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Acht Jahre denselben Lehrer und keine Noten

Nicht jedes Kind passe in die Volksschule, sagen jene Eltern, die für die freie Schulwahl kämpfen. Doch die entsprechende Initiative brächte einigen Privatschulen Nachteile.

SteckbriefKlasse: Rudolf-Steiner-Schule Jakobsberg Ort: Basel Schüler: 28 Schweizer, 3 Deutsche, 1 Kurde Klassenlehrer: Dieter Schaffner Letzte Schulreise: Zum Bergkristall nach Flüelen Klassenfoto im neu gestalteten Schulhof, aufgenommen von den Jugendlichen mit dem Selbstauslöser: Die Klasse 7a der Rudolf-Steiner-Schule in Basel.
SteckbriefKlasse: Rudolf-Steiner-Schule Jakobsberg Ort: Basel Schüler: 28 Schweizer, 3 Deutsche, 1 Kurde Klassenlehrer: Dieter Schaffner Letzte Schulreise: Zum Bergkristall nach Flüelen Klassenfoto im neu gestalteten Schulhof, aufgenommen von den Jugendlichen mit dem Selbstauslöser: Die Klasse 7a der Rudolf-Steiner-Schule in Basel.
Klasse 7a

Das Mädchen braucht eine derart gewählte Sprache, sie trägt ihren Vortrag übers Ferienbuch so flüssig, fehlerlos und frei vor, dass sofort klar wird: Es handelt sich um ein Ausnahmetalent. Ja, wird Klassenlehrer Dieter Schaffner später bestätigen, die Schülerin sei im sprachlichen Bereich hochbegabt. Und trotzdem lobt er sie nicht nur. «Was gelang weniger gut?», will er von der Klasse 7a der Rudolf-Steiner-Schule in Basel auch wissen. «Zu schnell», murmeln einige. Die Dreizehnjährige hatte ihre Buchrezension herunter gehaspelt, schneller gesprochen, als andere hören können. Und das erträgt es in dieser Schule noch weniger als anderswo. Denn in der Klasse sitzen nebst besonders Begabten auch Jungen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten; teils mit massiven.

«Wir schlagen nicht alle Kinder über denselben Leisten», sagt Lehrer Schaffner, der die Klasse schon seit mehr als sechs Jahren unterrichtet. «Wenn ich sehe, dass ein Schüler mitarbeitet und sich entwickelt, reicht mir das, um ihn mitzutragen, auch wenn er mit seinen Leistungen nicht überall das Niveau der andern erreicht.»

Gelassenheit, bis sich der Knopf löst

Noten kennt die Steiner-Schule erst ab der 9. Klasse. Und einige der Jugendlichen – ob gute oder weniger gute Schüler – sind erleichtert darüber. Er spüre hier weniger Druck, sagt beispielsweise Oliver, der vor einem Jahr von der Volksschule hierhin wechselte. Er habe fast nie mehr Angst vor Prüfungen. «Wenn mir eine nicht gelingt, so verlangt Herr Schaffner von mir, dass ich sie verbessere und mehr übe. Aber ich habe nicht mehr diesen Notenstress.» Fiona stimmt zu: Sie fühle sich freier, weil nicht die Note der Massstab aller Dinge sei.

«Selbstverständlich bewerten auch wir die Leistung der Kinder», betont Schaffner. Dies geschehe mit einem mündlichen oder schriftlichen Feedback. Auch informiere man in regelmässigen Gesprächen die Eltern, wo ihr Kind stehe. «Aber unsere Leistungskontrollen sind nicht ganz so engmaschig wie an den staatlichen Schulen. Wir fokussieren nicht auf die Defizite, sondern auf die Entwicklung eines Kindes.» Oft schon habe er es erlebt, sagt Schaffner, dass ein Schüler im Rechnen erst in der Oberstufe den Knopf gelöst habe und dann sein Defizit innert kurzer Zeit aufholen konnte. Bei gewissen Kindern brauche es eine Portion Gelassenheit, um deren Entfaltung erst zu ermöglichen.

Die Lehrer der Steiner-Schule sind überzeugt, trotz grosser Klassenzüge die Entwicklung der Kinder gut zu spüren. Auch deshalb, weil sie den Stoff blockweise vermitteln. Immer morgens steht der Epochenunterricht auf dem Stundenplan: Während bis zu vier Wochen wird in den ersten zwei Morgenstunden ein einziges Fach unterrichtet; in der Basler Klasse zur Zeit Physik. An diesem Morgen geht es um Schwingungen. Anhand von Versuchen mit einer Stimmgabel lernen die Kinder, wie sich Schwingungen verbreiten, in welchem Element der Ton besonders schnell verstummt. Die Versuche scheinen die Kinder anzuregen, das akribische Rapportieren derselben weniger. Zettelchen werden unter der Bank durchgereicht, Konversationen in Zeichensprache geführt – so wie in jeder Volksschule.

«Natürlich gibt es auch Klagen über den Blockunterricht: Vier Wochen Mathe seien ganz schön anstrengend, kriegen wir bisweilen zu hören», räumt der Oberstufenlehrer Daniel Hering im Gespräch ein. «Doch die Blöcke bringen die Schüler dazu, in eine Materie einzutauchen.»

Die Schüler selbst kommen nicht darauf zu sprechen. Auf die Frage, was das Besondere an der Schule sei, nennen sie vielmehr ihre Freude am Werken, am Gartenbau oder am Musizieren im Orchester. «Dadurch dass wir handwerkliche und musische Fächer gleich gewichten wie intellektuelle, ermöglichen wir auch intellektuell schwächeren Schülern Erfolgserlebnisse», sagt Hering. Letztlich gehe es darum, die Schüler zu lebenstüchtigen Menschen zu formen: «Im Wissen darum, dass nicht jeder dieselben Fähigkeiten mitbringt.»

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