Der Spion, gestohlene Bankdaten und ein «Sudoku»

Der Schweizer Agent Daniel M. steht heute in Frankfurt vor Gericht. Sichergestellte E-Mails belasten ihn und seine Auftraggeber. Doch wie haben sie spioniert?

M. verkaufte in Frankfurt Bankdaten und kam deswegen in der Schweiz in Haft. Foto: Reto Oeschger

M. verkaufte in Frankfurt Bankdaten und kam deswegen in der Schweiz in Haft. Foto: Reto Oeschger

Thomas Knellwolf@KneWolf

Fast ein halbes Jahrhundert lang verläuft das Leben von Daniel M. in geordneten Bahnen. Nach 16 Jahren bei der Stadtpolizei Zürich hat er lange in der Sicherheitsabteilung der UBS gearbeitet. Mit seiner Frau hat er im Norden des Kantons Zürich zwei Töchter grossgezogen. Ein Haus, ein gut bezahlter Job, einige Hobbys, wovon das extravaganteste noch der Zigarren-Club «Smoke on the water» ist, dem auch Zürcher Polit- und Wirtschaftsgrössen angehören.

Nichts deutet noch 2009 darauf hin, dass dieses gutbürgerliche Leben bald aus den Fugen geraten wird und Daniel M. nicht nur ein schweizerisches, sondern auch ein deutsches Gefängnis von innen kennen lernt. Nicht als Polizist, als Insasse. Aber es sind kriegerische Zeiten, rhetorisch gesprochen. Peer Steinbrück wünscht die Schweiz auf eine schwarze Liste von ­Steueroasen. Der deutsche Finanzminister droht nicht nur mit der Peitsche, sondern sagt auch: «Die Indianer müssen wissen, dass es die Kavallerie in Fort Yuma gibt.»

Heute haben die Indianer die Schlacht längst verloren, Kriegsbeil und Bank­geheimnis sind begraben. Der automatische Austausch von Kontoinformationen rollt an. Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Eidgenossenschaft sind bestens.

Der Ruf der Freiheit

Wenn da nur Daniel M. nicht wäre. Der Schweizer Agent sitzt in Mannheim in Haft, seit 174 Tagen schon, auf sich alleine gestellt. Er war der Späher der Schweiz im Feindesland. Das bezahlt er teuer. Doch was hat er getan? Das versucht das Oberlandesgericht Frankfurt am Main herauszufinden.

Die Richter werden sich mit der Zeit beschäftigen, als die Indianer das letzte Mal zurückzuschlagen versuchten. Kurz nach Steinbrücks Verbalattacken ist Daniel M. zur Stelle. Er hat Zeit: In seinem Leben hat es eine Zäsur gegeben. Nach zehn Jahren bei der UBS hat er im Juli 2010 einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. «Man hat mir nicht gekündigt», wird er dazu in Deutschland aussagen, «und ich habe nicht gekündigt.» Doch den Job ist er los. Zur gleichen Zeit zieht er aus dem Heim aus, das er mit seiner Gattin bewohnte.

Grafik: Die wichtigsten Akteure im Spionage-ProzessZum Vergrössern klicken.

M. macht sich im Sicherheitsbusiness selbstständig. Freiheit und Abenteuer als Privatermittler locken. Den Firmensitz richtet er in der neuen kleinen Mietwohnung ein. Trifft er Kunden, darf M. bei einem Anwalt an der Zürcher Bahnhofstrasse die Büros benutzen. M. hat ein grosses Kontaktnetz, bei den Sicherheitsbehörden und im Finanzsektor. Seine Beziehungen will er nun nutzen, zu Geld machen.

Wie gerufen kommt da, dass der Bankenplatz ein existenzielles Problem hat: Die Deutschen drohen nicht nur, sie handeln auch. Sie haben angefangen, Millionen für Kontoinformationen auszugeben. So überführen sie Steuerhinterzieher mit Schwarzgeld in der Schweiz. In Bern betrachtet man dies allerdings als Wirtschaftsspionage. Die Bundesanwaltschaft fängt an, Bankangestellte zu verfolgen, die Informationen verkaufen. Am Gegenschlag will sich auch der neu geschaffene Schweizer Geheimdienst beteiligen. Beim eben fusionierten Nachrichtendienst des Bundes (NDB) sind auch zwei alte Polizeikollegen von Daniel M. gelandet. Das Trio startet jene Operation, die nicht nur für Daniel M. bis heute dramatische Spätfolgen hat, sondern auch für den NDB.

Sieben Jahre später werden nicht nur die beiden alten Kumpel von der Polizei mit Klarnamen in der Anklageschrift des deutschen Generalbundesanwalts auftauchen. Auch drei weitere NDB-Mitarbeiter werden genannt.

Zweifelhaftes Vorgehen

Geheimdienste scheuen das Licht. Doch ausgerechnet bei der heiklen Deutschland-Mission hinterlassen die NDB-Leute Spuren. Die Indianer mailen unverschlüsselt hin und her. Oft benutzte das Trio private E-Mail-Konten, manchmal aber auch dienstliche. Zudem verwendet es Klarnamen, keine Pseudonyme. Das ist im Spionagegeschäft ebenso ein No-Go wie die Vermischung von Privatem und Dienstlichem.

Mit einem NDB-Kontakt, einem stellvertretenden Kommissariatsleiter, ist M. besonders eng befreundet. Er ist sogar Götti eines Knaben des Geheimdienstlers. Kurz nach seinem Ausscheiden bei der UBS bekommt M. vom NDB-Kadermann einen folgenschweren Tipp: eine Sicherheitsfirma aus Frankfurt. Was in der Empfehlung nicht steht: Mehrere Angestellte des Unternehmens haben lange bei deutschen Geheimdiensten gearbeitet. Zwei von ihnen sind vorbestraft wegen Korruption. Es sind dies der Geschäftsführer und ein Ex-Staatsschutz-Kommissar. Ausgerechnet an sie gerät nun M.

Just im Monat, als der Tipp erfolgte, im September 2010, ermächtigt der Bundesrat die Bundesanwaltschaft, auch jene zu verfolgen, welche die Steuer-CDs kaufen: deutsche Steuerfahnder. Doch die Schweizer Strafverfolger stossen schnell an Grenzen, Landesgrenzen. Drei Rechtshilfeersuchen schicken sie nach Deutschland, drei bleiben unbeantwortet. M. hingegen kann grenzüberschreitend agieren. Auf der Autobahnraststätte Breisgau Ost trifft er im Oktober 2010 den Ex-Staatsschutz-Kommissar aus Hessen. Man beschliesst zusammenzuarbeiten.

M. soll Personalien liefern

Die Bundesanwaltschaft in Bern erfährt auch selber ein bisschen etwas über die Bankdatenkäufer, so die Nachnamen der wichtigsten Kavalleristen. Doch die biografischen Angaben bleiben spärlich. Selbst der langjährige Leiter der Steuerfahndung Wuppertal, Peter Beckhoff, ist für Bern noch ein grosser Unbekannter. Dabei ist er der Drahtzieher hinter dem ganzen Steuer-CD-Kauf. Die Bundesanwaltschaft bittet die Bundesrepublik «um rechtsgenügliche Einvernahme von Herrn BECKHOFF (weitere Personalien nicht bekannt), Steuerfahndung Wuppertal» und von dessen Mitarbeitern. Auch hier bleibt eine Antwort aus. Die Bundeskriminalpolizei holt den NDB ins Boot. Jetzt kommt M. richtig ins Spiel. Er soll die fehlenden Personalien liefern.

Die Kumpel beim NDB stellen ihm einen Kollegen vor, der einen Decknamen verwendet: Andi B. Er wird der Quellenführer von Daniel M. Andi B. übergibt seinem Neo-Agenten eine Liste, die sie Sudoku nennen. Darauf finden sich die Nachnamen dreier Steuerfahnder und wenige weitere biografische Angaben. Doch es klaffen viele Lücken.

Kreuzworträtsel mit Folgen

M. mailt die Liste – wie immer unverschlüsselt – am 6. Juli 2011 nach Frankfurt. Er bittet den Geschäftsführer der Sicherheitsfirma, das «Kreuzworträtsel» auszufüllen. Nach rund sechs Wochen ist dies geschehen. Vom E-Mail-Konto des korrupten Ex-Staatsschutz-Kommissars bekommt M. alle erwünschten Informationen zu den Steuerfahndern: Vornamen, Geburtsdaten, Adressen, Beruf, Telefonnummern. Sogar der Vorname von Beckhoffs Gattin wird geliefert, allerdings falsch geschrieben.

Die Frankfurter stellen für die Rätselei 9800 Euro in Rechnung. M. zahlt. Er habe das Geld dafür von Andi B. in bar bekommen, wird er aussagen. Sein Agentenführer sei sehr zufrieden mit ihm gewesen. Gleiches gilt für dessen Vorgesetzten drei, vier Hierarchiestufen höher: NDB-Vize Paul Zinniker lässt sich zu etwas hinreissen, was höchst ungewöhnlich ist im geheimen Geschäft: Zinniker will M. kennen lernen, um sich zu bedanken. Es kommt zu einem Treffen auf dem Zürcher Flughafen, das den NDB-Vize später ebenfalls ins Visier der deutschen Ermittler bringen wird.

Zuvor, im Frühjahr 2012, erlässt die Bundesanwaltschaft Haftbefehle gegen Beckhoff und zwei seiner engsten Mitstreiter. Verdacht: Anstiftung zur Bankgeheimnisverletzung. In den Haftbefehlen sind exakt die Angaben enthalten, welche M. aus Frankfurt erhielt, inklusive falscher Schreibweise bei Beckhoffs Ehefrau. Doch Deutschland kauft weiter Steuer-CDs. Versuchen die Indianer nun, einen Maulwurf bei der Kavallerie einzuschleusen?

Genau dies wird die Hauptfrage sein im Frankfurter Prozess. «M. gibt zu, das Sudoku ausgefüllt zu haben, aber das ist keine schwere Spionage», sagt sein Schweizer Anwalt Valentin Landmann. «Er bestreitet aber, eine Quelle bei der Steuerbehörden installiert zu haben.» Allerdings wissen auch die Richter, dass der Verdacht auf Aussagen des Angeklagten beruht.

Hat er alles aufgebauscht?

Im Februar 2015 wird M. ein erstes Mal verhaftet, in Zürich. Die Anschuldigung: Er soll selber mit gestohlenen Bankdaten gehandelt haben. Die Bundesanwaltschaft befragt ihn in Bern. Und Daniel M. erzählt von seinen Kumpel beim Geheimdienst, von der Mission gegen die Steuerfahnder, vom Sudoku und auch vom Maulwurf. Der NDB habe ihm 90'000 Franken für die «Implementierung des Spitzels in der Steuerfahndung Nordrhein-Westfalen» in Aussicht gestellt.

Nach wenigen Wochen kommt M. frei, doch im April 2017 wird er in Frankfurt erneut festgenommen. Auf der Fahrt ins Mannheimer Gefängnis kommt er wieder ins Reden. Er erzählt den Kripobeamten, die ihn begleiten, von der «ganzen Aktion», die er für den Schweizer Dienst durchgeführt habe – und auch von einer Quelle in der Finanzverwaltung.

«Konfitüre aufs Brot»

Später zieht M. diese Aussagen zurück. Er habe die Maulwurfsache ursprünglich aufgebauscht, weil er sich in der Schweiz Schutz im Strafverfahren erhofft habe. Deshalb habe er «Konfitüre aufs Brot» geschmiert. Ob man ihm das abnimmt? Die deutschen Ermittler haben im Frankfurter Sicherheitsunternehmen E-Mails beschlagnahmt. Sie stammen aus der Zeit der CD-Käufe und der Razzien bei deutschen UBS-Kunden.

Am 7. Dezember 2012 hat M. dem Geschäftsführer gemailt: «Habe soeben telefonisch den Zuschlag für den 90'000-Euro-Auftrag erhalten! Du kannst also loslassen . . .»

Die deutschen Ermittler suchen intensiv nach einem Maulwurf, doch von einem Fund ist nichts bekannt. Weil die Indianer nun keine Fährten mehr hinterliessen? Oder nur blufften?

Das Oberlandesgericht Frankfurt geht ab Mittwoch den Spuren nach.

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