«Die Gehirne der Wähler wurden gehackt»

Experten warnen vor E-Voting. Dabei könnte die Technik gegen Fake-News-Kampagnen helfen, sagt Informatik-Professor Bryan Ford.

Birgt Risiken, aber auch sehr viele Vorteile: Das E-Voting-Angebot für Auslandsschweizer soll für alle gelten. Foto: Keystone / Gian Ehrenzeller

Birgt Risiken, aber auch sehr viele Vorteile: Das E-Voting-Angebot für Auslandsschweizer soll für alle gelten. Foto: Keystone / Gian Ehrenzeller

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Immer mehr IT-Experten und Politiker warnen vor der elektronischen Stimmabgabe. Eine Volksinitiative für ein Verbot wird derzeit ausgearbeitet. Sie hingegen loben die Behörden. Wieso?
Natürlich müssen wir die offenen Sicherheitsfragen sehr ernst nehmen. Aber nach intensiver Beschäftigung mit dem E-Voting-Prozess in der Schweiz bin ich sehr zuversichtlich. Ich denke, die zwei hiesigen E-Voting-Systeme der Post und des Kantons Genf zeichnen sich aus durch beispielhafte Sicherheit. Die elektronische Stimmabgabe ist in der Schweiz etwa gleich sicher wie die briefliche. Ein E-Voting-Verbot wäre nicht nur unangebracht, sondern auch sehr schädlich.

Warum?
Unsere Gesellschaft ist fundamental abhängig von digitalen Technologien. Viele dieser Technologien – nicht nur Social Media – sind aber extrem unsicher. Verglichen mit ihnen nehmen sich die Schweizer Sicherheitsanforderungen ans E-Voting sehr hoch aus. Ich erwarte, dass die Weiterentwicklung des E-Votings dereinst auch die Sicherheitsprobleme anderer Technologien reduziert.

«Wenn wir das Hirn-Hacking unterbinden wollen, sind wir dringend auf solche Technologie angewiesen»: Bryan Ford, Professor für Informatik an der ETH Lausanne.

Wie soll das gehen?
Nehmen Sie die Propagandakampagne bei den letzten US-Wahlen. Mithilfe von Internet-Trolls und Netzen von zentral gesteuerten Social-Media-Profilen ist es den Drahtziehern gelungen, Chaos und Unsicherheit zu verbreiten. Das Ziel der Kampagne war also nicht, in das elektronische Wahlsystem einzudringen und es zu manipulieren. Es waren die Gehirne der Wähler, die gehackt wurden. Mit Falschinformationen, Gerüchten und so weiter.

Was hat die E-Voting-Technologie damit zu tun?
Für unser Hirn ist es extrem schwierig, festzustellen, ob sich hinter einem Social-Media-Profil eine echte Person befindet oder nur ein sogenannter Bot. Es gibt also ein grosses Problem beim Identitätsmanagement. Hier könnten die für E-Voting entwickelten Technologien Abhilfe schaffen.

Wie?
Es ist eine Voraussetzung für E-Voting, dass Personen zweifelsfrei identifiziert und anschliessend wieder anonymisiert werden können. In den sozialen Medien fehlt genau diese Prüfung. Wenn wir das Hirn-Hacking unterbinden wollen, das fremde Mächte in den USA so erfolgreich betrieben haben, sind wir dringend auf eine solche Technologie angewiesen.

Sie sagen also, dass Lösungen für das E-Voting auch zur Erreichung von anderen, zivilen Zielen nützlich sein können?
Genau. Die Demokratie verschiebt sich immer mehr in den digitalen Raum. Für mich ist das ein unumkehrbarer Prozess. Die Systeme des E-Voting können dazu beitragen, die Sicherheit im Internet generell zu verbessern.

«Wenn etwa die Hacker vor E-Voting warnen, so geht es ihnen dabei nicht um die Schweizer Lösung, sondern um viel problematischere Systeme.»

E-Voting birgt aber auch neue Risiken: Die dezentrale Zählung der Stimmzettel in den Gemeinden garantiert heute, dass Manipulationen nur eine geringe Wirkung entfalten können. Wenn es schweizweit nur noch eine elektronische Urne gibt, greift dieser Mechanismus nicht mehr.
Auch bei E-Voting kann man die Auszählung der Stimmen dezentralisieren. Künftig werden die Stimmzettel in der E-Urne mit kryptografischen Verfahren auf unterschiedliche Server aufgeteilt. Erst anschliessend findet die Auszählung statt. Durch dieses Verfahren sind Manipulationen schwieriger und besser feststellbar. Der Effekt ist derselbe wie heute mit den Gemeinden.

Laien werden die Technologie hinter E-Voting kaum je verstehen. Wie sollen sie Vertrauen in solche Systeme schöpfen?
Das ist sicher eine grosse Herausforderung. Wir müssen lernen, den Leuten noch viel besser zu erklären, was beim E-Voting genau abläuft. Sicherlich trägt auch zum Vertrauen bei, dass der Bundesrat bei der nächsten Generation der Schweizer E-Voting-Systeme die Offenlegung des Quellcodes verlangt. Auf der anderen Seite beruht auch der heutige Wahlprozess schon stark auf Expertensystemen. So kann kein Bürger wirklich verifizieren, ob die Post sein Wahlcouvert wirklich im Wahlbüro zugestellt hat und der Stimmzettel in die Urne gelangt ist. Bei E-Voting kann der Bürger dies heute schon selbstständig prüfen.

Es fällt auf, dass viele Kritiker von E-Voting sehr affin sind für IT. Sagen Sie, dass diese Experten mit ihrer Kritik alle auf dem Holzweg sind?
Ganz im Gegenteil. Ein Grossteil der Kritik an der elektronischen Stimmabgabe ist absolut berechtigt. Aber man muss den Kontext beachten: Wenn etwa die Hacker vom deutschen Chaos Computer Club vor E-Voting warnen, so geht es ihnen dabei nicht unbedingt um die schweizerische Lösung, sondern um viel problematischere, undurchschaubarere Systeme, die anderswo eingesetzt werden. Zum Beispiel um die elektronischen Wahlmaschinen in den USA. Die Produktion dieser Maschinen ist ein Sicherheitsalbtraum. Fast alle Wissenschaftler, die sich solche Maschinen näher angeschaut haben, haben sie innert kürzester Zeit geknackt.

Was ist das Problem?
Die Behörden in den USA scheinen nicht sonderlich interessiert daran zu sein, die Sicherheit zu verbessern. In der Schweiz ist das Sicherheitsbewusstsein viel stärker ausgebildet. Jedenfalls bei den Behörden.

Was heisst das? Das Problem sind die Wähler?
Ihre Geräte. Also die Laptops, die Smartphones oder die Computer, die benutzt werden, um die Stimme elektronisch abzugeben. Die Regierung oder die Wahlkommission kann nicht sicherstellen, dass diese Geräte sauber sind. Vielleicht hat sich jemand mit einem Virus die Kontrolle über das Gerät verschafft, ohne dass es der Wähler bemerkt hat. Zwar kann der Wähler immer noch sichergehen, dass seine Stimme korrekt erfasst wurde. Was aber durchaus bedroht ist, ist die Privatsphäre des Wählers, das Stimmgeheimnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 13:28 Uhr

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