«Der Ausbildungslohn muss angehoben werden»

Dass die Schweiz jede zweite Krankenschwester im Ausland rekrutiere, sei unethisch, sagt Helena Zaugg, die Präsidentin der Pflegefachleute. Ihre Volksinitiative will das ändern.

Über 120'000 Unterschriften gesammelt: Mit einer Volksinitiative will der Verband der Pflegefachfrauen und -männer den Beruf stärken und so einen Personalmangel verhindern.
Markus Häfliger@M_Haefliger

In nur acht Monaten hat der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner über 114'000 Unterschriften für die Pflegeinitiative gesammelt. Wie haben Sie das geschafft?
Es war für uns eine grosse Herausforderung, weil wir das noch nie gemacht haben. Viele motivierte Mitglieder und auch Nichtmitglieder haben aber beim Unterschriftensammeln geholfen. Sie alle spüren, dass dringend etwas passieren muss, damit die Pflege in Heimen, Spitälern und zu Hause weiterhin gewährleistet werden kann. Bei den Leuten auf der Strasse rannten wir mit unserem Anliegen denn auch offene Türen ein.

Was ist denn das Problem der Pflege?
Das grösste Problem ist, dass wir viel zu wenig Pflegepersonal haben – vor allem gut ausgebildetes Fachpersonal. Derzeit werden nur 56 Prozent des benötigten Personals von der Schweiz selber ausgebildet. Bei den diplomierten Pflegefachpersonen – früher nannte man sie Krankenschwestern – sind es sogar nur 43 Prozent. Bisher wurde die Lücke mit ausländischem Personal gestopft, doch so kann es nicht weitergehen.

Warum nicht?
Inzwischen ist der Markt für Pflegepersonal auch im Ausland ausgetrocknet. Vor allem deutsche Pflegefachleute gehen wieder zurück. In Deutschland war der Mangel so gross, dass es für die Patienten richtiggehend gefährlich wurde. Deutschland hat darum Massnahmen ergriffen, damit der Beruf wieder attraktiver wurde. Hinzu kommt, dass es sehr unethisch ist, wenn die Schweiz anderen Ländern das Gesundheitspersonal abwirbt, bloss weil sie selber zu wenig ausbildet.

Ihr Initiativtext verlangt nun, dass Bund und Kantone künftig «eine genügende Anzahl diplomierter Pflegefachpersonen» zur Verfügung stellen. Das klingt ziemlich gummig.
Verfassungsartikel sind in der Regel nicht allzu konkret, damit es den nötigen Spielraum gibt bei der Umsetzung. Hinzu kommt, dass im Gesundheitswesen Bund, Kantone und die Arbeitgeber Einfluss haben. Daher ist es nicht möglich, allzu konkrete Vorgaben in die Verfassung zu schreiben.

Was müssten diese Akteure denn tun, um die Initiative umzusetzen?
Zwingend ist, den Ausbildungslohn für das Pflegepersonal anzuheben. Dieser beträgt heute zwischen 1000 und 1200 Franken. Wir wissen von Leuten, die diese Ausbildung gerne machen würden, sie sich aber schlicht nicht leisten können. Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen vor ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann bereits eine Matur gemacht oder eine Lehre abgeschlossen haben.

Ihre Initiative verlangt generell «eine angemessene Abgeltung der Pflegeleistungen». Sie wollen einfach mehr Lohn für alle?
Nein, in diesem Paragrafen geht es nicht um den Lohn, sondern darum, dass die Pflege in den geltenden Tarifsystemen aufgewertet wird, damit Spitäler, Pflegeheime und andere Institutionen überhaupt genügend Geld von den Kostenträgern erhalten, um genügend Pflegepersonal anstellen zu können.

Ihre Initiative verteuert unser Gesundheitssystem also weiter.
Gratis wird die Stärkung der Pflege sicher nicht. Es geht aber auch um die Frage, wie das Geld verteilt wird. Unsere Initiative bietet die Gelegenheit, über die Verteilung der Prämiengelder innerhalb des Gesundheitswesens neu nachzudenken.

Fliesst Ihrer Meinung nach zu viel Geld in die hochtechnisierte Medizin und zu den Ärzten und zu wenig in die Pflege?
Es ist sicher so, dass die Kostensteigerungen in der Pflege oder in der Spitex viel kleiner sind als in anderen Bereichen des Gesundheitssektors.

Um die Pflegeberufe wider attraktiver zu machen, genügt also einfach mehr Lohn und mehr Geld?
Natürlich nicht. Es braucht auch Massnahmen, damit die Leute im Beruf bleiben. Heute geben über 40 Prozent des ausgebildeten Personals ihren Beruf vorzeitig auf. Der Pflegeberuf muss darum generell attraktiver werden.

Wie soll das geschehen?
Heute braucht eine Pflegefachperson in einem Pflegeheim die Unterschrift eines Arztes, damit die Krankenkasse Pflegeleistungen wie Waschen oder das Anziehen von Kompressionsstrümpfen überhaupt bezahlt. Das ist ein sinnloser Leerlauf, der nur Kosten generiert. Unsere Initiative verlangt, dass das Pflegefachpersonal künftig nicht für die Anordnung jeder Pflegeleistung die Unterschrift eines Arztes einholen muss, sondern in eigener Kompetenz entscheiden darf. So würde ihre Kompetenz anerkannt und ihr Selbstwertgefühl gestärkt.

Was sonst bringt Ihre Initiative?
Spitäler, Heime und Spitexorganisationen müssten auch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern. Pflege ist ein ausgeprägter Frauenberuf. Es braucht darum Massnahmen, welche die Kinderbetreuung ermöglichen. Heute entstehen die Dienstpläne der Pflegenden manchmal erst wenige Tage im Voraus. Das ist unhaltbar, wenn man sein Privatleben planen muss.

Warum braucht es zu alledem eine Volksinitiative?
Weil die Pflegenden auf allen anderen Wegen nie Gehör fanden. Das Fass zum Überlaufen brachte das Parlament, als es im April 2016 die Parlamentarische Initiative des ehemaligen SVP-Nationalrats Rudolf Joder ablehnte. Joders Vorstoss wollte den Pflegenden damals mehr Verantwortung geben und damit den Beruf wenigstens etwas attraktiver machen. Als Bundesrat und Parlament sogar diese einfache Forderung abschmetterten, merkten wir, dass die Politik uns einfach nicht ernst nimmt. Darum haben wir jetzt zum ersten Mal in der 107-jährigen Geschichte unseres Verbands eine eidgenössische Volksinitiative lanciert.

Wenn auch diese Initiative nichts ändert, was dann?
Wenn noch mehr Pflegende aussteigen und noch weniger einsteigen, wird die Qualität der Pflege weiter sinken. Was die Folgen davon sind, zeigen internationale Studien eindeutig: Die Zahl medizinischer Komplikationen und Todesfälle im Gesundheitswesen steigt, die Patientensicherheit sinkt.

DerBund.ch/Newsnet

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