aber ein Buch für ein breites Publikum ist doch die grössere Leistung, weil es von mehr Menschen gelesen wird?
Ich wünsche mir ja, dass in Deutschland auch populärwissenschaftliche Bücher als Leistung zur Erlangung einer Professur anerkannt würden. Das ist aber nicht der Fall. Mir wurde auch schon kritisch gesagt, ich hätte es doch gar nicht nötig, mich so populär zu machen. Leistung ist eben Ansichtssache.

Aber mit der Habilitation wird ja bloss Ihr Fleiss belohnt?
Der Fleiss wird belohnt, die Gründlichkeit, aber auch die methodisch-theoretische und begriffliche Reflexion. Klassische Qualifikationsarbeiten stellen all das minutiös heraus – so sehr, dass es dann viele Leser langweilt. Aber auch das nun vorliegende Buch konnte ich nur schreiben, weil ich zuvor jahrelange Denk- und Fleissarbeit geleistet habe. Die Universität hat das Buch zwar nicht in dieser Form erbeten, sie hat es aber ermöglich. (Der Bund)

Erstellt: 16.06.2018, 08:29 Uhr

Nina Verheyen

Die 43-jährige Historikerin arbeitet an der Universität Köln und hat Neuere und Alte Geschichte sowie Soziologie in Berlin studiert. Vor ihrer Anstellung in Köln war sie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin tätig sowie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Nina Verheyen schreibt regelmässig für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und den «Merkur». Im jüngst bei Hanser Berlin erschienenen Buch «Die Erfindung der Leistung» beschreibt sie, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat, und erzählt die Geschichte einer Idee, die unsere Gesellschaft stark prägt. Nina Verheyen lebt mit ihrer Familie in Köln und Berlin. (bob)

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