Demokratie ist keine Lotterie

Viele No-Billag-Gegner erwägen, am 4. März ein taktisches Ja einzulegen. Warum solches Denken gefährlich ist.

Bei einem Ja gibt es keine bessere SRG, sondern gar keine mehr. Foto: Keystone

Bei einem Ja gibt es keine bessere SRG, sondern gar keine mehr. Foto: Keystone

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Wer einen Ausflug plant, der konsultiert zuerst den Wetterbericht – und passt entweder seine Pläne oder seine Ausrüstung den zu erwartenden Bedingungen an. Die Grosswetterlage bezüglich der No-Billag-Abstimmung klarte ab Mitte Januar auf: Die Umfragen prognostizieren einen Meinungsumschwung. Während zuvor das Ja-Lager Oberhand hatte, plane nun eine Mehrheit, das Volksbegehren abzulehnen.

Doch diese «deutliche Mehrheit» ist keine homogene Masse. Viele Initiativgegner sind nämlich nicht vorbehaltlos einverstanden mit der SRG. Im privaten Rahmen, an Vernissagen, in Restaurants und in den sozialen Medien hört und liest man in jüngster Zeit Abwägungen, am 4. März vielleicht doch ein taktisches Ja zur Initiative einzulegen. Man ist zwar eigentlich gegen die Abschaffung der SRG, wünscht sich aber ein möglichst knappes Resultat in der Hoffnung, so den Reformdruck auf den Apparat zu erhöhen. Mit der Sicherheit der Umfrageergebnisse im Rücken glaubt man, sich das erlauben zu können. Das ist eine ebenso gefährliche wie unverantwortliche Haltung.

Bekanntes Phänomen

Taktisches Abstimmungsverhalten ist ein bekanntes Phänomen. Gerade bei Initiativen, denen keine grossen Erfolgschancen eingeräumt werden, wählen manche Stimmbürger die vermeintlich chancenlose Option, um ein knapperes Resultat zu erzielen und damit Unzufriedenheit zu signalisieren. Oft mit Erfolg, denn oft zeigen auch abgelehnte Initiativen letztlich Wirkung und setzen Prozesse in Gang.

Bei emotionalen Abstimmungen lagen Umfragen oft falsch.

Doch die Entscheidung, taktisch abzustimmen, setzt ein Vertrauen in Umfragen und ihre Prognosen voraus, das kaum gerechtfertigt ist. Und am Ende zählen nicht virtuelle Umfrageergebnisse, sondern einzig das konkrete Abstimmungsverhalten.

Analysten können sich irren

Haben wir es in den letzten Jahren nicht wieder und wieder erfahren? Gerade bei den hoch emotionalen Abstimmungen lagen die Umfragen falsch – mit dramatischem Resultat. Der Brexit hätte eigentlich an der Urne versenkt werden sollen – und wurde angenommen. Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten soll nicht einmal er selber gerechnet haben. Die Masseneinwanderungsinitiative zeigte lange eine Tendenz zur Ablehnung – und wurde nach einer kurzen und intensiven Ja-Kampagne überraschend und mit sehr knappem Resultat doch angenommen.

Video – Die No-Billag-Initiative in 150 Sekunden erklärt

Keine Ahnung von No Billag? Inlandredaktorin Claudia Blumer erklärt im Video, worüber wir am 4. März abstimmen. Video: Lea Koch

Medien lieben Umfragen und berichten regelmässig darüber. Dabei geht schnell vergessen, dass auch die besten Umfragen die Realität nie eins zu eins abbilden. So finden sie meistens telefonisch oder im Internet statt – womit die Auswahl der Befragten bereits eingeschränkt ist. Bei der Wahl von Donald Trump werteten Heerscharen von Analysten in Echtzeit Daten aus – und irrten sich doch.

Doch es ist nicht nur die Methodik, die das Bild verzerren kann. Dazu kommt ein aus der Quantenphysik bekanntes Prinzip: Der Akt der Beobachtung eines Experimentes beeinflusst dieses Experiment. Die Berichterstattung über das zu erwartende Resultat einer Abstimmung beeinflusst deren Ausgang.

Schock nach Brexit-Abstimmung

Nach der Brexit-Abstimmung waren zahlreiche Wähler geschockt. Sie waren von einer deutlichen Ablehnung ausgegangen, hatten deshalb ein taktisches Ja eingelegt – und nicht erwartet, dass ihr tatsächliches Wahlverhalten den Ausgang noch beeinflussen könnte. Das Gleiche droht jetzt bei No Billag.

Demokratie ist keine Lotterie. Und auch kein Sonntagsspaziergang, den man verschieben kann, bis das Wetter aufklart. Der Stimmbürger ist angehalten, sich eine Meinung zu bilden und dann eine Entscheidung zu treffen. Wer zum Schluss kommt, dass er die SRG nicht abschaffen will, und dennoch entgegen seiner Meinung stimmt, um «ein Zeichen zu setzen», nimmt einen entsprechenden Ausgang der Abstimmung in Kauf. Dabei bietet das demokratische System genug Möglichkeiten, auf politischem Weg seine Ziele zu erreichen. Wer ein Zeichen gegen die SRG setzen will, soll sich für eine Lösung engagieren, die er vorbehaltlos unterstützt. Alles andere ist unverantwortlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 06:03 Uhr

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