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Die Neutralität ist eine Schweizer Lebenslüge

CIA und deutscher Geheimdienst haben für eine gigantische Spionage-Aktion unsere Neutralität missbraucht. Wirklich überraschend ist das aber nicht.

Der Hauptsitz der Crypto AG in Steinhausen.
Der Hauptsitz der Crypto AG in Steinhausen.
Keystone

Eine Zuger Firma fliegt als Schaltstelle einer Spionageoperation von spektakulärem Ausmass auf. Ab den frühen 1970er-Jahren haben die CIA und der deutsche Nachrichtendienst über manipulierte Chiffriergeräte aus der Schweiz über 100 Staaten abgehört. Die Amerikaner haben so womöglich bis in jüngster Zeit Regierungen und Armeen ausspioniert.

Ausgehorcht haben Deutsche und Amerikaner etwa argentinische Generäle im Falkland-Krieg und iranische Revolutionsgarden während der Besetzung der US-Botschaft in Teheran. Sie nehmen für sich in Anspruch, mit der Abhöroperation, die ein halbes Jahrhundert dauerte, Leid abgewendet zu haben. Womöglich haben sie damit aber auch solches angerichtet.

So oder so: Die Enthüllung tut weh. Sie zeigt, dass die Neutralität, die den Schweizerinnen und Schweizern bis heute heilig ist, häufig scheinheilig ist. Die amerikanischen und deutschen Geheimdienste haben direkt von unserer Neutralität und dem guten Tech-Image der Schweiz profitiert – diese waren der Hauptgrund, warum ausgerechnet bei uns so viele Verschlüsselungsgeräte gekauft wurden. Dass sie manipuliert waren, müssen hiesige Amtsträger gewusst haben: im Nachrichtendienst und Militär ebenso wie in Justiz und Politik. Denn die Schweiz stand im Kalten Krieg ­faktisch im westlichen Lager. Der Schweizer Nachrichtendienst arbeitete eng mit den Amerikanern zusammen und ist bis heute auf US-Hilfe angewiesen. Deshalb wurden und werden Augen zugedrückt.

Man kann es so sagen: Die Neutralität war und ist ein Stück weit Folklore. Politiker und Militärs belügen damit das Volk und dieses lässt sich gerne belügen. Umso mehr, als damit auch gute Geschäfte zu machen sind. Wenigstens im konkreten Fall zahlt die Schweiz nun aber im Nachhinein womöglich einen Preis für ihre Flexibilität: politisch und wirtschaftlich. Ob die Guten Dienste der Schweizer Diplomaten oder Produkte von Schweizer Tech-Firmen, sie könnten ­mangels Vertrauen in die Unabhängigkeit unseres Landes künftig weniger nachgefragt sein.

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