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«Manchmal sehen alle nur das Haar in dieser Suppe»

Die Schule sei durch Reformen spürbar besser geworden, sagt die Zürcher Bildungsdirektorin. Den Einbezug der Eltern findet sie gut – sofern er sich in Grenzen hält.

«Die Volksschule ist gemeinschaftsbildend»: Regierungsrätin Regine Aeppli besucht am ersten Schultag die Sekundarschule in Niederweningen.
«Die Volksschule ist gemeinschaftsbildend»: Regierungsrätin Regine Aeppli besucht am ersten Schultag die Sekundarschule in Niederweningen.
Beatrice Devènes

Wie gut ist unsere Schule heute noch? Ich bin stolz auf unsere Schule. Dieser Stolz ist auch objektiv begründet. Nach den ersten Resultaten der Pisa-Studie, welche die Leistungen von Schülern international vergleicht, war das Land erst einmal geschockt. Wir gingen davon aus, dass wir die besten Schulen der Welt hätten, und stellten plötzlich Schwächen fest. Etwa beim mangelhaften Lesevermögen. Seither haben wir mit zusätzlichen Fördermassnahmen in diese Schwachstellen investiert. Die Nachfolgeuntersuchungen von Pisa haben spürbare Verbesserungen ergeben.

Trotzdem reisst die Kritik an Schulen, Lehrern und Funktionären nicht ab. Manchmal denke ich, wir sitzen um einen grossen Suppentopf mit zahlreichen Zutaten, und alle sehen nur das Haar in dieser Suppe. Im Grossen und Ganzen sind unsere Schülerinnen und Schüler sehr motiviert, ebenso die Lehrerinnen und Lehrer. Aber bei 135 000 Volksschülern im Kanton gibt es auch Probleme.

Man hat das Gefühl, die Schule habe in den letzten Jahren ständig Reformen durch- geführt. Was hat sich wirklich verändert? Im Wesentlichen ist es eine Reform: das neue Volksschulgesetz. Die Elemente werden nun umgesetzt: Blockzeiten, mehr Selbstverantwortung der einzelnen Schulen, Tagesstrukturen für die ausserschulische Betreuung, Schulleitungen. Zudem investieren wir viel in Fördermassnahmen für schwächere und begabte Schüler. Doch Strukturreformen allein führen noch nicht zu einem guten Unterricht. Letztlich hängt dessen Qualität stark von der Lehrperson ab. Es darf keine Frage von Glück oder Pech sein, ob ein Kind einen guten oder weniger guten Lehrer bekommt. Das ist heute noch zu oft der Fall.

Zu den Merkmalen des Berufs gehört, dass Lehrer nicht entlassen werden. Müsste das nicht einfacher möglich sein, um die Qualität der Schule zu heben? Wir sollten die Qualität der Schule steigern, indem wir den Job attraktiver machen, auch für Quereinsteiger. Eine Hire- and-fire-Politik vertrete ich nicht.

Die Lehrer sind nicht besonders glücklich über die Reformen. Ihr Dachverband hat unter den Mitgliedern ermittelt, dass nur gut ein Viertel glaubt, die Reformen seien sinnvoll und würden auch seriös umgesetzt. Die Unzufriedenheit bei einem Teil der Lehrpersonen hat mit den Besonderheiten dieses Monopolberufes zu tun. In anderen Berufen kann man das Feld wechseln oder klettert die Karriereleiter hoch. Wir können die Lehrpersonen aber nicht vor Veränderungen schützen. Die Schule ist nie fertig gebaut, sondern muss Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel finden – das ist auch die Erwartung der Eltern und der Wirtschaft.

Viele Eltern haben ob all der Reform- debatten die Übersicht verloren und sind ermattet. Hat man sie zu wenig einbezogen? Die Zustimmung des Stimmvolks zu den Reformen im Schulwesen war gross. Die Mitwirkung der Eltern gehört zu diesen Reformelementen. Ihre Ansprüche sind aber ständig gewachsen und zudem sehr unterschiedlich. Wir beziehen die Eltern mit ein, können aber nie alle Forderungen erfüllen. Ich glaube, die Unzufriedenheit der Eltern hat andere Ursachen.

Welche? Die Globalisierung hat die Eltern verunsichert. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder später nicht im wirtschaftlichen Treibsand stecken bleiben. Die Schule soll ihnen Standfestigkeit vermitteln, die beste Vorbereitung auf ihr späteres Berufsleben bieten. Doch es gibt keine festgelegten Karrieren mehr. Auch Kinder aus bildungsnahen Familien können nicht sicher sein, dass sie später ein gutes Einkommen haben.

Das müssen Sie doch begrüssen, wenn Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Ich finde die Mitarbeit der Eltern sehr wichtig, wir machen gute Erfahrungen mit den Elternräten. Eltern und Schule vermitteln dem Kind gemeinsam das nötige Rüstzeug fürs Leben, deshalb muss der Dialog stattfinden. Aber die Eltern werden deswegen nicht zu pädagogischen Fachleuten. Es wäre falsch, wenn sie den Fächerkanon und die Schülerbenotung mitbestimmen.

Die SVP wirft der Schule heute Kuschel- pädagogik vor und trifft bei vielen Leuten einen Nerv, die mehr Strenge fordern. Eltern und Lehrpersonen wissen, dass weder eine Kuschel- noch eine Rutenpädagogik funktionieren. Kinder brauchen Regeln und Zuwendung. Ich glaube nicht, dass die SVP bei Familien punkten kann.

In mehreren Kantonen kommt es zu Urnengängen über das Harmonisierungsprojekt der Volksschule namens Harmos. In Luzern ist die Opposition riesig. Haben Sie das erwartet? Nein, das Volk hat mit klarer Mehrheit diese Schulharmonisierung gewollt. Und jetzt wird in den wenigen Kantonen, wo noch kein zweijähriges Kindergarten-Obligatorium besteht, auf das Schuleintrittsalter fokussiert. Über 80 Prozent der Kinder besuchen schon heute den zweijährigen Kindergarten ab dem vierten Altersjahr. Es ist deshalb keine bahnbrechende Neuerung, sondern eine Konsolidierung des Bestehenden für das ganze Land.

Umstritten sind auch die Tagesstrukturen. Die Kantone sollen Hortplätze schaffen. Doch Eltern erleben, dass einige Horte vor allem Aufbewahrungs- stationen sind, wo die Kinder kaum aktiv gefördert werden. Da bin ich anderer Meinung. Horte werden von ausgebildeten Hortnerinnen geführt. Sie helfen bei den Aufgaben oder machen Spiele im Freien. Entscheidend ist, dass wir ein qualitativ überzeugendes Angebot an ausserschulischer Betreuung haben, das kann ein Hort oder eine Tagesschule sein.

Wir behaupten: Mittelstandseltern, die in öffentlichen Horten den vollen Tarif zahlen, überlegen sich, ihren Nachwuchs an private Tagesschulen zu schicken. Das kostet sie nicht viel mehr, und die Kinder werden dort ganzheitlicher gefördert – auch musisch. Wir sind jetzt an der Umsetzung der Tagesstrukturen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir machen vorwärts – auch im vorschulischen Bereich. Was mir wichtig ist: Die Volksschule ist die letzte Institution in unserem Land, wo alle unabhängig von Schicht, Religion und Herkunft zusammenkommen. Wir leben in einer multikulturellen Welt, mit der wir lernen müssen umzugehen. Deshalb bin ich eine klare Verfechterin der öffentlichen Schule.

Sie sind also nicht für eine freie Schulwahl? Da kommt ja eine Initiative auf Sie zu. Ich weiss noch nicht, was die Initiative will. Wenn sie verlangt, dass der Staat auch alle Privatschulen finanziert, bedeutet dies mehrere zusätzliche Steuerprozente. Und ich bezweifle, dass das politisch mehrheitsfähig ist.

Die Privatschulen boomen aber schon jetzt, vor allem auch bei Familien, die aus dem Ausland zuziehen. Zunächst müssen wir festhalten: Noch immer besuchen 94 Prozent aller Schüler die öffentliche Schule. Mit der boomenden Wirtschaft sind viele ausländische Firmen und qualifizierte Mitarbeiter in die Schweiz gezogen. Sie schicken ihre Kinder an International Schools, damit sie deren Anschluss an weiterführende Ausbildungen sicherstellen können. Wenn dies zum allgemeinen Trend wird, so ist das heikel: Die Volksschule ist gemeinschaftsbildend. Wenn wir die Gesellschaft zusammenhalten wollen, braucht es diese Klammer.

Beunruhigt Sie die Entwicklung einer Zweiklassenbildung? Wenn alle nur noch in ihren Milieus verkehren, so findet eine Art Refeudalisierung statt. Politisch beunruhigt mich das. Als Bildungsdirektorin setze ich alles daran, dass das öffentliche Schulsystem konkurrenzfähig bleibt gegenüber den privaten Angeboten. Wir wollen die Eltern überzeugen, dass ihre Kinder an den öffentlichen Schulen ebenso gefördert werden wie an den privaten. Die Pisa-Tests haben gezeigt, dass die Leistungen an öffentlichen Schulen im Schnitt genauso gut und oft besser sind als an Privatschulen.

Harmos führt messbare Leistungsstandards ein. Im Prinzip könnte man damit eine Rangliste der Schulen publizieren. Gefällt Ihnen der Gedanke? Wir verfügen über zahlreiche Leistungsdaten und wissen, wo die Schwächen liegen. Wir wollen aber nicht einzelne Schulen an den Pranger stellen, weil sie ja nicht selber über die Zusammensetzung der Schülerschaft bestimmen können.

Sie sind also auch gegen die freie Schulwahl unter den öffentlichen Schulen? Ja. Prinzipiell finde ich es nicht schlecht, wenn die Schulen in einem gewissen Wettbewerb stehen untereinander. Doch die freie Schulwahl könnte zur Folge haben, dass man die Schulen, die heute von den Gemeinden betrieben werden, kantonalisieren müsste, um Planungssicherheit herzustellen. Mir ist wichtiger, dass wir jetzt die inhaltlichen Reformen sauber umsetzen, als das System umzukrempeln.

In ein paar Tagen fällt der Startschuss zur nächsten Reform, jener der Oberstufe. Was ist das wichtigste Ziel? Die Oberstufe ist extrem vielfältig ausgestaltet – die Gemeinden haben die Möglichkeit, unter mehreren Modellen zu wählen. Eine einheitlichere Neugestaltung der Oberstufe ist bisher am Widerstand der Lehrerschaft gescheitert. Das prioritäre Ziel der Reform ist, mehr Durchlässigkeit zwischen den Leistungsniveaus zu schaffen und «Restschulen» zu verhindern.

Sie setzen den Fokus auf die Schwachen? Nein, das Ziel sind bessere Lernerfolge für alle Schüler. Wir haben mit den Langzeitgymnasien die Möglichkeit zur Eliteförderung. Es ist nicht meine Absicht, oben abzubauen. Aber wir sehen vor allem ganz unten Handlungsbedarf, bei den Kleinklassen und den Sekundarschulen C.

Die Schweiz steht punkto Chancengleichheit schlecht da, wir bekleiden laut OECD-Studien einen der hinteren Ränge. Lässt sich das überhaupt ändern? Es gibt kaum ein Land mit so viel Multikulturalität wie die Schweiz. Wir hatten lange Zeit eine Zuwanderung von bildungsfernen Menschen. Die Schule kann nicht die Reparaturwerkstätte der Gesellschaft sein: Integration muss in allen Politikbereichen erfolgen. Mit der neuen Zuwanderung von Hochqualifizierten werden sich neue Fragen stellen: Wir werden die Hände bezüglich Chancengleichheit wohl nie in den Schoss legen können.

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