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Angst vor schlechtem Ruf

Die Befürworter der Cannabis-Legalisierung preisen den Hanfanbau als attraktive Nische für die Schweizer Bauern. Die Landwirte sind indessen uneins, ob sie die Chance nutzen wollen.

Der Anbau von psychoaktivem Hanf könnte für die Schweizer Bauern zum Geschäft werden – zumindest wenn man von der Zahl der regelmässigen und gelegentlichen 500000 Schweizer Cannabis-Konsumenten ausgeht, die von den Experten in der Hanf-Debatte genannt wird. Die Befürworter einer Cannabis-Legalisierung sehen im Anbau des berauschenden Krauts für die Schweizer Bauern denn auch eine Chance, ein neues Nischenprodukt zu produzieren – frei von ausländischer Konkurrenz notabene. Ob die Landwirtschaft diese Chance erhält, entscheiden die Schweizerinnen und Schweizer am 30. November bei der Abstimmung über die Hanf-Initiative, die neben dem Konsum und Verkauf auch den Anbau von Cannabis legalisieren und in geregelte Bahnen bringen will.

«Erhebliches Potenzial»

Doch die Schweizer Landwirte mögen sich nicht so recht freuen ob der Aussicht, künftig den Schweizer Kiffern ganz legal ihren Stoff liefern zu können. Der Schweizerische Bauernverband (SBV) etwa stand noch vor wenigen Jahren einer Legalisierung von Cannabis neutral gegenüber. Nun hat die 100-köpfige Landwirtschaftskammer des SBV aber die Nein-Parole zur Hanf-Initiative gefasst. Zwar hatte der Vorstand Stimmfreigabe beantragt, da es sich um eine gesellschafts- und nicht um eine landwirtschaftspolitische Frage handle. Die Mehrheit des SBV-Parlaments habe jedoch «ein gesellschaftspolitisches Zeichen setzen wollen», sagt SBV-Sprecherin Sandra Helfenstein zur Entscheidfindung des Verbands.

Der Anbau von psychoaktivem Hanf würde für die Schweizer Bauern «ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial» darstellen, räumt die SBV-Sprecherin ein. Trotzdem stelle sich der Verband gegen die Legalisierung. Cannabis habe inzwischen «einen schlechten Ruf erhalten» und die Mehrheit der Landwirtschaftskammer habe deshalb «nicht zu den Promotoren eines legalen Anbaus» gehören wollen.

Gutes Geld mit legalen Drogen

Der Initiative stehen selbst Bauern skeptisch gegenüber, die mit dem staatlich subventionierten Anbau legaler Drogen gutes Geld verdienen. Zu ihnen gehört der Zürcher Nationalrat und Landwirt Max Binder, der mit seinem Sohn auf seinem Familienbetrieb rund 100 Hektaren Tabak anpflanzt. Für Binder ist klar, dass der Anbau von Rauschhanf dem Ansehen der Schweizer Landwirtschaft schaden würde. Zwischen Tabak und Cannabis bestünden grosse Unterschiede. Cannabis sei eine «hochwirksame Droge», welche die Psyche negativ beeinflusse und neben der Gesundheit auch die Leistungsfähigkeit massiv schwäche. Tabak sieht Binder dagegen als «Genussmittel». Dieses könne zwar zur Sucht werden, das sei aber «nicht anders als bei Schokolade» oder einem anderen Produkt, das im Übermass konsumiert wird.

Nebenerwerb für Kleinbauern

«Das ist hanebüchen», findet dagegen Herbert Karch, der Geschäftsführer der Schweizer Kleinbauern-Vereinigung (VKMB). Sie hat im Gegensatz zum Bauernverband die Ja-Parole herausgegeben. Es gebe heute keinen Grund mehr, Hanf und seine Produkte anders zu behandeln als Reben, Schnapsfrüchte, Hopfen, Braugerste oder Tabak. Sein Verband sehe die Legalisierung als Chance der Kleinbauern, eine neue Nische in Beschlag zu nehmen: «Ein paar Hundert Schweizer Bauern hätten damit einen guten Nebenerwerb.»

Ihre Ja-Parole verknüpft die Vereinigung unter anderem an die Bedingung, dass die Anbaufläche auf 2000 Quadratmeter pro Betrieb beschränkt wird. «Damit wollen wir sicherstellen, dass der Anbau in seinen Dimensionen kontrollierbar bleibt», sagt Karch, räumt jedoch ein, dass eine solche Begrenzung gleichzeitig den Interessen der Kleinbauern entsprechen würde.

«Ideal für Bio-Anbau»

Vor allem jüngere Bauern hoffen laut Karch auf ein Ja zur Initiative. Zu ihnen gehört der 28-jährige Kilian Baumann aus Suberg im Berner Seeland. Baumann führt einen Bio-Mischbetrieb mit extensiver Rindfleischproduktion und Ackerbau. Der Cannabisanbau wäre für Baumann «eine rentable Ergänzung». Die Hanfpflanze sei einfach zu kultivieren, arbeitsextensiv und für den biologischen Anbau ideal, da sie kaum Herbizide oder Insektizide benötige. Der Seeländer Landwirt räumt ein, dass der Anbau und Verkauf des Cannabis künftig streng kontrolliert werden müsste. Nur so sei der heutige Schwarzmarkt mit allen negativen Begleiterscheinungen zu beseitigen.

Zwist in Hanfszene

Für Zwist sorgt die Hanfinitiativen aber nicht nur unter Landwirten und Bauernverbänden, sondern auch in der (Bauern-)Hanfszene: Überraschend wirbt der Verein Schweizer Hanf-Freunde und Freundinnen (VSHF) für ein Nein zur Initiative. Diese Organisation um den Anwalt Jean-Pierre Egger kämpft seit Jahren für den Erhalt des sogenannten Bauernhanfs mit geringem Rauschpotenzial. Der VSHF befürchtet, dass die Behörden bei einer Annahme der Initiative nicht mehr zwischen Drogenhanf und dem THC-armen Bauern- bzw. Industriehanf unterscheiden werden, der unter anderem für Kosmetika, Textilien oder als Lebensmittelzusätze verwendet wird. Tatsächlich wäre bei einem Ja zur Initiative mit einer Meldepflicht zum Anbau aller Hanfsorten zu rechnen. Der sogenannte Bauernhanf, so die Befürchtung des VSHF, könnte damit nicht mehr frei angebaut werden – stattdessen müssten sich die Hanfbauern mit bürokratischen Auflagen herumschlagen.

Für die Initiative wirbt dagegen der Aargauische Hanf-Produzenten-Verein (AHPV). Er vereint gegen 200 Mitglieder aus dem Aargau und benachbarten Kantonen – die laut Präsidentin Marion Borri aber wegen «andauernder Scherereien» mit Polizei und Justiz kaum mehr Hanf anbauen. Der Verein beansprucht für seine Mitglieder nämlich das Recht, Hanf mit einem hohem THC-Gehalt anzubauen, wenn der Nachweis erbracht werden kann, dass er nicht für Rauschmittel verwendet wird. Eggers Befürchtung, die noch bestehenden Freiräume zu verlieren, sei «nicht ganz unbegründet», sagt Borri. Trotzdem hinke das heutige Gesetz hinter der Realität her, und dieser Missstand müsse behoben werden.

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