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Spielgruppe statt Fernseher und Computer

Um den sprachlichen Rückstand von vielen Migrantenkindern aufzuholen, muss man bereits vor dem Kindergarten ansetzen. Und ihre Eltern miteinbeziehen.

«Din Muul stinkt», sagt Amam. Das Mädchen, dem die Provokation gilt, reagiert nicht, und auch die Kindergärtnerin ignoriert Amam. Kurze Zeit später wiederholt er den Satz und wird diesmal auch verstanden: Das kleine Mädchen beklagt sich bei der Kindergärterin, und diese versetzt Amam auf einen Stuhl, der etwas abseits steht. Nach einigen Minuten darf er sich wieder zu den andern Kindern gesellen.

«Wenn sich ein Kind sprachlich schlecht ausdrücken kann, zieht es die Aufmerksamkeit durch Provokationen auf sich», sagt die Kindergärtnerin Angela Mathies. Sie hat im Heiligkreuz-Kindergarten im gleichnamigen Aussenquartier der Stadt St. Gallen alle Hände voll zu tun, um die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zu lenken. Beim Vorlesen der Geschichte über eine Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt, muss sie permanent zur Ruhe mahnen. Nach vier Lektionen hinterlässt Mathies einen erschöpften, aber zufriedenen Eindruck: Der Vormittag verlief unruhig, zuweilen hektisch, aber nie chaotisch. «Wir machen täglich Fortschritte. Und im Vergleich mit früheren Klassen sind wir schon weiter», sagt Mathies.

Zwei Drittel Ausländer im Quartier

19 Kinder aus 14 verschiedenen Ländern sind in ihrer Klasse. Damit spiegelt der Kindergarten ziemlich exakt die soziale und ethnische Zusammensetzung des Quartiers: Rund 70 Prozent Ausländer aus 74 verschiedenen Ländern wohnen in Heiligkreuz, viele sind Sozialfälle und Invalide. Nicht wenige Menschen, besonders aus dem ehemaligen Jugoslawien und Schwarzafrika, haben traumatische Kriegserfahrungen durchgemacht, bevor sie in die Schweiz gekommen sind.

Den Migrantenfamilien ist bei allen Unterschieden gemeinsam, dass sie ihre Kinder «in überbehüteten Verhältnissen aufwachsen lassen», wie die Kindergärtnerin Angela Mathies konstatiert. Die Kinder würden die Freizeit tendenziell zu Hause verbringen statt auf dem Spielplatz. Dadurch mangle es ihnen an Kontakt zu andern Kindern, was sich wiederum auf die Entwicklung ihrer Sprache auswirke. Sie würden vor dem Fernseher oder Computer sitzen, statt einmal ein Bilderbuch anzuschauen oder in den Park zu gehen. «Und fast immer sind ihre Mütter dabei, aus Angst, es könnte etwas passieren», sagt Angela Mathies.

Wer so aufwächst und dermassen beschützt wird, liegt punkto Spracherwerb praktisch von Anfang an im Rückstand. Mathies hat festgestellt, dass Migrantenkinder weniger sprechen und daher auch einen ärmeren Wortschatz aufweisen. Der Fernsehkonsum bestimmt ihre Vorstellungswelt, von dort stammen auch ihre Heldenfiguren. Als die Kindergärtnerin die Geschichte mit der Raupe einführte, musste sie die Figuren zunächst in der Turnhalle zusammen mit den Kindern nachspielen: die Schnecke, den Grashüpfer, den Käfer, die Raupe und den Schmetterling. Die wenigsten Kinder kannten diese Tiere, weil sie noch nie in einem Wald gewesen waren.

Abbau von Schwellenängsten

Um daran etwas zu ändern, beziehen die Kindergärtnerinnen von Heiligkreuz konsequent die Eltern ein. Vor vier Jahren haben sie Spielgruppen initiiert, damit einerseits die Kinder bereits vor dem Kindergarten untereinander stärker in Kontakt kommen und so nicht zuletzt die Sprache schneller und besser lernen. Anderseits ist auf diese Weise auch die Schwellenangst der Eltern gegenüber der Institution Kindergarten/Schule gesunken, denn man kennt sich schon länger und hat bereits positive Erfahrungen miteinander gemacht. Spielnachmittage beispielsweise haben den Eltern Ideen vermittelt, wie man die Freizeit anderweitig verbringen kann, als das Kind nur vor den Fernseher zu setzen.

Dass sich solche Initiativen lohnen, lässt sich an konkreten Resultaten ablesen: Diesen Sommer waren bis auf drei sämtliche Kinder sprachlich und intellektuell so weit entwickelt, dass sie den Übertritt in die Schule schafften.

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