Likes statt News: Schweizer informieren sich immer weniger

Die Zahl der mit News unterversorgten Schweizer erreicht einen neuen Höchstwert, zeigt das neue Jahrbuch «Qualität der Medien».

Hatte keine guten Nachrichten für die angestammten Schweizer Medienmarken: Mark Eisenegger, Medienprofessor und Untersuchungsleiter, an der Vorstellung des Jahrbuches 2017. Foto: Keystone

Hatte keine guten Nachrichten für die angestammten Schweizer Medienmarken: Mark Eisenegger, Medienprofessor und Untersuchungsleiter, an der Vorstellung des Jahrbuches 2017. Foto: Keystone

Claudia Blumer@claudia_blumer

Als das Jahrbuch erstmals vorgestellt wurde, 2010, da hatten die Zeitungen in der Schweiz den Onlinekanal erst richtig entdeckt. Die Leserzahlen zeigten nach oben, die Werbeeinnahmen liessen hoffen. Und die Medienwissenschaft ortete Gefahr für die Qualität der Medien in der Schweiz. Das Gesicht hinter dem Jahrbuch war damals Kurt Imhof, streitbarer Soziologe und Publizistikexperte. Vor drei Jahren ist er verstorben.

Heute führt Mark Eisenegger, ebenfalls Medienprofessor an der Universität Zürich, Imhofs Werk weiter. Und er kommt in der neusten Ausgabe, dem Jahrbuch 2018, zu einem alarmierenden Schluss: Die Zahl der News-Unterversorgten wächst seit 2009 ungebrochen, und sie seien heute die grösste Gruppe unter den Mediennutzern.

Erinnern sich nicht an Abstimmungen

News-Unterversorgung heisst: Die Leute interessieren sich mehr für Lifestyle-Themen als für Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie können sich nicht erinnern, worüber wir letztes Jahr abgestimmt haben, und wenn sie doch einmal einen Artikel über ein relevantes Thema lesen, dann wissen sie nicht, welche Zeitung das geschrieben hat. Sie sind an keine Medienmarken gebunden, sondern vielmehr an Social-Media-Kanäle, die ihnen das liefern, was sie interessiert. Und so schliesst sich der Kreis.

Die Gruppe der News-Unterversorgten, oder News-Deprivierten, wie es im Fachjargon heisst, umfasse mittlerweile 36 Prozent, heisst es in den Befunden des Forschungsinstituts. Im Jahr 2009 waren es noch 21 Prozent. Bei den unter 30-Jährigen ist die Gruppe noch stärker gestiegen von 32 auf 53 Prozent. Ebenfalls wachsend ist die Gruppe der Global Surfers – sie interessieren sich zwar für klassische Nachrichten, sind aber stark international ausgerichtet und deshalb – wie die News-Deprivierten – kaum bereit, für Artikel angestammter Schweizer Medienmarken zu bezahlen.

Es wird mehr Zeit in den Medienkonsum investiert, aber weniger um sich über das gesellschaftliche Geschehen zu informieren.

Immer mehr Nutzer wenden sich also vom Informationsjournalismus ab. Paradoxerweise, sagt Mark Eisenegger, verbringe die Gruppe der Unterversorgten aber viel Zeit mit dem Medienkonsum. Nämlich mit der Pflege von Bekannt- und Freundschaften auf Google, Facebook, Youtube, Instagram oder Whatsapp. Auf diesen Kanälen erhalten sie Nachrichten zugespielt, die sie vorzugsweise interessieren, und dies häufig in audiovisueller Form. Videolastige Kanäle werden von dieser Gruppe bevorzugt.

Das Interesse an Politik und Wirtschaft wäre grundsätzlich schon vorhanden, sagt Eisenegger. Aber die Zeit dafür werde schlichtweg verdrängt. Es zeige sich die paradoxe Situation, dass die verbrachte Medienzeit zunimmt, aber als Folge alternativer Medienaktivitäten immer weniger Zeit investiert wird, sich über das gesellschaftliche Geschehen zu informieren.

«Schulen sind gefordert»

Mark Eisenegger fordert, dass der Medienkonsum einen festen Platz im Schulstoff bekommt: «Die Bildungsinstitutionen sind gefordert.» Sehr viele Fertigkeiten würden heute früh gefördert, die kritische Auseinandersetzung mit Medienartikeln müsse dazugehören. «Fächer wie Mensch und Umwelt oder Geschichte eignen sich dafür hervorragend.» Es gehe um das Üben der Lektüre und das Erkennen von Qualitätsunterschieden.

Auch müssten angestammte Medien stärker auf den Kanälen präsent sein, auf denen sich die Jungen aufhalten. Medienmarken wie «Tages-Anzeiger», NZZ und «Aargauer Zeitung» müssten laut Eisenegger ihre Artikel vermehrt auf Kanälen wie Snapchat und Instagram verbreiten, um die Jungen abzuholen. Stattdessen bevorzugen sie Facebook und Twitter, die Kanäle der älteren Generation. Die professionellen Medien, auch die SRG gehöre dazu, kämen ihrer Watchdog-Funktion damit ungenügend nach, heisst es in den Befunden des Jahrbuchs.

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