Eine Merkel oder May täte dem Bundesrat gut

Die doppelte Frauenwahl markiert eine weitere Entkrampfung in der Geschlechterdebatte. Ob Frau oder Mann: Der Bundesrat braucht Kämpfernaturen.

Viola Amherd (CVP) und Karin Keller-Suter (FDP) helfen, die Geschlechterdebatte zu entkrampfen – gut so.

Viola Amherd (CVP) und Karin Keller-Suter (FDP) helfen, die Geschlechterdebatte zu entkrampfen – gut so.

(Bild: Keystone)

Patrick Feuz@patrick_feuz

Wenn nicht alles täuscht, ist es am nächsten Mittwoch so weit: Erstmals in der Geschichte der modernen Schweiz wählt die Bundesversammlung am gleichen Tag zwei neue Frauen in den Bundesrat. Was bedeutet das?

Ein guter Tag wird der Mittwoch für die Staatsgründerpartei, den Freisinn. Mit der Wahl der St. Gallerin Karin Keller-Sutter kann die FDP mit peinlicher Verspätung ihr Frauen-Trauma überwinden, das sie seit dem erzwungenen Rücktritt ihrer ersten und einzigen Bundesrätin, Elisabeth Kopp, vor fast dreissig Jahren mit sich herumträgt. Nach mehreren weiblichen Alibi-Kandidaturen macht die FDP diesmal deutlich, dass sie genau diese Frau im Bundesrat sehen will. Ihre Nicht-Wahl wäre ein Affront: Kompromissfähige Politikerin mit Regierungserfahrung, erfahrene Parlamentarierin mit breitem Netzwerk, Frau aus der Ostschweiz, die heute im Bundesrat nicht vertreten ist. Jetzt oder nie. Dass talentierte FDP-Männer reihum auf eine Kandidatur verzichtet haben, zeugt von ihrer Unlust zu verlieren, aber nicht nur – da drückt auch ein verändertes Bewusstsein durch. Selbst in der männerdominierten FDP findet sich heute nur noch ein Hinterbänkler wie Hans Wicki, der sich als Alibi-Kandidat hergibt, die Topfavoritin für die Nachfolge von Johann Schneider-Ammann herauszufordern.

Dass die CVP am Mittwoch sogar nur Frauen für den Sitz der zurücktretenden Doris Leuthard vorschlägt, ist zwar ein Stück weit Blendwerk. Das Doppel­ticket mit Viola Amherd und Heidi Z’graggen ist stark der aktuellen Personalkonstellation geschuldet. Mehrere geeignete Männer haben abgesagt, von Gerhard Pfister über Konrad Graber bis Pirmin Bischof, ­Stefan Engler und Walter Thurnherr. Die Absagen haben verschiedene Gründe, doch völlig losgelöst vom Frauendruck sind sie nicht. Es ist schwierig, gegen eine Frau anzutreten, wenn das Risiko besteht, dass im dümmsten Fall künftig nur noch eine Frau im Bundesrat sitzt. Am Schluss hat sich die CVP-Fraktion in dieser Situation gesagt: Wenn schon kein zwingender CVP-Mann im Angebot ist, (Peter Hegglin ist es nicht), dann lieber zwei Frauen ins Rennen schicken.

5. Dezember 2018, Frauentag im Bundeshaus. Zufälle haben dazu beigetragen, in ihrer Summe sind sie aber mehr als Zufall. Parteien, die nicht mehr um Frauen in Spitzenämtern herumkommen, wollen sie sich nicht selber abschaffen. Männer, die sich zurücknehmen, weil der Druck gross ist, die weibliche Bevölkerungsmehrheit in der Landesregierung einigermassen zu spiegeln. Eine Bundesversammlung, die definitiv das Geschlecht in den Katalog der geschriebenen und ungeschriebenen Auswahlkriterien für Bundesratswahlen aufnimmt. Die doppelte Frauenwahl ist der vorläufige institutionelle Höhepunkt beim Nachvollzug eines gesellschaftlichen Wandels, der in vielen Lebensbereichen bewirkt hat, dass Frauen in Schlüsselpositionen eine Selbstverständlichkeit sind. Normalisierung nun auch im Bundeshaus.

Um gewählt zu werden, müssen Frauen heute nicht mehr besser sein als Männer. Auch das gehört zur Entkrampfung in der Geschlechter­debatte. Weder die Walliser CVP-­Nationalrätin und frühere Halbzeit-Stadtpräsidentin Viola Amherd noch CVP-Regierungsrätin Heidi Z’graggen aus Uri ragen heraus. Viele frühere Bundesräte taten es auch nicht. Mit dem männlichen Durchschnitts-Bundesrat können Amherd und Z’graggen locker mithalten. Müssen Anwärterinnen für politische Spitzenämter nicht mehr Überkandidatinnen sein, ist das für Frauen mit Ambitionen überall in der Schweiz ermutigend.

Egal, ob Frau oder Mann – gut so. So kann man von allen dasselbe verlangen. Etwa Führungsstärke und Überzeugungskraft. Davon braucht es im Bundesrat in den nächsten Jahren deutlich mehr als bisher. Bleibt es beim heutigen unkoordinierten Vorgehen und Minimalkonsens, dann kommt der Bundesrat in der ungemütlichen Phase, die sich ankündigt, nicht weit. Weder im schwierigen Verhältnis zur EU noch im Ringen um die mehrmals hinausgeschobene Sicherung der Sozial­werke. Natürlich sagen am Schluss Parlament und Volk, wo es langgeht. Aber ein Bundesrat, der sich zusammenrauft und dann geschlossen für seine Lösung hinsteht, würde vieles erleichtern.

Vielleicht bringen ja Keller-Sutter und auch Viola Amherd oder Heidi Z’graggen die Frauenpower, die wir anderswo bewundern. Wie Angela Merkel allen Widerständen zum Trotz in heissen Phasen die Linie hält und Theresa May wie eine Löwin für ihren Brexit-Deal kämpft, obschon fast niemand auf sie wettet: grosse Klasse. Eine Merkel oder May täte auch dem Bundesrat gut.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt