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Die Urner Justiz sieht keine Verschwörung

Das Obergericht in Altdorf rollt den Fall um Cabaretbesitzer Ignaz Walker neu auf. Die Anklage fordert eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren.

«Ich war es nicht»: Cabaretbetreiber Ignaz Walker (2. von rechts) spielte bei der Verhandlung im Altdorfer Rathaus vorerst nur eine Nebenrolle. Zeichnung: Robert Honegger
«Ich war es nicht»: Cabaretbetreiber Ignaz Walker (2. von rechts) spielte bei der Verhandlung im Altdorfer Rathaus vorerst nur eine Nebenrolle. Zeichnung: Robert Honegger

Wer sich im Landratssaal des Altdorfer Rathauses umsieht, entdeckt überall Symbole der Rechtschaffenheit: Armbrust und Köcher auf den Türflügeln, geschnitzte Hellebarden, und auf einer Flagge hinter dem Präsidentenstuhl vier Stierköpfe, darüber je die Buchstaben U - R - I. An diesem Donnerstag tagt aber nicht das Parlament, sondern das Obergericht – um sich zum dritten Mal mit einer Affäre zu befassen, die das Ansehen der Urner Staatsgewalt mehrfach in Mitleidenschaft gezogen hat. Das Bundesgericht in Lausanne hat die fünf Oberrichter verpflichtet, ein Gewaltverbrechen neu aufzurollen: den Fall Ignaz Walker. Ein Dutzend Reporter sind angereist. In den Sitzreihen, von wo aus normalerweise Politiker Debatten führen, machen es sich neugierige Zuschauer bequem.

Auch nach sieben Jahren gibt es kein rechtskräftiges Urteil. So lange ist es inzwischen her, seit in Erstfeld in einer Novembernacht mehrere Pistolenschüsse auf eine Ukrainerin abgefeuert wurden. Die Frau überlebte mit einer Kugel in der Lunge, Cabaretbetreiber Walker war damals mit ihr verheiratet. Die Urner Justiz wirft ihm vor, einen Auftragskiller angeheuert zu haben, um sie zu töten. Der Kroate Sasa Sindelic ist als Schütze rechtskräftig verurteilt; er hat seine Strafe bereits abgesessen.

Wer war der Schütze?

Ignaz Walker sagt, es gehe ihm schlecht, er hat eine Operation hinter sich. Seit seiner Verhaftung sagt er stets dasselbe: «Ich war es nicht.» An diesem Tag spielt er aber nur eine Nebenrolle. Die Verhandlung dreht sich zunächst um den Tresor des Obergerichts. Darin lagern versiegelte Akten der SRF-Sendung «Rundschau», welche die Richter angefordert haben. Die TV-Journalisten warfen die Frage auf, ob womöglich alles ganz anders war – und Walker einem Komplott zum Opfer fiel. Demnach sollte die Angeschossene zusammen mit ihrem Freund und Sasa Sindelic einen Pakt geschlossen haben, um einen Anschlag vorzutäuschen und so Walker, in Uri ohnehin eine Reizfigur, per Falschanschuldigung loszuwerden.

Auch der Name des wahren Schützen solle sich in dem Dossier befinden – der Bruder des verurteilten Sasa Sindelic.

Auch der Name des wahren Schützen solle sich in dem Dossier befinden – der Bruder des verurteilten Sasa Sindelic. «Die Wahrheit darf nicht in einem Tresor des Obergerichts verstauben», sagt Walkers Verteidiger Linus Jaeggi zu den Richtern, nachdem er den Namen selbst ins Spiel gebracht hat. Der Anwalt fordert, das Gericht müsse sich mit den «Rundschau»-Akten befassen. Ebenso müsse man den Bruder befragen und sich mit dem Schreiben eines Ex-Vizedirektors der Strafanstalt Thorberg befassen, dem Sasa Sindelic ebenfalls vom wahren Schützen berichtet habe. Das Obergericht lehnt die Anträge ab. Das Bundesgericht habe die «Komplott-Theorie» definitiv verworfen, sagt der Obergerichtsvizepräsident Thomas Dillier. Das «Rundschau»-Dossier soll ans SRF zurückgehen, der Bruder wird nicht befragt.

Danach taucht das Gericht nochmals in den 15'000-Seiten-Fall ein. 2013 hatten die Urner Oberrichter Ignaz Walker wegen Mordversuchs und versuchter Tötung zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Bundesgericht kippte den Entscheid 2014 ein erstes Mal. Die Urner Justiz habe einen Zeugen nicht befragt – und sich auf eine kriminalistische Merkwürdigkeit abgestützt: Es war unklar, wie eine DNA-Spur Walkers auf die Patronenhülse gelangt war.

Im zweiten Anlauf entschied das Obergericht 2016 auf 28 Monate Freiheitsstrafe wegen Gefährdung des Lebens. Hintergrund: Walker soll im Januar 2010 auf einen holländischen Bekannten geschossen haben – der Schuss ging daneben. Der Mordauftrag gegen Walkers Ehefrau sei aber nicht bewiesen; Walker kam in der Folge frei. Aber auch diesen Entscheid stiess das Bundesgericht im Frühling 2017 um, mit einer Begründung von seltener Schärfe: Das Obergericht habe willkürlich argumentiert, das Urteil sei geradezu «unhaltbar». Die Urner Richter hätten den Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» falsch angewendet und jene Indizien, die Walker belasteten, unter den Tisch fallen lassen.

Walker verlässt den Saal

In seinem Plädoyer fährt Verteidiger Linus Jaeggi nun eine Doppelstrategie: Er kritisiert fehlende Sorgfalt des Bundesgerichts – Lausanne könne die 15'000 Seiten des Falls gar nicht gelesen haben. Gleichzeitig argumentiert er, das Obergericht könne den Auftragskiller-Freispruch beibehalten, es müsse seinen letzten Entscheid einfach besser begründen.

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz ortet dagegen eine «gewisse Begriffsstutzigkeit» beim Verteidiger. Nach dem Urteil aus Lausanne sei alles andere als eine langjährige Freiheitsstrafe «einfach keine ernst zu nehmende Option mehr». Imholz fordert darum 15 Jahre. Walker sei «hier und jetzt» wegen Fluchtgefahr wieder in Haft zu nehmen.

Die anwesenden Polizisten rühren sich aber nicht, als Ignaz Walker nach 18 Uhr den Gerichtssaal verlässt – mit einem Urteil ist frühestens in einigen Wochen zu rechnen. Die Verhandlung wird am Montag fortgesetzt.

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