Diskrete SDA-Journalisten treten aus dem Schatten

Mit einem Warnstreik haben Mitarbeitende der Nachrichtenagentur SDA in Bern gegen Entlassungen demonstriert – trotz Einschüchterungsversuch der Geschäftsleitung.

Video: Sda

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Wenn eine Zeitung an einem reich befrachteten Tag keinen Mitarbeiter findet, der die örtliche Parlamentssitzung abdeckt, setzt sie auf die SDA. Ist die Personaldecke zu dünn, um eine Journalistin an eine Medienorientierung zu schicken, nimmt man «die Agentur». Fast alle Schweizer Medien setzen auf die Schweizerische Depeschenagentur, und das seit über 120 Jahren. Oft weiss man nicht, wer den in trockener, sachlicher, schnörkelloser Sprache verfassten Artikel geschrieben hat, die Kürzel sind einem nicht geläufig. Man weiss aber, dass die Fakten allermeistens stimmen, andernfalls kommt umgehend eine berichtigte Fassung hinterher.

SDA-Leute gehen auf die Strasse

Am Dienstag sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SDA aus dem Schatten ihrer diskreten Hintergrundarbeit getreten und gingen buchstäblich auf die Strasse. Über hundert SDA-Leute bewegten sich mit Transparenten und schriller Trillerpfeifenbegleitung vom Hauptsitz im Länggassquartier in den nahen Mappamondo-Saal. Mitarbeitende von SDA-Aussenstellen liessen ihre Arbeit für drei Stunden ruhen und kamen nach Bern, um gegen die «Verweigerungshaltung» ihrer Geschäftsleitung zu protestieren. Kulturschaffende wie der Sänger Büne Huber und der Schriftsteller Alex Capus unterstützten sie. Capus hatte einst bei der SDA gearbeitet und dort nach eigenem Bekunden kurz und bündig schreiben gelernt. Pensionierte «Agenten» schlossen sich an, so Oswald Sigg, SDA-Chefredaktor vor Jahrzehnten.

Er bezeichnete die Agentur als Service public, als unentbehrliche Tragkonstruktion des Journalismus. Vertreter der Mediengewerkschaft Syndicom und des Journalistenberufsverbands Impressum kritisierten das Vorgehen der SDA-Geschäftsleitung, 36 von 150 Vollzeitstellen zu streichen, wovon über 80 Personen betroffen sind. Gleichzeitig würden die Löhne der Kaderleute erhöht. Für den Shareholder-Value würden den Aktionären Millionen in den Rachen geworfen.

Politik ist beunruhigt

Auch unter der Bundeshauskuppel ist man beunruhigt, verlässt sich doch auch der Bund auf den stetigen Informationsfluss der SDA. Die Berner Nationalratsmitglieder Regula Rytz (Grüne) und Matthias Aebischer (SP) gingen an der Versammlung mit den SDA-Chefs hart ins Gericht, aber auch mit den Verlegern, den Besitzern der SDA. Aebischer griff Tamedia an, die auch den «Bund» herausgibt. Es sei ein Skandal, dass ein grosser Verlag mit hohen Gewinnen darauf abziele, Millionenbeträge aus der SDA zu pressen. «Dieses Geld gehört der SDA!» Im voll besetzten Saal erschollen Buh-Rufe. Rytz warf den SDA-Verantwortlichen vor, eine Agentur zu demontieren, ohne zu wissen, wie diese künftig arbeite, wenn sie mit der Bildagentur Keystone fusioniere.

Diese Führung habe von Betriebswirtschaft keine Ahnung. BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti, die sich ebenfalls mit Medienpolitik befasst, war persönlich verhindert, liess aber eine Botschaft verlesen: Sie sei «zutiefst beunruhigt», denn hier werde das «Rückgrat des Journalismus» beschädigt. «Ich bin für einen Abbaustopp, damit andere Lösungen gefunden werden können», so Quadranti.

Kündigung im 10-Minuten-Takt

Genau dies forderten die 150 SDA-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter am Dienstag in einer Resolution. Doch die Geschäftsleitung der SDA lässt sich nicht so viel Zeit und setzt ihren Plan dennoch um. Noch während der Versammlung erhoben sich im 10-Minuten-Takt Mitarbeitende und verliessen mit hängenden Schultern den Saal, da sie zu Funktionsgesprächen bei ihren Chefs aufgeboten waren. Einige kamen danach mit einer Änderungskündigung zurück, erklärten Mitarbeiter dem «Bund» – oder gar mit dem blauen Brief. (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2018, 22:00 Uhr

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