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Zu viele Experten an der Volksschule

Ist die Volksschule kindgerecht oder ein Spielball von Politik und Wissenschaft? Dieser Frage gingen gestern vier Experten an einer Podiumsdiskussion nach.

Zur Veranstaltung eingeladen hatte die Interessengemeinschaft «Kindgerechte Schule», eine vom Kinder- und Jugendpsychologen Allan Guggenbühl ins Leben gerufene lose Gruppe. «Wir haben kein politisches Programm», betonte Guggenbühl, «wir sind einfach Leute, die sich Sorgen machen.» Zur Gruppe gehören der Zürcher Kinderarzt Remo Largo, der Berner Pädagogikprofessor Fritz Osterwalder sowie der Bündner Sek-Lehrer und Sprachdidaktiker Urs Kalberer. Sie diskutierten gestern an der ETH in einem brechend vollen Hörsaal anhand von zehn Thesen über die Volksschule.

  • Die Volksschule kann nicht alles, und sie darf nicht alles, was sie kann: Die Schule könne nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen, sagte Fritz Osterwalder. Deshalb sei eine klar eingeschränkte Aufgabenstellung wichtig.
  • Die öffentliche Schule ist keine Angelegenheit von Spezialisten und Verwaltung: Osterwalder ortete hier eine Fehlentwicklung. Nicht mehr bürgernahe Milizgremien, sondern Experten beanspruchten zunehmend die Zuständigkeit. Eltern, die mitreden wollten, würden ihre Kinder zunehmend in eine Privatschule schicken.
  • Emotionen und Beziehungen sind Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen: Allan Guggenbühl sah diese Voraussetzungen in Gefahr, weil die Kinder immer mehr Lehrer hätten: «Es fühlt sich niemand mehr zuständig.»
  • Pflege der Mundart und Geschichte: Heimische Kultur und Sprache dürften im Unterricht nicht zu kurz kommen, sagte Guggenbühl. Das diene der Integration und Identifikation mit der Gesellschaft.
  • Zu viel Wettbewerb schadet: Diese These vertrat Largo. Auch er war der Ansicht, dass eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler zentral ist.
  • Die Schule muss Verantwortung wahrnehmen: Largo stellte sich in dieser Frage gegen Osterwalder. «Wir können von den Eltern schon mehr Verantwortung fordern – was aber, wenn sie diese nicht wahrnehmen?» Es sei im Interesse der Gesellschaft, dass die Schule Tagesstrukturen biete.
  • Gute Schüler sind Mädchen: Die Schule müsse umgestaltet werden, damit auch Buben wieder mehr Chancen hätten, forderte Largo. Heute seien nur 40 Prozent der Gymnasiasten Buben.
  • Frühes Sprachenlernen ist ineffizient: Urs Kalberer zitierte aus seiner eigenen Master-Studie, die gezeigt habe, dass es keinen Vorteil bringe, bereits früh eine Fremdsprache zu unterrichten. «Meine Studie wird aber ignoriert», sagte er.
  • Theorie und Praxis in der Lehrerausbildung klaffen auseinander: Die Lehrerschaft dürfe nur noch ausführen, was Spezialisten planten, klagte Kalberer.
  • Lehrerweiterbildung ist ein Machtinstrument: Die pädagogischen Hochschulen hätten ein Monopol in der Lehrerbildung, erklärte Kalberer. Das diene der Qualität nicht.

In der anschliessenden Diskussion zeigte sich, dass die vier Experten in einem einig waren: Die Bildung werde zu sehr von Experten dominiert, die Erfahrung der Lehrer werde zu wenig beachtet. Unterschiedlicher Ansicht waren sie in Sachen Hochdeutsch im Kindergarten: Kalberer und Guggenbühl waren dagegen, Osterwalder sah mehr Vor- als Nachteile. Largo sagte, dass man die Muttersprache ohnehin nur fördern könne, wenn man bereits im Alter von zwei Jahren damit anfange: «Im Kindergarten ist der Zug abgefahren.»

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