Die heile Welt entpuppte sich für eine Syrerin als Hölle

Zuerst floh sie vor dem Krieg in die Schweiz, dann vor ihrem gewalttätigen Mann. Nun soll eine Syrerin mit ihren Kindern ausgeschafft werden.

Auch fernab des Krieges ist die Welt nicht heil: Die syrische Mutter mit ihren beiden Kindern. Foto: Jürg Spielmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Reise der Hoffnung. Das soll es im Sommer 2016 werden. R. O.* packt ihre beiden jüngeren Kinder ins Auto. Sie verlassen das nordeuropäische EU-Land Hals über Kopf. Ihr Ziel: der sichere Schoss der Familie. Die Eltern und die Geschwister von R. O. sowie vier Cousins mit Frauen und ein Onkel leben in der Schweiz. Letzterer seit zwei Jahrzehnten. Er vermittelt seiner Nichte einen Anwalt – das erhöhe die Chancen, bleiben zu können, erklärt er ihr. Er schickt sie ins Empfangs- und Verfahrenszentrum nach Kreuzlingen, wo sie sich, ohne Ausweispapiere, mit ihren Kindern registrieren lässt. Und um Asyl ersucht.

Es ist die zweite Flucht von R. O. binnen Monaten. Die erste führte die Kurdin aus Afrin im Nordwesten Syriens mit ihren drei Kindern nach Nordeuropa – es ist die Flucht vor dem Krieg. Die zweite Flucht ist die vor dem Ex-Mann. «Ein gewalttätiger Mensch, der Normen, Sitten und die Justiz völlig ignoriert», beschreibt ihn die Schwester von R. O. in einem Brief an die Behörden. Zu ihm war R. O. im Juli 2015 geflüchtet. Obwohl ihre Ehe schon in Syrien sehr schwierig gewesen sei, wie sie erzählt. Dem Ex folgte sie im Rahmen eines Familiennachzugs; er lebte da bereits drei Jahre im europäischen Land – zusammen mit seiner ganzen Familie.

Fernab des Krieges werde sicher alles besser, habe sie ihre Familie zu diesem Schritt ermuntert. Ein Trugschluss. Nach Aussagen R. O.s machte er ihr und den Kindern auch in der vermeintlich heilen Welt durch gewalttätige Übergriffe und Drohungen das Leben zur Hölle. Sie entrann dieser, riss mit den Kindern aus. Zwei Monate fand R. O. Schutz in einem Frauenhaus, so ist es in Unterlagen festgehalten. Später sei ihr eine Nachbarin beigestanden und habe, wenn sie die blanke Angst übermannte, bei ihr übernachtet. Dann die Flucht.

In der Schweiz fühlen sie sich in Sicherheit

Seit Oktober 2016 leben Tochter B.* (12) und Sohn N.* (9) mit ihrer Mutter im Durchgangszentrum in Hondrich im Kanton Bern. Hier fühlen sie sich in Sicherheit, hier gewinnen sie allmählich Vertrauen – jeden Tag ein klein wenig mehr. Anders der ältere, der 14-jährige Sohn. Ihn habe der Vater auf seine Seite gezogen und unter seine Fittiche genommen. Die Mittdreissigerin – sie spricht bereits erstaunlich gut Deutsch – legt eine Hand auf ihre Brust, tippt mit einem Finger aufs Herz und sagt mit fragiler Stimme: «Er hier sehr schwarz.» Sie müsse bei ihm bleiben – oder er töte sie, schiebt sie nach, wie ihr der Vater ihrer Kinder gedroht habe. «Er wollte aber nicht mich, sondern einzig die Kinder.»

R. O. ist sich sicher, dass seine Familie ihr nach dem Leben trachtet, da diese keine Scheidung akzeptiert. 2016 habe ein Cousin ihres Ex-Mannes in Syrien seine Frau, Mutter eines fünf Monate alten Babys, getötet. «Ungesühnt», wie sie betont. Im selben Jahr sollen im nordeuropäischen Land eine Frau und ihre zwei Töchter umgebracht worden sein.

Der Ex-Mann hat die Syrerin auch schon in der Schweiz bedroht. Dieser Fall ist polizeilich dokumentiert.

Über die sozialen Medien und ihre Schwester, die einen B-Ausweis besitzt und in einem Nachbarkanton lebt, hat ihr Ex-Mann sie auch schon in der Schweiz bedroht. Dieser Fall ist polizeilich dokumentiert. Wo R. O., B. und N. leben, weiss er offensichtlich nicht.

Die Initialen anstelle der Namen sollen Rückschlüsse auf die Identität der jungen Familie verhindern, ebenso der Verzicht auf die Nennung des Einreiselandes. Zum Schutz von Mutter und Kindern. Ein Schutz, den ihnen die Schweiz nicht länger bieten will. Das haben die höchsten Richter in St. Gallen beschlossen. Das letztinstanzliche und rechtskräftige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. Februar fiel zuungunsten der Asylsuchenden aus. Es wies deren Beschwerden gegen den Entscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) ab. Das SEM hatte am 20. September 2017 entschieden, nicht auf die Asylgesuche einzutreten und R. O., B. und N. wegzuweisen. Ausschaffen in einen sicheren Drittstaat. Als das gilt das nördlich gelegene EU-Land. In ihm hatte die Syrerin nach der Flucht im Sommer 2015 um Asyl ersucht. Und erhalten. Darum sei das Land unverändert für sie zuständig, befand nach dem SEM auch das Bundesverwaltungsgericht. Wie aus dessen Urteil hervorgeht, teilen die Nordländer diese Ansicht.

Eine Gefahr von Leib und Leben, die eine Wegweisung unzulässig machen würde, wird im Urteil verneint. Ausserdem sei das Rückführungsland imstande, die Frau angemessenen zu schützen. Auch finden die Richter, dass der Gesundheitszustand die Beschwerdeführenden nicht als verletzliche Personen erscheinen lasse, deren Gesundheit oder Leben bei einer Rückschaffung in Gefahr geraten könnte.

Die Familie ist in therapeutischer Behandlung

Genau hier setzt Jürg Walker, der Anwalt von R. O., an. «Ich sehe die einzige Chance darin, diese Behauptung zu widerlegen, das heisst, den Beweis anzutreten, dass die Familie halt doch sehr verletzlich ist.» Einem Wiedererwägungsgesuch zum Wegweisungsvollzug ans SEM liess der Anwalt Schreiben von Fachpersonen folgen. Mutter und Kinder sind in therapeutischer Behandlung. In einem Brief von Psychologin Margrit Gerber, die R. O.s Geschichte für glaubwürdig hält, ist zu lesen: «Sie leidet unter einer mittelschweren depressiven Reaktion gemischt mit extremen Angstzuständen, Schlafstörungen und Albträumen nach wiederholter erheblicher Gewaltexposition in der Ehe.» Ihr Sohn und ihre Tochter stünden unter «einem extremen Druck und müssen psychisch betreut werden». Sie sind traumatisiert.

Auch die Schwester von R. O., die Schule Hondrich und der Arzt der Kollektivunterkunft Bärgsunne in Hondrich verfassten Briefe zuhanden der Behörde. Sie hoffen, damit doch noch eine Wende initiieren zu können. «R. O. hat sich vor ihrem gewalttätigen Ehemann in Sicherheit bringen müssen und wird von ihm fortgesetzt erheblich bedroht. Die Ausschaffung würde demzufolge nicht in erster Linie eine Familienzusammenführung bedeuten, sondern eine ernsthafte Gefährdung von Mutter und Kindern», schreibt der Spiezer Hausarzt. Im Sinne einer humanitären Behandlung bittet er die Zuständigen, «unverzüglich auf den Ausschaffungsentscheid zurückzukommen». Das SEM bestätigt auf Anfrage den Eingang der Unterlagen. Zu Einzelfällen äussert es sich nicht – grundsätzlich nicht (siehe unten).

«Der Entscheid mag wohl rechtens sein, menschlich ist er eine absolute Katastrophe.» Eine Bezugsperson von R.O.

«Die Situation ist absolut dramatisch», sagt eine Bezugsperson von R. O. aus Hondrich. «Der Entscheid mag wohl rechtens sein, menschlich ist er eine absolute Katastrophe.» Die Familie sei bestens integriert, die Mutter ein Vorbild im Asylzentrum, in dem sie die gesamte Wäsche bewirtschafte und mit ihren Sprachkenntnissen das Team unterstütze. Auch, so ist in der Bäuert zu vernehmen, kümmere sie sich «beispielhaft um ihre wohlerzogenen Kinder». B. und N. fühlen sich wohl in der Dorfschule – und sind beliebt. R. O. betont, sie würde gerne arbeiten und ohne Geld von der Sozialhilfe den Kindern eine Zukunft aufbauen. Der Konjunktiv steht nicht für Gewissheit.

Vollzug in den Ferien?

Vielmehr zerreisst die Ungewissheit die Betroffenen und ihre Bekannten fast. Man weiss nicht, wann eine allfällige Wegweisung droht. Für deren Vollzug ist der Migrationsdienst des Kantons Bern zuständig. Es kann manchmal schnell gehen. In der Spiezer Bäuert wird befürchtet, dass die Ausschaffung in den nahen Frühlingsferien vollzogen werden könnte – dann, wenn B. und N. nicht aus ihren Klassen hinausgerissen werden müssten. Was, wenn es dazu kommt? Wie Anwalt Jürg Walker sagt, gäbe es keine legale Alternative mehr. Ohne Papiere untertauchen dürfte für R. O. mit den Kindern indes schwierig sein. Und ist alles an­dere als ihr Ziel. «Meine Mandantin ist registriert, taucht sie mit den Kindern irgendwo in Europa auf, wird sie in die Schweiz oder ins Ersteinreiseland zurückgeschafft.» Einzig Syrien müsste sie noch aufnehmen, sagt Walker. Seit dem blutigen türkischen Sturm auf Afrin ist dies eine miserable Option. Eigentlich keine.

Der Blick ist leer, die dunklen Augen ohne jeden Glanz. R. O. wirkt müde. Sie gehe lieber zurück nach Syrien als dorthin, wo ihr Ex-Mann warte, sagt sie leise. «Da werde ich ohnehin getötet.»

Sie will mit ihrer kleinen Familie nur eines – bleiben. Die Reise in die Schweiz sollte doch eine der Hoffnung sein.

*Namen der Redaktion bekannt

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.05.2018, 09:45 Uhr

Kein Kommentar zu einzelnen Fällen

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) sah vom Bundesverwaltungsgericht seinen Wegweisungsentscheid vom letzten September bestätigt. Wie äussert sich das SEM zum Fall von R. O. und deren Kindern, welchen die Abschiebung in ein nordeuropäisches EU-Land droht, in welchem ihnen mutmasslich Gefahr droht?

«Aus datenschutzrechtlichen Gründen darf sich das SEM nicht zu Einzelfällen äussern», lässt Pressesprecher Lukas Rieder wissen. Es könne aber bestätigen, dass zurzeit ein Wiedererwägungsgesuch hängig sei und der zuständige Anwalt ­darüber informiert worden sei. Letzteres stellt Jürg Walker, der Rechtsbeistand von R. O., B. und N. allerdings in Abrede. Weil das Gesuch über die Ostertage hängig war, lässt sich daraus schliessen, dass der Vollzug der Ausschaffung nicht unmittelbar bevorsteht. Eine konkrete Antwort darauf gibt es nicht. Auf die Frage, inwieweit das SEM die mit dem Wiedererwägungsgesuch eingereichten Unterlagen von medizinischen Fachleuten würdige, meint Sprecher Rieder: «Das SEM prüft jede Eingabe indivi­duell und sorgfältig nach Massgabe der Umstände im konkreten Einzelfall. Es versteht sich von selbst, dass alle vorliegenden Aktenstücke bei der Beurteilung berücksichtigt werden.»

Keine eigentliche Antwort gibt es auch auf die Frage, wer den Vollzug der Wegweisung konkret entscheide respektive unterschreibe. Das Bundesverwaltungsgericht habe den Wegweisungsentscheid des SEM bestätigt, so Rieder. «Im Rahmen eines Wiedererwägungsverfahrens prüft das SEM, ob gesetzlich festgelegte Gründe vorliegen, welche es rechtfertigen könnten, diesen Wegweisungsentscheid aufzuheben.»
Mit der menschlich-moralischen Komponente konfrontiert, fällt Lukas Rieders Replik sachlich aus: Entscheide würden im Rahmen eines rechtsstaatlichen Verfahrens durch ein Gericht überprüft. «Wegweisungsentscheide, die rechtskräftig sind, werden vollzogen, denn zu einer glaubwürdigen Asylpolitik gehört es auch, dass Menschen, die des Schutzes unseres Landes nicht bedürfen, die Schweiz wieder verlassen müssen.»

Artikel zum Thema

Syrien-Krieg: Schweiz soll Völkerrecht in Erinnerung rufen

Der Bundesrat soll die Kriegsparteien dazu auffordern, ihre Truppen aus Syrien abzuziehen. Aus Sicht der Neutralität ist das heikles Unterfangen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...